Leider hat Berlusconi die Zeit durchgevögelt, statt sie für Reformen zu ­nutzen», sagte der tschechische Aussenminister Karel Schwarzenberg Anfang November 2011 gegenüber der tschechischen Tageszeitung «Lidové noviny». «Prosoustat» ist auch auf Tschechisch eine ziemlich deftige Wortwahl – aber auf einer Ebene, die wohl auch der Cavaliere versteht.

Ähnliche Vorwürfe müssen sich andere Europa-Politiker kaum gefallen lassen. Trotzdem: Vielleicht müsste man auch sie einmal mit derben Worten zur Ordnung rufen, um die Eurokrise einer echten Lösung näher zu bringen. Davon, ob sich die Politiker auf grosse Würfe einigen können, hängt es nämlich weitgehend ab, wo Investoren im Jahr 2012 ihr Geld am besten anlegen sollten: in Aktien, Obligationen, Immobilien, Gold, Rohstoffen oder speziellen Finanzprodukten wie Hedge Funds und strukturierten Produkten. BILANZ gibt einen ­Ausblick über die besten Strategien und die einzelnen Anlagekategorien (siehe unter 'Nebenartikel').

In Bezug auf die beste Strategie haben viele Banken in ihren Anlageprognosen die vermeintliche Zauberformel für das Jahr 2012 gefunden: Diversifi­kation. Also von allem ein wenig oder – fachtechnisch formuliert – eine geschickte Kombination von möglichst unkorrelierten Anlagen.

Allerdings ist diese Zauberformel weder neu noch besonders originell. Sie gilt gemäss der modernen Portfoliotheorie grundsätzlich für alle, die nicht wissen, was die Zukunft bringt. Und wer weiss das schon?

Die meisten Banken und Finanzprofis jedenfalls nicht, wie einige exemplarische Fehlprognosen aus dem Vorjahr belegen. Die Grossbank UBS riet dazu, den deutschen Aktienmarkt zu bevorzugen – wo Anleger dann 15 Prozent verloren. Weiter riet die Bank zu Investitionen in die Schwellenländer, insbesondere Brasilien, Russland, Indien und China – wo Anleger schliesslich 18 bis 25 Prozent Kursverluste verbuchten. Auch Credit Suisse und Julius Bär setzten auf Deutschland, Julius Bär zusätzlich auf die Schwellenländer und Japan – wo die Anleger 17 Prozent verloren.

Die Liste der Fehlprognosen liesse sich beliebig erweitern, etwa um jene des ZKB-Chefstrategen, der den Leitindex des Schweizer Aktienmarktes SMI auf über 7000 Punkte steigen sah. Tatsächlich verlor er aber acht Prozent und beendete das Jahr bei rund 6000 Punkten. Von den internationalen Anlagegurus sei hier noch David Kostin erwähnt, Chefstratege der US-Bank Goldman Sachs. Er hatte dem US-Aktienmarkt Kursgewinne von 20 Prozent vorausgesagt – null Prozent wurden es.

Dass Fehlprognosen nicht nur bei Aktienmärkten vorkommen, zeigen folgende zwei Beispiele: Der Obligationenguru Bill Gross prognostizierte, dass US-Staatsanleihen an Wert verlieren würden – das Gegenteil traf ein. Und der Hedge-Fund-Guru John Paulson sah den Goldpreis pro Unze auf 2400 Dollar klettern – er schloss bei 1600 Dollar.

Das Wetter in einem Jahr. Das Fazit: Börsenkurse auf ein Jahr hinaus zu prognostizieren, scheint etwa ähnlich treffsicher zu sein wie eine Wettervorhersage für ein ganzes Jahr.

Im Gegensatz zu den Börsenkursen in einem Jahr ist die derzeitige Grosswetterlage an den Finanzmärkten relativ schnell beschrieben: Viele Staaten haben viel zu hohe Schulden, einige sogar so hohe, dass nicht klar ist, wie sie diese jemals aus eigener Kraft zurückzahlen können. Deshalb sind ihre Gläubiger, vor allem Banken und Versicherungen, in grossen Schwierigkeiten, das ganze ­Weltfinanzsystem gerät in Gefahr. Der Geldfluss ist ins Stocken geraten, und der Wirtschaft könnte das Schmiermittel ausgehen.

Gemäss den Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sieht das so aus: Die französischen Banken haben bei den besonders stark verschuldeten PIIGS-Staaten (Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien) Guthaben von über 600 Milliarden Franken ausstehend. Deutsche Banken sind mit über 400 Milliarden Franken dabei, Schweizer Banken immerhin mit über 60 Milliarden Franken. Können die PIIGS-Länder nur zehn Prozent ihrer Schulden nicht zurückzahlen, dann müssten die Banken dieser Länder 106 Milliarden Franken abschreiben.

