Wenn Börsenguru André Kostolany aufs Geldanlegen zu sprechen kam, so hatte er jeweils einen simplen Ratschlag zur Hand: «In die Apotheke gehen, Schlaftabletten kaufen, die Aktien ins Depot legen, den Wecker stellen und dann schlafen.» Im Schlaf reich werden? Tatsächlich lässt sich mit André Kostolanys Rezept enorm viel Geld verdienen – vorausgesetzt, man setzt auf die richtigen Aktien.

Konkret: Wer 1975 für 1000 Franken Schweizer Staatsobligationen kaufte, hat heute 5293 Franken in der Tasche. Das ist zwar keine schlechte Rendite. Doch aus dem Tausender hätten genauso gut 90 011 Franken werden können, eine glatte Verneunzigfachung also. Diese gigantische Rendite erzielte nämlich, wer sein Geld vor 30 Jahren in Aktien von Sandoz (die inzwischen mit Ciba-Geigy zu Novartis fusioniert hat) investierte.

Erstmals hat die BILANZ nachgerechnet, welches die besten Schweizer Aktien der letzten Jahrzehnte sind. Über 30 Jahre heissen die Gewinner Novartis, Schindler, Lindt & Sprüngli sowie Nestlé. Über 20 Jahre liegt ebenfalls Novartis an der Spitze, während Kudelski die Rangliste der letzten 10 Jahre anführt. Kudelski schaffte seit 1995 beinahe eine Verfünzigfachung des Börsenkurses.

Der Performance-Vergleich zeigt, welch sensationelle Renditen mit Aktien zu erzielen sind, und zwar nicht nur mit ein paar wenigen Highflyern. Selbst die verfemten ABB, Sulzer, CS Group oder Zurich FS haben die Renditen der risikolosen Staatsobligationen sowohl über 20 als auch 30 Jahre deutlich übertroffen. Daneben gibt es indes ein paar wenige Aktien, mit denen man selbst in dieser langen Frist Geld verlor. Treffliches Beispiel ist die spektakuläre Pleite der Swissair. Als weitere Niete entpuppte sich die in Unaxis umgetaufte Oerlikon-Bührle, die noch vor 30 Jahren zu den grossen Industriekonzernen zählte.

Was der Vergleich zudem aufzeigt: Bereits geringe Unterschiede bei der jährlichen Rendite multiplizieren sich über eine lange Zeitdauer zu massiven Vermögensdifferenzen. So braucht es bei einer Verzinsung von zwei Prozent 35 Jahre, um das eingesetzte Kapital zu verdoppeln. Bei fünf Prozent erfolgt die Verdoppelung bereits nach 14 Jahren, bei acht Prozent gar schon nach neun Jahren.

Dieser exponentielle Vermögenszuwachs auf Grund des Zinseszinseffekts wird von den meisten Investoren unterschätzt. Am Beispiel Novartis: Seit 1975 erzielte die Aktie einen durchschnittlichen Kursgewinn an der Börse von 13,6 Prozent. Nimmt man jedoch die Dividende hinzu, steigt die Jahresperformance auf 16,2 Prozent. Erst diese zusätzliche Rendite von 2,6 Prozent lässt den Gewinn aus der Novartis-Aktie so richtig explodieren: Bei einer Investition von 1000 Franken im Jahre 1975 resultiert bis heute, ohne die reinvestierte Dividende, ein Vermögen von 46 382 Franken. Mit Dividende sind es dagegen 90 011 Franken, also beinahe das Doppelte. Noch grösser ist der Einfluss der Dividendenrendite etwa bei der Aktie von Nestlé: Ohne die reinvestierte Dividende bleiben einem Anleger von 1000 Franken im Jahr 1975 25 816 Franken – mit dagegen 60 721 Franken.

