1. Home
  2. Invest
  3. Altersreform: «Je später, desto drastischer»

Finanzierung 
Altersreform: «Je später, desto drastischer»

Altersreform: «Je später, desto drastischer»
Vorsorge: Bei der Generationengerechtigkeit gibt es Handlungsbedarf.  Pexels

HSG-Professor Martin Eling ist ein Anhänger der Altersvorsorge 2020. Welche heilige Kuh eigentlich sterben müsste, wo es Spielraum gibt und was mögliche Lösungen für die Wirtschaft bedeuten.

Von Harry Büsser
2016-11-15

Herr Eling*, das Vorsorgesystem ­funktioniert. Warum also schon 
jetzt ­handeln?
Martin Eling: Lieber jetzt einen Schritt in die richtige Richtung anstatt in zehn Jahren, wenn es nur noch mit extremen Anpassungen möglich wäre. Deswegen bin ich ein ­Anhänger dieser Vorsorge­reform.

Ein höheres Rentenalter ist nicht mehrheitsfähig, höhere Beiträge ­einzuzahlen, hingegen schon. 
Ist die mehrheits­fähige auch die ­richtige Massnahme?
Es gibt unterschiedliche Standpunkte dazu. Eine Reform, die stark auf höhere Beiträge und Mehrwertsteuerprozente setzt, hat auch grosse Nachteile.

Die Wirtschaft wird belastet.
Höhere Lasten für Arbeitgeber schwächen deren Wettbewerbsfähigkeit. Höhere Lohnabzüge für die Arbeitnehmer hemmen den Konsum. Letzteres gilt auch für eine Erhöhung der Mehrwertsteuer.

Das alles in einer sensiblen Situation mit teurem Schweizer Franken.
Ja, ich bin überrascht, dass die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz trotzdem positiv ist.

Die Wirtschaft ist also robust genug.
Trotzdem sollten wir behutsam sein bei Massnahmen, die einen negativen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung haben können. Deshalb braucht es einen Mix von Massnahmen.

Auch ein höheres Rentenalter?
Wir werden in der Schweiz nicht darum herumkommen, ein Rentenalter von 67 Jahren einzuführen. Derzeit erscheint der Handlungsdruck noch nicht gross genug.

Der Nationalrat will das Rentenalter automatisch auf 67 Jahre erhöhen, wenn die AHV in finanzielle Schwierigkeiten gerät.
Das ist eine gute Idee, aber derzeit politisch ganz schwierig durchzusetzen.

Auch eine Kürzung der Rentenhöhe findet keine Mehrheit im Volk.
Das ist eine weitere heilige Kuh, aber ­eigentlich sollte jeder einen Beitrag zur Reform leisten.

Auch die Versicherer mit ihren Kosten?
Ja, aber dort besteht nicht viel Spielraum.

Dass die Rentenhöhe nicht thematisiert wird, hängt auch mit der Rechtssicherheit zusammen. Den heutigen Rentnern wurden ja verbindliche Versprechungen gemacht, die jetzt nicht gebrochen werden können.
Ich bin auch der Meinung, dass es politisch völlig unrealistisch ist, das jetzt anzugehen. Aber auf der anderen Seite muss man schon sehen, was die Jungen heute an Beiträgen leisten und was sie dann in 30 Jahren erwarten können. Das ist nicht fair. Jetzt sprechen wir über Generationengerechtigkeit. Hier besteht ein Ungleichgewicht, bei dem Handlungs­bedarf auf allen Seiten gegeben wäre. Jetzt schauen wir mal, ob wir das mit den ­Stellschrauben von Beitragshöhen und Rentenalter hinbekommen.

Das kostet.
Das Geld dafür ist da. Die Frage ist nur, ob man es stärker über höhere Beiträge, ein höheres Rentenalter oder über andere Quellen finanzieren will.

Etwa über die Mehrwertsteuer. Eine Erhöhung würde Rentner via Konsum an der Finanzierung beteiligen.
Richtig, allerdings ist die Mehrwertsteuer ein systemfremdes Element im Vorsorgesystem. Sie führt zu einer Quersubventionierung. Es ist jetzt schon ein Problem, dass wir so viele Querfinanzierungen zwischen den Säulen und Steuern haben.

Man verliert den Durchblick.
Bei der Mehrwertsteuer kommt auch schnell eine Diskussion über Arm versus Reich. Die schwachen Einkommen werden durch die Mehrwertsteuer stärker belastet, weil sie einen grösseren Teil ihres Einkommens für Konsum ausgeben.

Welche Vorkehrungen treffen Sie persönlich, wissend, dass das Vorsorgesystem aus dem Gleichgewicht ist?
Wenn es uns gelingt, diese Reform auf die Reihe zu bekommen, mache ich mir für meine Generation keine Sorgen. Wir sind viel besser aufgestellt als andere Länder, etwa Deutschland. Dort wird irgendwann das Thema Altersarmut diskutiert werden müssen. Ich glaube nicht, dass es in der Schweiz so weit kommen wird.

Ohne die jetzige Rentenreform wären die Bedenken aber gross?
Selbst in diesem Szenario gäbe es noch Möglichkeiten, später einzugreifen – einfach mit drastischeren Massnahmen.

* Martin Eling (38) ist Direktor am Institut für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen und forscht unter anderem zum Thema Vorsorgesysteme.

Anzeige