Börsenkommentatoren müssen dieser Tage nicht lange nach Gründen für die Schwäche an den globalen Aktienmärkten suchen: In China gerät der Wirtschaftsboom ins Stocken, die amerikanische Konjunktur zeigt Mattigkeit, der Zinstiefpunkt scheint erreicht zu sein. Der grösste Spielverderber jedoch ist und bleibt Europas Schuldenkrise. Und da liegen die Nerven blank. Italiens Ministerpräsident Mario Monti schiebt den Schwarzen Peter für die Turbulenzen an den Kapitalmärkten den Spaniern zu, Spaniens Premier Mariano Rajoy schiesst scharf zurück.

Derweil spitzt sich die Krise in Spanien zu. Die Banken ­wackeln bedenklich, und die drastischen Sparprogramme des Staates drücken das Land noch tiefer in die ­Rezession. Dabei liegt die Arbeitslosenrate bereits bei 23 Prozent. Detailhändler, Hoteliers, Wirte, sie alle klagen über Umsatzeinbrüche. Sogar der ­Stierkampf steckt in der Krise; die Corrida leidet unter Besucherschwund.

Ganz Europa fürchtet sich davor, mit der spanischen Grippe ­infiziert zu werden. Deshalb erwarte ich über die nächsten Monate unruhige Börsenzeiten. Wer seine Anlagestrategie auf Jahre hinaus ausrichtet, den lassen kurzfristige Erschütterungen kalt. Zudem eröffnen Kursrückschläge neue Kaufchancen. Denn etwas ist sicher: ­Aktien sind, gerade mit Blick auf die aktuelle Zinssituation, eine der attraktivsten Anlageformen.

Solange Schuldenproblematik und Konjunktursorgen die Märkte belasten, konzentriere ich mich auf heimische Valoren von international ausgerichteten, solide finanzierten Unternehmen, beispielsweise Nestlé, Novartis, Roche, ABB, Swatch oder Holcim. Unter den Nebenwerten gefallen mir Schweiter, Rieter sowie Galenica. Dem in einer Schwächephase steckenden Gold ist Aufholpotenzial zu bescheinigen.

Mächtig viel Rendite. In ­Zeiten schwacher Börsen und niedriger Zinsen lohnt es sich, auf erstklassige Aktien mit hohen Dividendenrenditen zu setzen – eine zwar langweilige, doch gerade für konservative Anleger erfolgversprechende Strategie. Dabei denke ich an ­Aktien wie Bâloise, Bossard, Helvetia, Swiss Re, Zurich oder erneut Roche. ­Interessant sind auch Swisscom. Der neue Regulierungsdruck, der wegen des heftigen Abschreibers auf der italienischen Fastweb-Tochter zu verzeichnende Gewinneinbruch und die unvermindert anhaltende Preiserosion im Basisgeschäft haben die Valoren unter Druck gesetzt. Ja die Titel haben jüngst nicht einmal den Dividendenabgang aufzuholen vermocht. Das Resultat: Swisscom rentieren aktuell mit saftigen 6,5 Prozent. Bei solcher ­Verzinsung des eingesetzten Kapitals lässt es sich sogar verschmerzen, dass sonst kaum etwas für ein Engagement spricht. Zumindest über die nächsten Monate dürften die Papiere nicht mit grossen Kursavancen auf sich aufmerksam machen.

Neue Restrukturierung. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie oft Ascom bereits eine weitere Restrukturierung ­angekündigt hat. Dieser Tage wurde unter der Bezeichnung Enterprise das nächste Programm gemeldet; die unter der generellen Marktschwäche für mobile Kommunikationsnetze leidende Division Network Testing wird umgebaut. Nur heisst dies nicht mehr «Restrukturierung», sondern «Investitionsprogramm». Der Effekt ist derselbe. Auch sonst weiss das Management des Berner Technologiekonzerns, wie man schlechte Nachrichten schön verpackt. So wurden die Resultate für 2011 als «solide Ergebnisse» etikettiert. Was da heisst: Ebit minus 21 Prozent, Gewinn minus 29 Prozent. Solide Einbrüche also. Und zur Ebitda-Marge von 13,7 Prozent wird kommentiert, dass diese in der «vorgegebenen Guidance von 13 bis 14 Prozent» lag. Was da heisst: Die Ebitda-Marge sank um satte 1,3 Prozentpunkte.

Solche Schönfärberei kommt bei den Anlegerinnen und Anlegern nicht sonderlich gut an, das sollte eigentlich auch Ascom-Chef Fritz Mumenthaler klar sein. Trotz «soliden Ergebnissen» und «vorgegebener Guidance» büssten die Aktien innert Jahresfrist 40 Prozent an Wert ein. Und was bringt dieses Jahr? «Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden im 2012 herausfordernd bleiben. Unabhängig davon will Ascom profitables Wachstum schaffen und den Wert des Unternehmens nachhaltig steigern», heisst es aus Bern. Das bedeutet nichts anderes als: Die ­Devestitionen des einst stolzen Unternehmens gehen weiter – es bleibt immer weniger übrig. Anfang der neunziger Jahre erwirtschafteten 18 000 Mitarbeiter rund drei Milliarden Franken Umsatz; zwei Jahrzehnte später bringen 1801 Angestellte 438 Millionen Umsatz. Die Aktien sind mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 7,7 ausgesprochen tief bewertet. Ich sehe dennoch keinen Grund für einen Einstieg. Gelingt der Turnaround bei der Division Network Testing, werde ich die Valoren einer Neubewertung ­unterziehen.

Kein Musikgehör. Wenn der Rockmusiker und Hobby-Fotograf Bryan Adams seine Kamera auspackt, werfen sich Stars und Sternchen wie die US-Schauspielerinnen Lindsay Lohan und ­Mischa Barton in Pose. Jüngst geknipst hat er Georgia Jagger, die 20-jährige Tochter des Rolling-Stones-Frontmanns Mick Jagger und des Models Jerry Hall. Auch Hall liess sich einst vom Rockstar fotografieren – mit der Hand hinter dem Ohr. Denn das ist die typische Haltung, in der Adams seit Jahren Leute für «Hear the World» ablichtet. Dabei handelt es sich um die weltweite Initiative des Schweizer Hörgeräteherstellers Sonova mit dem Ziel, das Bewusstsein für Hören und Hörverlust zu fördern.

Ein etwas feineres Gehör für ihre ­Bedürfnisse wünschten sich wohl auch die Sonova-Aktionäre. Seit dem Skandal um missbräuchliche Aktienverkäufe des Managements kurz vor einer Gewinnwarnung haben sie das Vertrauen in die Unternehmensleitung verloren. Nun wird Sonova mit millionenschweren Schadenersatzforderungen eingedeckt. Vergessen ging darob das Geschäft – und dieses läuft wieder etwas besser. Zwar ist die Firma noch deutlich von ihrer Topform entfernt, doch die Nachfrage nach Hörgeräten belebt sich. Ein wichtiger Teil ist dabei die im Vergleich zur Konkurrenz unverändert hohe Innovationskraft von Sonova. Auch CEO Lukas Braunschweiler, vor wenigen Monaten von der Ruag kommend eingewechselt, macht einen guten Eindruck. Dennoch halte ich, zumindest auf kurze Sicht, nur wenig von den Aktien. Die Valoren sind mir mit einem geschätzten KGV von 27 einfach zu teuer.

Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch

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