Die Zahlen illustrieren auf eindrückliche Weise, weshalb Aktien in jedes langfristig ausgerichtete Portfolio gehören: Zwar ist im Vergleich zu den Obligationen das Risiko höher. Doch das Verlustpotenzial ist bei den Dividendenpapieren auf maximal 100 Prozent limitiert. Überdies lässt sich mit einer geschickten Diversifikation die Absturzgefahr erheblich reduzieren. Andererseits gibt es auf den Profiten mit Aktien keine Beschränkung nach oben. Titel wie Novartis, Schindler oder Lindt & Sprüngli haben die Wertsteigerung der Staatsobligationen in den letzten 30 Jahren um mehr als das Zehnfache überflügelt.

Doch wie kann ein Anleger solche Top-Aktien aus der breiten Masse herausfiltern? Eine allgemein gültige Antwort gibt es nicht, die Geldanlage ist keine exakte Wissenschaft. Gleichwohl haben sich in der Praxis einige Erfolg versprechende Konzepte etabliert. Am bekanntesten ist die Unterteilung in die Kategorien «Value» und «Growth». Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarkttheorie an der Universität Basel, hält fest: «Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Value-Aktien langfristig eine bessere Performance erzielen.» Allerdings gibt es regelmässig Ausnahmeperioden, in denen Wachstumstitel obenaus schwingen, wie etwa in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre.

Value-Aktien zeichnen sich aus durch eine gesunde Bilanz – Novartis und Nestlé gehören zu den ganz wenigen Konzernen mit einem Triple-A-Rating – und eine hohe Eigenkapitalrendite. Diese Kennziffer zeigt, ob ein Unternehmen fähig ist, mit dem vorhandenen Eigenkapital zusätzliches Vermögen aufzubauen.

Im Fall von Novartis (beziehungsweise Sandoz und Ciba-Geigy vor der Fusion) verlief die Aktienperformance meist parallel zur Eigenkapitalrendite: Von 1975 bis 1980 pendelte der Wert bei Sandoz zwischen mageren fünf und sieben Prozent, bei Ciba-Geigy war er noch tiefer. Entsprechend langsam stieg der Börsenkurs. Anfang der achtziger Jahre lancierte Sandoz als einer der ersten Schweizer Konzerne ein umfassendes Rationalisierungsprogramm, worauf die Eigenkapitalrendite rasch auf über zehn Prozent kletterte. In den Neunzigern, mit der Fokussierung auf den Pharmabereich, schaffte Sandoz gar eine Rendite von bis zu 20 Prozent. In diese 15-Jahr-Periode fällt auch der atemberaubende Aufstieg an der Börse.

Seit nunmehr sieben Jahren stagniert allerdings die Eigenkapitalrendite bei
Novartis auf hohem Niveau, genauso wie der Börsenkurs. Tatsächlich entspricht die Bewertung der Aktie inzwischen nicht mehr den klassischen Kritierien der Value-Analyse, wie sie die Investoren-Legenden Benjamin Graham und Warren Buffett begründet haben. Zu diesen Merkmalen zählen ein tiefes Kurs-Gewinn-Verhältnis, ein tiefes Kurs-Buchwert-Verhältnis und eine hohe Dividendenrendite.

Bei Konzernen wie Novartis oder auch Nestlé kommt hinzu: Mit zunehmender Grösse wird es immer schwieriger, den Gewinn weiter zu steigern. Eine neue Untersuchung der Bank Morgan Stanley kommt zum Schluss, dass die Small- und Mid-Caps in den letzten 25 Jahren die Grosskonzerne klar überflügelt haben. Umso höher ist daher die hervorragende Performance der Kolosse Novartis und Nestlé über die letzten Jahrzehnte zu werten: Sie brachten bereits im Jahr 1975 eine Börsenkapitalisierung von mehreren Milliarden Franken auf die Waage, während etwa Kudelski Anfang der neunziger Jahre als Leichtgewicht von 40 Millionen Franken zum Höhenflug startete, wovon entsprechend lediglich eine geringe Zahl Aktionäre profitieren konnte.