Und es kommt noch schlimmer: Im laufenden Jahr werden die Länder der Eurozone neue Kredite aufnehmen müssen. Einerseits, um alte, auslaufende Kredite zurückzahlen zu können, und andererseits, um neue Defizite zu finanzieren. Die Deutsche Bank schätzt den Bedarf auf rund 1000 Milliarden Franken. Woher soll all das Geld kommen? Die Banken selber brauchen neues Kapital, etwa um die erhöhten Eigenkapitalvorschriften zu erfüllen. Nach Schätzungen werden die europäischen Banken bis zu 800 Milliarden Franken aufnehmen müssen.

In den USA sieht die Lage nicht viel besser aus als in Europa. Hinzu kommt, dass sich die Anzeichen mehren, dass auch der Weltwachstumsmotor China ins Stottern gerät.

Kurzum: Die Lage scheint desaströs. Aber stehen wir wirklich vor dem nächsten Crash? Wenn ja, wo wird es knallen? Diesen Fragen widmet sich der ETH-­Professor Didier Sornette. Der 54-jährige Physiker entwickelt mathematische Modelle für sehr grosse Datenmengen, um damit etwa Erdbeben voraussagen zu können. Als Direktor des Observatoriums für Finanzkrisen an der ETH widmet er sich heute aber hauptsächlich der Vorhersage von Finanzblasen.

Mit Erfolg: Schon den Zusammenbruch des amerikanischen und des britischen Immobilienmarktes hatte Sornette korrekt vorausgesehen. Er stellte fest, dass sich Krisen (Erdbeben wie auch Finanzblasen) langsam aufbauen – auch wenn sie abrupt ausbrechen können. Zur Situation an den Finanzmärkten meint er: «Es gibt zwar keine grossen Finanzblasen, keine gros-sen Überbewertungen, aber die Märkte befinden sich insgesamt in einer Anomalie. Es wird auch dieses Jahr viele Turbulenzen geben, und wir sind weit weg davon, zur Normalität zurückzukehren. Die Turbulenzen werden alle Anlage­kategorien betreffen, nicht simultan, aber wie Wellen, die kommen und gehen.»

Wachsen statt sparen. Die Lage ist also wirklich verzwickt. Immerhin, es gibt Auswege, die schnell formuliert sind: sparen, Geld drucken und wachsen. Ökonomen wie Paul Krugman, Joseph Stiglitz und Robert Shiller sind der Meinung, dass derzeit zu viel ans Sparen und zu wenig ans Wachsen gedacht wird. Sie plädieren dafür, dass der Staat seine Ausgaben erhöhen und so die Wirtschaft weiter ankurbeln soll.

In einem Artikel in der «New York Times» verweist Krugman darauf, dass Staatsschulden nicht zurückbezahlt werden müssen, sondern durch Wirtschaftswachstum einfach irrelevant werden können. So geschehen in den fünfziger Jahren (siehe «Wachstum tilgt Schulden» unter 'Downloads'). Klar gibt es Unterschiede zwischen damals und heute: Europa musste nach dem Krieg neu aufgebaut werden, was der Weltwirtschaft zu hohen Wachstumsraten verhalf. Heute steht Europa zwar, aber in Asien und Afrika gibt es noch viel aufzubauen.

Zumindest zeigt der Vergleich, dass die derzeitigen Probleme nicht unlösbar sind. Allerdings sollten sich die Politiker möglichst schnell einigen, welchen Weg zur Lösung sie einschlagen wollen. Dann können Anleger darauf basierend Anlageentscheide treffen. Entscheiden sich die Politiker dafür, Geld zu drucken und dass die Zentralbanken Staatsanleihen kaufen, dann würde das für Investitionen in Gold, Staatsanleihen und Aktien sprechen (siehe Kasten «Aktien» unter 'Nebenartikel').

Wenn sie sich für einen staatlich finanzierten Anschub des Wirtschaftswachstums entscheiden, wären Staatsanleihen dagegen die falsche Wahl, dann wären Anlagen in Aktien von Infrastrukturunternehmen, etwa Baufirmen, wohl eine gute Wahl. Und wenn sie sich dafür entscheiden, vor allem zu sparen, dann wiederum wären die Infrastrukturaktien wohl gerade die falscheste Wahl für Investoren.

Liquid bleiben. Die einfachste Methode für Anleger besteht darin, in dieser Situation an der Seitenlinie zu bleiben, indem sie möglichst viel Liquidität halten und ihr Geld auf Bankkonten parkieren (siehe Kasten «Obligationen» unter 'Nebenartikel').

