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Frank Goldfinger: Wenn es nach Rendite riecht

Leitet seit gut fünf Jahren den Givaudan-Konzern: Der Franzose Gilles Andrier.

Givaudan-Valoren bieten ein gerüttelt Mass an Beständigkeit; Silber ist auf Dauer vielversprechender als Gold; die Sika-Aktien lassen den Anleger etwas ruhiger schlafen.

Von Frank Goldfinger
22.10.2010

Aromen und Riechstoffe: Das tönt geheimnisvoll, und wohl nicht wenige Leser denken dabei an den mörderischen Roman «Das Parfum» von Patrick Süskind. Dabei ist es ein bodenständiges Geschäft, das weltweit ein Volumen von etwa 18 Milliarden Franken aufweist – und von zwei Genfer Firmen dominiert wird: Givaudan hält mit geschätzten 25 Prozent die globale Marktführerschaft, Nummer zwei ist das Familienunternehmen Firmenich. Givaudan erwirtschaftet gegen die Hälfte des Umsatzes mit synthetischen und natürlichen Duftstoffen, die in Parfums, aber auch in Waschmitteln oder Körperpflegeprodukten Anwendung finden. Abnehmer der Aromen ist primär die Lebensmittelindustrie.

An Givaudan gefällt mir zunächst einmal die relativ geringe Abhängigkeit von der Wirtschaftsentwicklung; einzig die Riechstoffe für Luxusparfums sind Schwankungen unterworfen. Überzeugend ist auch die Ertragskraft, erntet die Firma doch branchenweit die höchsten Gewinne. Der Franzose Gilles Andrier (Bild), der seit gut fünf Jahren den Konzern leitet, prognostiziert für dieses Jahr eine Ebitda-Marge von 22,7 Prozent. Da bleibt unter dem Strich genügend hängen für die Aktionäre. Zwar ist die Dividendenrendite mit 2,1 Prozent nicht berauschend, dafür sind die Ausschüttungen stetig und an die Gewinnentwicklung angepasst. Bis 2012 rechnet Helvea mit einer ­Gewinnzunahme bei Givaudan um gegen 50 Prozent, wogegen sich die Dividende sogar verdoppeln soll. Die Aktien sind zwar ­keine Kursheuler, sie bringen aber Konstanz ins Depot.

Heisse Spekulation. Letzten März empfahl ich Actelion. Nach einer kurzen Erholung büssten die Valoren nochmals ein Fünftel an Wert ein. Anfang Oktober jedoch erwachten sie zu neuem Leben und schossen um 40 Prozent hoch. Auslöser war ein Artikel im «Wall Street Journal», wonach die Bio­technolo­giefirma aus Allschwil BL auf den Radarschirm eines Konkurrenten geraten sei. Nun sind zwar solche Tratschereien um Actelion beileibe nichts Neues. Dennoch brodelt die Gerüchteküche. Als Interessenten werden Bristol-Myers Squibb, GlaxoSmith-
Kline, Amgen und Roche gehandelt. Nur käme ein Angebot nach dem jüngsten Höhenflug über zwei Milliarden Franken teurer zu stehen. Das schreckt wohl manchen Interessenten ab. Wenn das Getuschel abgeflaut ist, richten die Anleger ihr ­Augenmerk wieder auf die aktuelle Lage bei Actelion – und die ist, nach Fehlschlägen in der Entwicklung neuer Medikamen­te, kurzfristig wenig rosig. Zwar bin ich zuversichtlich, dass die Firma eines Tages vielversprechende Medikamente lanciert. Vorderhand jedoch sind die Aktien ein heisser Ritt.

