In wenigen Wochen wird der Winter in der nördlichen Hemisphäre der Frühlingssonne Platz gemacht haben. Die Bauern fahren wieder zu Felde, die Wintersaat spriesst, das Vieh weidet frisches Gras. Kaum jemand knüpft bei dieser idyllischen Szenerie eine unmittelbare Assoziation mit der knallharten, abstrakten Börsenwelt. Und doch sind von Jahr zu Jahr mehr Anleger brennend daran interessiert, auf welchem Traktor nun der Bauer sitzt, welche Saat er auf welchen Flächen ausbringt, wie intensiv er das Getreide kultiviert oder auf welchem Land sein Vieh weidet.

Als Jeremy Grantham, der bekannte amerikanische Fondsmanager, vor etwa zwei Jahren an einer Präsentation in Zürich nach einem Anlagetipp gefragt wurde, löste seine Antwort noch wohlwollen­des Lachen aus. «Ich investiere in Farmen und kaufe Ackerland», sagte er, als die ­Finanzmärkte das Schlimmste der Krise noch vor sich hatten. Eine ähnliche Antwort gab kürzlich Jim Rogers, der Rohstoffexperte, nach dem die RICI-Indizes benannt sind, an der Fondsmesse in Zürich: «Ihre Kinder sind besser beraten, Bauer zu werden als Bankmanager», rief er den Hunderten von Zuhörern zu. Diesmal allerdings blieben die Lacher aus.

Den meisten im Saal ist inzwischen ­bewusst, dass Landwirtschaft nach vielen mageren Jahren eine goldene Zukunft hat. Die drei Gründe dafür sind rasch aufgezählt: Erstens wird fruchtbarer Boden wegen der Verwüstung knapp. Zudem führt steigender Wohlstand in den Schwellenmärkten zu kalorienreicherer Ernährung. Schliesslich müssen nicht nur immer mehr Menschen ernährt, sondern auch immer mehr Tanks mit Treibstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen gefüllt werden.

Diese Faktoren bedeuten für den Agrarsektor nur eines: steigende Preise. Davon wollen auch die Anleger zunehmend profitieren. Längst tummeln sich nicht mehr bloss dubiose Optionsverkäufer in diesem Segment, die mit der Aussicht auf schnellen Profit mit Orangensaft oder Kakao­terminkontrakten die Gier tumber Kleinanleger ansprechen. Sondern die Zertifikatebranche hat zum einen ein weites Feld an Möglichkeiten geöffnet, in Rohstoffen oder Aktien aus der Wertschöpfungskette des primären Wirtschaftssektors anzulegen. Zum andern wurden gerade in den letzten zwei Jahren auch in der Schweiz einige neue Agrarfonds aufgelegt (siehe «Tipps» unter 'Weitere Artikel').

Doch die Finanzkrise hat vielen Anlegern und wohl auch Fondsmanagern vor Augen geführt, dass die Agrarstory bei aller Logik des Wachstumstrends letztlich wesentlich komplexer als andere An­lagethemen ist und die Entwicklung nicht gradlinig verläuft.

Preise brachen ein. Als besonderer Trugschluss hat sich die Erwartung erwiesen, der Agrarsektor werde nicht mit der Wirtschaftsentwicklung korrelieren und sei deshalb weniger verlustanfällig. Nach der Spekulationswelle, die in über 20 Ländern zu Hungerrevolten geführt hatte, brachen 2008 die Rohstoffpreise auch im Agrarsektor ein und mit ihnen die Aktienkurse der meisten Firmen entlang der Wertschöpfungskette. Den Bauern fehlte durch die tieferen Einkünfte und verschärften Kreditkonditionen der Banken das Geld für neue Maschinen und Dünger, worunter deren Hersteller und Händler litten. Und die Konsumenten assen wegen der Krise weniger Fleisch.

Dennoch ist es diesmal etwas anders, wie Thomas Helbling vom Internatio­nalen Währungsfonds (IWF) Ende 2009 festhielt. Die Rohstoffpreise, auch jene für Agrargüter, sind zwar deutlich stärker eingebrochen als bei früheren Krisen, haben sich nun aber auch wesentlich rascher erholt. In den acht Monaten nach dem Tiefpunkt sind die Preise durchschnittlich um 40 Prozent gestiegen, früher betrug die Erholung jeweils nur 5 Prozent. Allerdings sind die Preise für Öl und Metalle deutlich stärker gestiegen als jene für Agrarrohstoffe und Lebensmittel. Dass diese Preise nur unterdurchschnittlich zulegten, führt Helbling auf gute Getreideernten im letzten Jahr zurück.

