Der angeblich mächtigste Mann der Welt sah sich genötigt, selbst das Wort zu ergreifen. Am Montagabend trat US-Präsident Barack Obama vor die Kameras und verteidigte sein Land gegen die Herabstufung durch die Ratingagentur Standard & Poors: «Wir sind und bleiben ein Triple-A-Land», sagte Obama - und versuchte damit, die Märkte zu beruhigen. Doch die Worte des Präsidenten verpufften, der Dow Jones schloss 5,5 Prozent im Minus, der S&P-500 verlor 6,7 Prozent, der Nasdaq sogar 6,9 Prozent.

Zwar blieb ein von Panikverkäufen geprägter «Schwarzer Montag» aus, nachdem sich vor Obama schon die G7, die Deutschlands Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy sowie die EZB zu Wort gemeldet hatten. Doch auch heute fand der herbe Kurssturz lange kein Ende – und auch keine rationale Erklärung.

Der deutsche Aktienindex rutschte zeitweise um mehr als sieben Prozent ins Minus, der Schweizer SMI um fünf Prozent. Und all das nach einer bereits verheerenden Vorwoche.

«Rationalität bringt hier gar nichts mehr. Es herrscht Panik in den Räumen der Portfoliomanager, in den Handelsräumen sowieso», zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Händler in Frankfurt. «Alle schütteln nur noch den Kopf oder halten die Hände vor die Augen.»

Warum die Panik?

Auch Schweizer Analysten sprechen von Ratlosigkeit und irrationalem Marktverhalten. «Die Bewegungen sind in meinen Augen übertieben», sagt UBS-Analyst Markus Irngartinger, «denn so viele negative Daten haben wir nicht.»

Eigentlich hatte man darauf gehofft, dass nach dem Kursrutsch der Vorwoche die negative Grundstimmung um die Schuldenkrisen in den USA und Europa schon mehr oder weniger eingepreist sei. Und auch die US-Abwertung durch S&P konnte niemanden wirklich überraschen, hatte die Agentur vorher doch mit diesem Schritt gedroht.

Dass sich in den vergangenen Tagen ausser enttäuschenden Einkaufsmanagerindex- und BIP-Zahlen aus den USA nicht viel an den Basiswerten verändert hat, konnte den Abverkauf jedoch nicht stoppen. Und der geschah im grossen Stil, wie ein Blick auf das Handelsvolumen der Märkte zeigt.

Grossanleger und Stop-Loss-Limits

Im SMI lag das Handelsvolumen am vergangenen Freitag etwa dreimal so hoch wie noch am Montag der Vorwoche. Auch am gestrigen Montag erreichte es noch einen Anstieg um etwa das Zweieinhalbfache. Diese Hektik brachte auch die höchsten Volatilitätswerte seit der Finanzkrise 2008 mit sich. Auch im Deutschen Aktienindex verdreifachte sich das Volumen, im Dow Jones vervierfachte es sich sogar.

Die Verkäufe gehen offenbar nicht nur von wenigen Grossen und einer Menge verängstigter Kleinanleger aus, sondern vor allem von institutionellen Anlegern im grossen Stil. Dazu kommt: «Es gab auch technische Verkäufe, zum Beispiel bei Derivaten und durch Stop-Loss-Limits», sagt Credit-Suisse-Analyst Reto Hess.

Gefährliche Worte und Nachkriegsvergleiche

Im Moment haben sich die Märkte wieder etwas beruhigt. «Wir sollten bald den Boden sehen», zeigt sich Irngartinger positiv. Anlegern rät der UBS-Analyst «jetzt auf keinen Fall zu verkaufen, wenn man die Verluste noch aushalten kann.» Die Lage werde sich in den nächsten Wochen bessern. «Aber ein falsches Wort kann die Stimmung auch schnell wieder kippen», warnt Hess. «Wichtig wäre ein koordiniertes und starkes Signal der Politik und der Notenbanken.»

Als erstes versuchte sich heute EZB-Chef Jean-Claude Trichet an einem Signal – aber an einem wenig beruhigenden. Er sprach in einem Interview von der schwersten Marktkrise seit dem Zweiten Weltkrieg.

(laf)

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