Silbrige Zeiten. Sogar hartgesottenen Goldjüngern wird der Rausch langsam unheimlich: Der Preis für Gold stösst in immer neue Höhen vor. Alleine über die drei letzten Monate stiegen die Notierungen in Dollars um gegen 20 Prozent. In Franken gemessen, waren es dagegen nur sieben Prozent – die Dollarschwäche lässt grüssen. Kaum für Schlagzeilen sorgt derweil Silber, obwohl dieses Edelmetall weitaus stärker gestiegen ist: plus 40 Prozent seit Mitte Jahr auf Dollar­basis, in Franken immerhin plus 27 Prozent. Vor einem Jahr empfahl ich Silber zum Kauf, mit diesem Tipp waren 33 Prozent zu verdienen, währungsbereinigt, wohlgemerkt. Das weisse Metall wird so hoch gehandelt wie seit drei Dekaden nicht mehr. Das reizt zu Gewinnmitnahmen, zumal der steile Preisanstieg bei beiden Edelmetallen wohl bald in ­eine (vorübergehende) Korrektur münden wird.

Längerfristig allerdings bin ich für Silber optimistischer als für Gold. Denn während der Goldpreis von Angst getrieben wird, steckt hinter der Silberhausse zwar ebenfalls eine gehörige Portion Besorgnis, doch die Treiber sind vor allem handfest. Denn je mehr die Konjunktur brummt, desto mehr Silber wird benötigt. Vor allem in der Solarindustrie wird das Metall eingesetzt, aber auch in der Elektrotechnik, der Optik, der Medizin- und Dentaltechnik, der Mikroelektronik, und sogar die Lebensmittelindustrie benötigt Silber. Laut einer Studie von UniCredit werden zahlreiche neue Anwendun­gen bewirken, dass sich die industrielle Nachfrage nach Silber innerhalb von zehn Jahren verdoppeln dürfte. ­Abgesehen von vorübergehenden Kursrückschlägen, ist Silber eine goldene Zukunft zu bescheinigen. Wer auf den Silberzug aufspringen will, der sollte Kursrückschläge abwarten.

Gut geklebt. Viele Schweizer Konzerne wurden einst von Ausländern gegründet, beispielsweise Nestlé, BBC, Rolex, Oerlikon-Bührle, Liebherr, Kühne + Nagel. Oder Sika, 1910 von Kaspar Winkler als Firma eingetragen. Der einstige ­Thüringer Hirtenbub lernte als Halbwüchsiger in Bregenz und Zürich gipsen und mauern. Er war aber vor allem ein Tüftler. Seine ersten Erfindungen waren Schutz- und Reinigungs­mittel für Granit sowie ein Mittel, das Mörtel ­wasserdicht macht. Aus diesen Anfängen ist in hundert Jahren ein weltweit tätiger Konzern gewachsen mit einem Umsatz von mehr als vier Milliarden Franken und 12  600 Beschäftigten. Bis heute beliefert das Unternehmen die Bauwirtschaft mit chemischen Spezialitäten.

Der Bauchemie- und Klebstoffhersteller ist derweil jung geblieben – und expansionsfreudig. Alleine über die letzten zehn Jahre wurden mehr als 40 Firmen übernommen, der ­Umsatz hat sich verdoppelt. An der Jubiläumsfeier kündigte CEO Ernst Bärtschi ein weiterhin forsches Wachstumstempo an. In sieben bis acht Jahren soll der Umsatz acht Milliarden erreicht haben. Dabei dürfte das Wachstum nicht nur aus ­weiteren Akquisitionen stammen. Sika verzeichnet vor allem in Schwellenländern eine hohe Nachfrage, in erster Linie in ­China. Dort stieg der Umsatz im ersten Semester dieses Jahres um 40 Prozent. Daneben werden laufend neue, innovative Produkte entwickelt.

Für mich gehören Sika zu jenen Aktien, die einen ruhig schlafen lassen – soweit dies bei Aktienbesitz überhaupt möglich ist. Nur sind die Titel mit einem für dieses und das ­kommende Jahr geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,8 beziehungsweise 13,1 nicht gerade ein Schnäppchen – und deshalb nur auf lange Sicht zu empfehlen.

Frank Goldfinger ist der anonyme Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch

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