Die Migros verzichte künftig darauf, ihre Kreditwürdigkeit durch die Rating-Agentur Standard & Poor’s bewerten zu lassen, meldete kürzlich Gion Reto Capaul vom Vermögensberater Visual Finance. Damit lenkte der Anleihenspezialist das Augenmerk auf ein Segment, das sonst kaum Beachtung findet. Dutzende von Firmen, Gemeinden und Kantonen sind an der Schweizer Börse kotiert, aber nur im Segment der Anleihen. Darunter sind Konzerne wie Migros und Coop, zahlreiche Banken, insbesondere Kantonalbanken, und vor allem Kraftwerke. So können Anleger bei der Zürcher Kantonalbank, bei der Stadt Zürich oder auch beim Kanton über Obligationen in börsenkotierte Wertpapiere investieren.

Während Firmen mit kotierten Aktien vom Aktien- und vom Börsenrecht her ­rigide Vorschriften zur Transparenz ­befolgen müssen, sind die Auflagen bei Obligationen weit weniger restriktiv und die Informationen spärlich. Die wenigsten haben im Internet eine Investor-Relations-Abteilung wie Raiffeisen, die sich eigens um die Beziehung zu den Obligationenanlegern kümmert. Bei vielen Emittenten müssen sich die Anleger mit dem jährlichen Geschäfts­bericht ­begnügen, um Informationen über den Geschäftsgang und die Bonität des Schuldners zu erhalten. Da kann ein Kreditereignis schon mal mehr als ein Jahr zurückliegen, bis ein Obligationär davon erfährt. Entsprechend wichtig seien ­Kreditratings wie jenes von Standard & Poor’s, betont Capaul. Allerdings sollten Anleger noch andere Kriterien bei der Auswahl von Anleihen berücksichtigen. Neben der Beurteilung der Bilanz gehören auch weiche Faktoren dazu wie die Kompetenz des Managements, die Reputation als Schuldner und die Kommunikation gegenüber Obligationären.

Eine gute Beurteilungsbasis bieten verschiedene Banken wie die Credit Suisse mit dem jährlichen Kredithandbuch oder die Zürcher Kantonalbank mit ihrem ­Rating. Für Vermögensverwalter Kurt Haug, Jurymitglied im Private-Banking-Rating der BILANZ, steht daher die Bonität der Migros auch ohne Rating von Standard & Poor’s ausser Zweifel. Er ­meidet dieses Segment derzeit weniger wegen der Transparenz, sondern vielmehr wegen der mageren Renditen.

Solche Anleihen eignen sich nur für Anleger, denen der Werterhalt ihres Vermögens wichtiger ist als der Ertrag. ­Immerhin erhalten sie bei ähnlicher ­Sicherheit oft klar höhere Renditen als auf Kassenobligationen. Bei der Migros Bank etwa, die weiterhin von Standard & Poor’s benotet wird, beträgt der Zinssatz auf Kassenoblis mit drei Jahren Laufzeit nur 0,4 Prozent, die Rendite auf Anleihen gleicher Dauer 0,8 Prozent. 

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