Zudem erscheint es sinnvoll, sein Depot auf grosse Turbulenzen im laufenden Jahr auszurichten. Diese Strategie verfolgt John Rubino für sein persönliches Portfolio. Er war Devisenhändler sowie Analyst für Aktien und Obligationen. Heute ist er vor allem als Autor tätig, unter anderem für die Finanzfachpublikation «CFA Magazine». Zudem hat er verschiedene Bücher geschrieben. Im Jahr 2003 sagte er in seinem Buch «How to Profit from the Coming Real Estate Bust» das Platzen der US-Immobilienblase voraus. Bereits vier Jahre später sah er im Buch «The Coming Collapse of the Dollar and How to Profit from It» den Wertverlust des Dollars kommen.

Sein nächstes Projekt ist ein Artikel über die schlimmsten Szenarien für die Eurozone und die Weltwirtschaft: Hyperinflation und grosse Depression, ein Schuldenkollaps der Staaten und Banken, was zu Massenarbeitslosigkeit und Deflation führen würde. «Ich denke, am Ende werden wir eine Hyperinflation erleben. Aber zunächst können deflationäre Tendenzen überwiegen», so sein trüber Ausblick.

Sein privates Portfolio hat er bereits auf beide Varianten des Desasters vorbereitet: «Ich halte Gold und Silber, was sich im Hyperinflationsszenario auszahlen wird. Zudem setze ich darauf, dass die Aktienkurse fallen werden, was mir im Depressionsszenario hohe Gewinne bringen würde.» Dabei rechnet er nicht nur damit, dass einige Aktienindizes fallen werden, sondern wettet auch noch spezifisch gegen einige Grossbankaktien – die Verlierer im Depressionsszenario. Die konkrete Umsetzung der Strategie funktioniert bei ihm über Leerverkäufe. Privatanleger können einen ähnlichen Effekt aber auch über den Kauf von Put-Optionen auf Aktienindizes und Grossbankaktien erzielen.

Den düsteren Szenarien von Rubino stimmen die wenigsten Bankökonomen zu. Die meisten prognostizieren zwar hohe Kursschwankungen, aber keinen Kollaps. Sie sind für Aktien allerdings nicht mehr so zuversichtlich wie auch schon, sehen die Zeiten vorbei, in denen Anleger Aktien einfach halten und darauf setzen konnten, dass sie über lange Frist schon steigen würden.

Die Statistik liefert aber Hinweise darauf, dass derzeit gar kein schlechter Zeitpunkt für den Einstieg in die Aktienmärkte ist, zumindest für Anleger mit Zeit. Wenn die Aktienmärkte über zwölf Jahre stagniert oder verloren haben, dann waren das in der Vergangenheit gute Einstiegszeitpunkte. Das Ende der Krise war dann jeweils näher als deren Anfang. Die überhöhten Bewertungen waren bereits abgebaut und die Stimmung gegenüber Aktien skeptisch. Das lässt sich grafisch für die grössten vergangenen Wirtschaftskrisen zeigen: die Grosse Depression in den dreissiger Jahren und die von Stagflation geprägten Ölkrisenjahre in den Siebzigern (siehe «Einstiegschance für Langfristanleger» unter 'Nebenartikel').

James Paulsen von Wells Capital berechnete für alle Zeitpunkte der Vergangenheit, in denen der Markt in den zwölf davor liegenden Jahren stagniert oder verloren hatte, die Erträge der folgenden zehn Jahre. Das Ergebnis: ein jährlicher Kursgewinn von 7,2 Prozent, gegenüber durchschnittlich 4,7 Prozent.

Zu sicher sollten sich Anleger mit dieser Statistik allerdings auch nicht fühlen, denn mindestens ein Beispiel, bei dem es nicht so funktionierte, gibt es: den japanischen Aktienmarkt. Er erreichte Ende des Jahres 1989 sein Allzeithoch. Wer zwölf Jahre danach einstieg und die Aktien zehn Jahre hielt, verlor Geld.

Risiken verstehen. Die absolute Sicherheit gibt es an den Börsen eben nicht. Anlegen ist nicht risikofrei, schon gar nicht in Zeiten wie diesen, in denen einst als risikolos titulierte Staatsanleihen grössere Kurseinbrüche erleiden als manche spekulativen Anlagen. Anleger, die trotzdem Risiken in Kauf nehmen, werden dafür möglicherweise grosse Profite machen. Dazu braucht es jedoch einen langen Anlagehorizont, und es kann auch schiefgehen. Dessen müssen sich Investoren bewusst sein. Eventuell hilft eine Praxis der Börse im chinesischen Shenzhen. Um dort ein qualifizierter Investor zu werden, muss man hundertmal niederschreiben: «Ich verstehe die Risiken dieser Investitionsprodukte.» Notieren und merken.

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