Die jüngste Aktion der Europäischen Zentralbank (EZB) kam für Finanzanalysten und Ökonomen aus heiterem Himmel: Europas oberster Notenbanker, Mario Draghi, hat den Leitzins erneut gesenkt. Sinkende Zinsen liefern bekanntlich Treibstoff für Haussen. Diesmal allerdings reagierten die Anleger verhalten, ja verwirrt. Zwar tendierten die Börsen besser, doch der grosse Kursschub blieb aus.

Die neuste Massnahme ist ein Eingeständnis: Alle bisherigen Aktionen, sprich Zinsschnitte, sind fast wirkungslos verpufft. Denn die Flut an staatlich verbilligtem Geld kommt nicht dort an, wo sie eigentlich hingeführt werden soll – zu den Unternehmen, auf dass diese wieder investieren und damit die Wirtschaft an Fahrt gewinne. Dafür greifen institutionelle und private Anleger mit vollen Händen zu, leiten Hunderte von Milliarden an die Börsen und treiben die Kurse in schwindelnde Höhen. Die ­Ankündigung Draghis, die Zinsen falls nötig nochmals zu schneiden, ist Ausdruck dieser Hilflosigkeit. Das wäre dann auch für die Schweizerische ­Nationalbank eine mittlere Katastrophe. Je höher die Zinsdifferenz zum Euroraum, desto schwerer fällt es ­unserem Währungs­hüter Thomas Jordan, die Wechselkursuntergrenze von 1.20 Franken zu halten.

Der neuste Zug der EZB zeigt auch, dass die Notenbanker gewillt sind, die Zinsen noch länger tief zu halten. Doch eines Tages muss der Geldpreis wieder erhöht werden, soll die Welt nicht in einer überbordenden Inflation ertrinken. Ich kann mich nur wiederholen: Die ­Aktienkurse sind der Gewinnentwicklung der Unternehmen um Jahre vorausgeeilt. Eines nicht allzu fernen Tages kommt die Börsenkorrektur.

Dabei sein ist alles

Viele Anleger haben bei der Einschätzung von Risiko und Kurschancen längst das Augenmass ­verloren. Das lässt sich am Börsengang von Twitter ablesen. Vor dem IPO fehlte es nicht an warnenden Stimmen: Der Ausgabepreis wurde als völlig überrissen bezeichnet, und als dieser noch auf 26 Dollar angehoben wurde, schüttelten Analysten ihre Köpfe, die Finanzzeitungen prangerten die Gier von Twitter-CEO Dick Costolo und anderen Aktionären an. Dieselben Kritiker feierten dann das Ereignis als fulminantes Börsendébut, als die Aktien des Kurznachrichtendienstes am ersten Handelstag um mehr als 70 Prozent über dem Ausgabepreis eröffneten.

Kaum einer hinterfragt die Bewertung. Dabei ist diese absurd hoch: 25 Milliarden Dollar für ein Unternehmen, das in den ersten neun Monaten gerade mal einen Umsatz von 422 Millionen erwirtschaftete – ein Sechzigstel der Börsenkapitalisierung! Und dabei noch einen Verlust von 134 Millionen ausweisen muss. Die Anleger verlieren zunehmend den Bezug zur Realität. Das ist ein Zeichen, dass die Hausse bald ausgebrannt ist. Twitter jedenfalls verlieren bereits wieder an Wert.

Gewinne mit Arbeit

Wer auf mittel- bis langfristige Sicht investiert, muss sich auch von der Börsenkorrektur nicht kirre machen lassen. Unter diesem Aspekt kann man ruhig auf Aktien von Unternehmen setzen, die von einem Konjunkturaufschwung profitieren. Beispielsweise Adecco. Ich habe die Papiere im Juni empfohlen; seither legten sie 40 Prozent an Wert zu. Vorsichtige Investoren können nun einen Teil der Kursgewinne ins Trockene bringen. Doch ich bin ­überzeugt davon, dass Adecco weiterhin zulegen werden.

Zwar ist die Konjunkturerholung ­europaweit erst zaghaft, doch der Marktführer für temporäre Arbeitskräftevermittlung kann bereits bessere Resultate vermelden. Das ist kein Wunder: Bei ­ersten Zeichen einer Wirtschaftsbelebung setzen Firmen gerne auf temporäre Mitarbeiter. CEO Patrick De Maeseneire ­jedenfalls hat für das dritte Quartal ein überraschend gutes Ergebnis vorgelegt. Zwar konnte der Umsatz währungsbereinigt lediglich gehalten werden. Nicht ­zuletzt dank den Sparmassnahmen ist dafür der Betriebsgewinn um 33, der Reingewinn gar um 61 Prozent in die Höhe geschossen. Das Management gibt sich für die nächsten Jahre optimistisch. Wer an eine Konjunktur­erholung glaubt, kann auf Adecco setzen. Mit einem für dieses Jahr geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 19,5 sind die Valoren hoch bewertet; für 2014 allerdings stellt sich die Kennzahl auf 16,1 und für das darauf folgende Jahr auf 13,5.

Geschafft!

Weniger konjunktursensitiv als Adecco ist Kuoni. Lange war ich negativ eingestellt gegenüber dem Reisekonzern – das Management machte einfach zu viele Fehler. Mit den Aktien war denn auch jahrelang kein Geld zu verdienen. Anfang 2013 änderte ich meine Meinung, bezeichnete Kuoni als einen der heissesten Turnaround-Kandidaten und empfahl die Valoren mit den Worten: «Mit einem für 2013 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11,1 bieten Kuoni eine gehörige Portion an Aufholpotenzial.» Die Rechnung ging auf. Und wie: Kuoni haussierten ­allein dieses Jahr um gegen 50 Prozent.

Kuoni hat den Turnaround endlich ­geschafft. In den ersten neun Monaten resultierte ein Gewinn von 28 Millionen Franken, gegenüber einem Verlust von 7 Millionen in derselben Vorjahresperiode. Obwohl Sondereffekte mitspielten, ist das ein Versprechen für die Zukunft. Und die sieht rosiger aus als auch schon. Helvea prognostiziert für nächstes Jahr eine Gewinnverdoppelung und für 2015 eine Zunahme von 17 Prozent. Das ergibt für 2014 ein KGV von 14,5 und für 2015 von 12,6. Damit bleiben Kuoni attraktiv. Gespannt bin ich auf den neuen CEO, der den im Sommer vor die Tür gestellten Peter Rothwell ersetzen soll. Offenbar tut sich der VR schwer mit der Nachfolgelösung.

Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ. Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch.

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