Jahrzehntelang galt Siemens als Vorzeigekonzern. Das weltweit führende Unternehmen der Elektronik und Elektrotechnik stand für deutsche Wesenszüge wie Zuverlässigkeit, Qualität, Innovationskraft. Nun leidet der Ruf, denn die jüngste Firmengeschichte ist gespickt mit Pleiten, Pech und Pannen. ­Interne Machtkämpfe, zu teure ­Akquisitionen, Probleme mit Windparks in der Nordsee und Windturbinen in den USA, Verspätung bei der Auslieferung der ICE-Züge oder der Totalabsturz des Solargeschäfts sind einige Stichworte.

Im Juli musste Siemens-Chef Peter Löscher eine Gewinnwarnung ver­öffentlichen. Damit hatte sich der Österreicher zum sechsten Mal mit seinen Prognosen verschätzt – das war einmal zu viel; Löscher musste sein Pult räumen. Joe Kaeser als sein Nachfolger tritt ein schweres Erbe an. Just zum Machtwechsel kocht in Brasilien ein Skandal hoch um Kartellabsprachen und Korruption im Zusammenhang mit der Lieferung von U-Bahn-Zügen.

Die Verunsicherung der Anleger schlägt sich in hektischen Kursausschlägen nieder. Heute notiert die Aktie wieder auf dem Niveau von Anfang 2013. Damit sind die Valoren günstig bewertet; für dieses Jahr stellt sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis zwar auf 15,2, für 2014 dagegen ergeben sich attraktive 11,7. Dennoch drängt sich ein Einstieg vorderhand nicht auf. Zuerst muss Kaeser beweisen, dass er die Probleme in den Griff bekommt. Zu den Problemen zählt auch Gerhard Cromme. Der Aufsichtsratsvorsitzende ist der grosse Drahtzieher im Hintergrund, der immer wieder für ­Unruhe sorgt. Die lauter werdenden Rücktrittsforderungen nimmt der 70-Jährige nicht zur Kenntnis – bislang.

Potenzieller Börsenstar. «Seit längerem verfolge ich Cosmo Pharmaceuticals, seit Monaten steigt der Aktienkurs steil an. Was wissen Sie über diese Aktie?», hat mich Leser U.W. angefragt. Das italienische Pharmaunternehmen hat seine Titel 2007 in der Schweiz kotieren lassen. Lange zerrissen die Valoren keine gros­sen Stricke. Doch seit Anfang dieses Jahres geht die Post ab, sind die Papiere um mehr als 120 Prozent in die Höhe geschossen. Die Kleinstfirma – 2012 erwirtschafteten 160 Mitarbeiter 60 Millionen Euro Umsatz, davon blieb ein Drittel (!) als Gewinn hängen – lässt denn auch mit positiven Meldungen aufhorchen. So blieb aus dem Teilverkauf der Beteiligung am Vertriebspartner Santarus ein schöner Batzen, dank dem Cosmo erstmals eine Dividende ausrichten kann.

Die Mailänder produzieren mit Hilfe der selbst entwickelten MMX-Technologie Tabletten für die Behandlung von Darmerkrankungen, und zwar mit einer verzögerten Freisetzung des Wirkstoffs. Auf MMX-Basis werden auch Produkte gegen Akne und Reisedurchfall produziert. Viel verspricht sich das Management von Tabletten, welche die Darmspiegelung effizienter machen dürften. Und für das kommende Jahr stellt Firmenchef Mauro Ajani einen Wachstumssprung in Aussicht.

In den Aktienkursen ist bereits viel Zukunft eskomptiert. Im nächsten Jahr fallen kaum ausserordentliche Erträge an, womit der Gewinn deutlich zurückgehen wird. Die Titel sind mit einem ­geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 28 satt bewertet. Wer jedoch Geduld und Risikofreude aufbringt, für den bieten Cosmo gute Chancen.

Japan-Gewinne ernten. Vor einem Jahr war ich in Japan und staunte, wie viel ­Zuversicht die Asiaten in Sachen Wirtschaft an den Tag legen. Und dies nach zwei Jahrzehnten des kollektiven Pessimismus. Seither ist der Börsenleitindex Nikkei um nicht weniger als 49 Prozent in die Höhe geschossen. Für ausländische ­Investoren allerdings sieht die Rechnung weniger erfreulich aus; weil der Yen in diesem Zeitraum 23 Prozent an Wert eingebüsst hat, bleibt währungsbereinigt lediglich noch ein Börsenplus von 14 Prozent.

Damals empfahl ich auch fünf Aktien aus Nippon. Lediglich mit einem Tipp vermochte ich die Benchmark nicht zu schlagen; die Valoren des Baumaschinenherstellers Komatsu gewannen «nur» 39 Prozent. Dafür reüssierten Ryohin Keikaku, die Muttergesellschaft der Kultmarke Muji, um 80 Prozent, der Sojasaucen-Brauer Kikkoman rückte um 66 Prozent und die Modegruppe Fast Retailing um 88 Prozent vor – zeitweise haben Fast Retailing sogar einen 144-Prozent-Tango aufs (Börsen-)Parkett gelegt. Starperformer waren die Papiere des Laufschuhfabrikanten Asics; sie haussierten um 94 Prozent. Da bleibt auch nach dem Einrechnen der Yen-Schwäche noch genügend übrig, bei Asics sind es 50 Prozent.

Mit Blick auf die Konjunkturmassnahmen und die höchst lockere Geldpolitik wird die japanische Börse wahrscheinlich noch weiter zulegen. Doch wer meinen Kaufempfehlungen gefolgt ist, sollte zumindest einen Teil der schönen Gewinne realisieren.

Frontenwechsel. Eigentlich war es nur eine Personalie. Doch sie hat für dicke Schlagzeilen gesorgt: Markus Akermann, einst höchster Betonmischer bei Holcim, stellt sein Wissen dem brasilianischen Konzern Votorantim Cementos als Verwaltungsrat zur Verfügung. Einige gehässige Kommentare waren dem 66-Jährigen gewiss. Sicher, der Frontenwechsel ist nicht gerade comme il faut. Doch auf Akermann wartet ein interessanter Job. Votorantim hält in Brasilien im Zementgeschäft einen Marktanteil von rund 37 Prozent. Holcim dagegen kommt im wichtigsten südamerikanischen Absatzgebiet für Zement nur auf ein Viertel dieses Anteils.

Der brasilianische Mischkonzern, der auch in den Bereichen Metalle, Minen und Zellstoffe tätig ist, erwirtschaftete 2012 bei einem Umsatz von umgerechnet 11,1 Milliarden Franken eine Ebitda-Marge von 20,6 Prozent. Vor allem das Zementgeschäft ist wachstums- und ­ertragsstark, dort stellt sich die Ebitda-Marge auf 32,7 Prozent. Ich verfolge das Familienunternehmen, seit ein 4,8 Milliarden Dollar schwerer Börsengang angekündigt wurde. Jüngst jedoch hat man diese Pläne wegen der schwachen brasilianischen Börse auf Eis gelegt. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Mühe bekunden nicht nur brasilianische Aktien, sondern auch die Holcim-Aktien. Im Mai und Juni brachen die Valoren ein, seither haben sie sich wieder etwas erholt. Fürs erste Semester meldete Holcim Rückgänge bei Umsatz und Betriebsgewinn, während der Reingewinn stark zuzulegen vermochte. 2013 wird kaum grandiose Resultate bringen. Doch schon 2014 dürfte sich das Umfeld aufhellen. Ich halte an diesen Blue Chips fest.

Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch.

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