Laut den Autoren der Morgan-Stanley-Studie verlieren die Grossen ihre klaren Ziele, leiden unter aufgeblasenen Strukturen und verzetteln sich in Gefechten um Marktanteile, anstatt Innovationen zu fördern. Deshalb empfiehlt die Studie eine Fokussierung auf jene Bereiche mit den höchsten Margen, wie dies etwa Novartis erfolgreich vorexerziert hat. Von den Spin-offs beim Pharmakonzern haben auch die Aktionäre profitiert: Sie erhielten bei der Abspaltung von Ciba SC sowie Syngenta Aktien der neu gegründeten Gesellschaften, was die Rendite auf den Novartis-Papieren um zusätzliche 8,5 Prozent aufbesserte (siehe Interview mit Novartis-Chef Daniel Vasella).

Weniger glänzend abgeschnitten über die vergangenen 30 Jahre haben die Industriewerte sowie überraschend viele Aktien aus dem Finanzsektor. Roger Kunz, Professor am Institut für Finanzdienstleistungen in Zug erklärt das schwache Abschneiden der Bankenbranche mit den zahlreichen Krisen der letzten Jahre, von der Immobilienkrise über die Krisen in Asien und Russland, des Hedge-Funds LTCM bis hin zu jener der New Economy: «Das Finanzgeschäft ist eben zyklischer, als es von vielen wahrgenommen wird.»

Ein weiterer Ansatz zur Aktienselektion – neben der Value-Analyse, der Grösse der Firma und der Branche – ist die Zusammensetzung des Aktionariats. Galten früher die echten Publikumsgesellschaften als modern, so schlägt das Pendel nun zurück: Eine kürzlich publizierte Studie der Universität St. Gallen und der Beratungsfirma Ernst & Young zeigt, dass in der Schweiz die Familienunternehmen seit 1990 deutlich höhere Renditen an der Börse erzielt haben. Zu den 37 Prozent der kotierten Familienfirmen zählen all jene Unernehmen, bei denen ein Aktionär zumindest ein Fünftel der Stimmrechte hält. Auch unter den besten drei Aktien der letzten 30, 20 und 10 Jahre sind die Familienunternehmen mit Schindler, Ems-Chemie, Roche, Kudelski und Schweiter namhaft vertreten. Die Studie nennt als Grund den längeren Zeithorizont, der in diesen Firmen existiere: In den von Managern geführten Unternehmen müsse sich jede Investition schon nach fünf oder noch weniger Jahren wieder auszahlen. Verlängere sich diese Frist jedoch auf eine oder mehrere Generationen, so könnten Aktionäre auch grössere Risiken eingehen, was letztlich zu einer höheren Rendite führe.

Die viel beschworene Überlegenheit der Aktien als Kapitalanlage: Sie wird mit diesem erstmaligen Performance-Vergleich der BILANZ auf eindrückliche Art bestätigt. Gilt das jedoch auch für die kommenden 30 Jahre? Ja, meint Patrick Uelfeti, Chef Aktienresearch der Bank Leu. Allerdings schränkt er ein: «Die Voraussetzung ist natürlich, dass man sich als Anleger wirklich auf einen langen Zeithorizont festlegt.» Die letzte Baisse habe jedoch gezeigt, dass so mancher Aktionär die eigene Disziplin beim Investieren überschätzt habe. Trotzdem gilt selbst für Anleger, die auf dem Höhepunkt des Aktienbooms eingestiegen sind: Langfristig haben Aktien bis jetzt immer besser rentiert als Obligationen. Auf die Dauer von einem Jahr liegt die statistische Wahrscheinlichkeit, mit den Dividendenpapieren besser abzuschneiden, bei ungefähr zwei Dritteln. Bei einem Anlagehorizont von zehn Jahren steigt sie bereits auf 80 Prozent. Und über die Vergleichsperiode von 30 Jahren sind Aktien von Obligationen bislang überhaupt nie geschlagen worden. Die Prognose sei deshalb gewagt: Auch im Jahre 2035 werden die Aktien wieder als Gewinner dastehen.

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