Doch für Jim Rogers ist klar, dass der Agrarsektor nun erhebliches Aufholpotenzial hat. Auch Helbling vom IWF rechnet 2010 mit weiter steigenden Preisen, aber nicht mit einer Überhitzung. Und Peter Königbauer, Manager des Commodity Alpha von Pioneer Funds, warnt vor übertriebenen Renditeerwartungen. Die Preise würden langsamer steigen, dafür nachhaltiger als in andern Rohstoffsektoren, sagt er im Interview (siehe nebenan). Er stimmt hingegen mit Rogers überein, dass der Superzyklus weiterhin intakt ist und immer mehr Anleger anziehen wird. Schliesslich muss bis 2050 die Produktion an Nahrungsmitteln verdoppelt werden, um den Bedarf zu decken.

«Keine Industrie hatte in den letzten 30 Jahren solche Perspektiven», sagt Trendforscher Johan Peter Paludan vom Zukunftsinstitut in Kopenhagen. Auf der andern Seite könnten die Erträge im selben Zeitraum wegen der Klimaveränderung um 30 Prozent schrumpfen. In China etwa nimmt die fruchtbare Fläche jährlich um ein Prozent ab. Müssen heute 0,22 Hektaren einen Menschen ernähren, dürften es 2030 weltweit bloss noch 0,15 Hektaren sein, selbst wenn brache Flächen in Russland, Brasilien oder den USA wieder gepflügt werden. Da ist das Farmprojekt des einstigen Hedge-Fund-Managers John Hantz auf den verlassenen Industriearealen der Autostadt Detroit bloss ein Tropfen auf den heissen Stein – wenn auch ein äusserst zukunftsträchtiger.

Besonders China sichert sich daher ausserhalb des Riesenreichs fruchtbaren Ackerboden. In Kongo und Sambia wollen die Chinesen 4,8 Millionen Hektaren Land pachten, eine Fläche, grösser als die Schweiz. Schliesslich machen sie 20 Prozent der Weltbevölkerung aus, haben aber nur 7 Prozent des Ackerlandes. Und der durchschnittliche Fleischkonsum hat sich in Asien in den letzten 20 Jahren rund verdoppelt. 2009 musste China 14 Millionen Tonnen Sojabohnen importieren.

Düngen steigert Ertrag. Aber auch andere Länder wie Saudi-Arabien oder Südkorea und Privatinvestoren begründen mit dem Kauf von Ackerland einen neuen Kolonialismus. George Soros etwa nennt in Argentinien 6500 Hektaren Land sein Eigen. Zudem setzt der erfolgreiche Währungsspekulant auf Düngemittelhersteller. Die kanadische Potash Corpo­ration of Saskatchewan ist die zweitgrösste Aktienposition in seinem Fonds. Tatsächlich ist Dünger nicht nur der grösste Ausgabeposten der Bauern geworden, er ist auch entscheidend, um den Ertrag zu steigern, wie Ralf Oberbannscheidt, Manager des DWS-Agrarfonds der Deutschen Bank, aufzeigt. Weltweit werden etwa 100 Kilogramm Stickstoff je Hektare eingesetzt. Erst bei der doppelten Menge wird der maximale Ertrag erreicht. Weit wichtiger als der Dünger sei das Wetter. 80 Prozent der Ernte hingen vom Regen ab, erklärt Oberbannscheidt.

Die Forschung habe indes viel zu stark auf Pflanzenschutz gesetzt und zu wenig auf Dürreresistenz, kritisiert die Schweizer Maisspezialistin Marianne Bänziger im Dokumentarfilm «Seed Warriors». Bessere Züchtungen könnten die Ernten verdoppeln, während gentechnologische Veränderungen die Erträge bloss etwa um 15 Prozent verbesserten.

Die Lage wird allmählich kritisch. Wegen Ernteausfällen ist der Lagerbestand an Mais weltweit auf noch 60 Tage geschrumpft und deckt gerade mal 16 Prozent des Bedarfs. Für den Rohstoffchef von Goldman Sachs, David Greely, hat Mais daher das grösste Preispotenzial.

Erheblich zur Ertragssteigerung verhilft laut Greely auch der technologische Fortschritt. Und darauf fokussiert der neue Agrarfonds der Bank Pictet bei der Suche nach den lukrativsten der rund 850 Aktien im Agrarsektor. Schliesslich gingen von der Aussaat bis zum Produkt auf dem Teller 50 bis 80 Prozent der Agrarrohstoffe verloren, sei es durch Krankheiten, Lagerschäden oder als Speisereste, zeigt Fondsmanager Gertjan van der Geer auf.

Nach jahrelanger Vernachlässigung des Agrarsektors bieten bessere Anbaumethoden, Investitionen in die Verarbeitung, ­effizientere Handelswege sowie der Ausbau von Infrastruktur in den Industrie- wie speziell auch in den Entwicklungsländern immense Wachstumsperspektiven. Nicht nur Anleger erhoffen sich davon auf viele Jahre hinaus reiche Ernten.

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