Anfang Oktober weilte ich in Frankreich. Aufgefallen sind mir dabei die grossflächigen Plakate vor Garagen und Autoausstellungen, die Neuwagen zu Tiefstpreisen anbieten. Die französischen Autobauer stecken in einer schweren Krise. Renault geht es dank ihren global starken Partnern Nissan und Dacia noch relativ gut. Getroffen ist aber PSA Peugeot Citroën. Laut dem Chef Philippe Varin verliert der Konzern 200 Millionen Euro – monatlich. Nun werden im gros­sen Stil Arbeitsplätze abgebaut. Die Aktien der Franzosen schmierten innert Jahresfrist um mehr als 50 Prozent ab.

Europas Schuldenkrise hat längst auch andere Autokonzerne erfasst, vor allem in Südeuropa. Fiat schreibt zwar noch nicht rote Zahlen, weil die Tochter Chrysler deren Löcher stopft. Sonst aber sieht es für den italienischen Massenproduzenten wenig rosig aus. Fiat-Lenker Sergio Marchionne, einst gefeierter ­Superstar, gilt inzwischen als Buhmann, seit er ein 20 Milliarden Euro schweres Investitionsprogramm stoppte. Der Turiner Konzern jedenfalls realisiert einen heftigen Absatzeinbruch, die Aktien stehen unter Druck.

Deutschlands Autobauer dagegen ­befinden sich, mit Ausnahme von Opel, in flotter Fahrt. BMW, Daimler und Volkswagen schlagen sich dank ihrer Premiumstrategie, einer kostengünstigen Fabrikation und ihrem Fokus auf Absatzmärkte in Schwellenländern gut. Auch ihre Aktien brausen auf der Überholspur, vor allem Martin Winterkorn fährt mit VW hochtourig. Zwar dürften die deutschen Autokonzerne die sich abschwächende Konjunktur ebenfalls zu spüren bekommen. Dennoch sind die mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von jeweils etwa sieben günstig bewerteten Aktien auf mittlere Sicht attraktiv. Dabei bevorzuge ich Daimler, nicht zuletzt wegen der saftigen Dividendenrendite von 5,8 Prozent.

Zollfreie Gewinne. Letztmals habe ich im Frühjahr 2010 über Dufry geschrieben. Das Geschäftsmodell hat mir zwar gefallen, die Aktien waren mir damals allerdings zu teuer. Seither hat sich beim ­Betreiber von Duty-free-Shops – 1200 ­Geschäfte in 44 Ländern an Flughäfen, auf Kreuzfahrtschiffen, in Seehäfen und an anderen Orten – einiges getan. Das Unternehmen aus Basel übernahm in ­rascher Folge Konkurrenten und integrierte diese in kurzer Zeit erfolgreich. Jüngst gelang Dufry erneut ein grosser Schritt: Für gut 240 Millionen Franken kaufte die seit 2004 von Julián Díaz ­geleitete Firma 51 Prozent der Folli Follie Group, des führenden Reisedetaillisten in Griechenland.

Die Expansion in das von der Schuldenkrise schwer heimgesuchte Land mag auf den ersten Blick als unvernünftig ­erscheinen. Doch gerade wegen der Schuldenproblematik war das Aktien­paket günstig zu haben. Ausserdem ­erweist sich die Tourismusbranche in Südeuropa als erstaunlich widerstandsfähig. Die Finanzanalysten, mit denen ich geredet habe, beurteilen den Einkauf positiv. Wie auch die Aktien – nach einem ertragsschwachen 2011 wird für die nächsten Jahre ein deutliches Gewinnwachstum prognostiziert. Für 2013 stellt sich das geschätzte Kurs-Gewinn-­Verhältnis auf 15,6 und für 2014 auf 11,8. Damit sind die Wachstumstitel auf mittelfristige Sicht attraktiv.

Silberblase. Es ist ein bekanntes Phänomen: Notiert der Preis tief, interessiert sich kaum ein Investor für das Gut. Doch wenn der Trend dreht und die Kurse klettern, sind die Anleger plötzlich versessen darauf: beispielsweise auf Silber; seit Mitte Jahr stieg der Preis um gegen 30 Prozent. Und schon mehren sich bei mir die Anfragen von Lesern, ob sie noch auf den Silberzug aufspringen sollen.

Im Gegensatz zu Gold dient Silber nicht als Krisenversicherung. Denn das Schwermetall wird vor allem in der ­Industrie verwendet; es ist gut verformbar und verfügt über eine hohe elektrische Leitfähigkeit. Deshalb ist dieser Rohstoff auch heftigen Preisschwankungen unterworfen, immer wieder sind Spekulationswellen festzustellen. So im vergangenen Jahr, als der Kurs auf 48 Dollar pro Unze emporschoss und dann in null Komma nichts auf 33 Dollar ­abstürzte. Auch dieser Tage reitet die Spekulation mit, angeheizt vor allem von Hedge Funds. Ein ­Engagement in Silber ist mir zu risikoreich.

Virenbefall bei HP. Der amerikanische Computerkonzern Hewlett-Packard (HP) und der japanische Elektronikmulti Sony haben viel Gemeinsames: Beide Unternehmen waren in ihrem Bereich einst tonangebend, beide mussten über die letzten Jahre heftig bluten, beide gerieten vor allem wegen Managementfehlern in die Bredouille – und beide Aktien befinden sich im freien Fall.

Dabei haben sich die HP-Aktionäre vom letzten Managementwechsel einiges erhofft. Seit rund einem Jahr hat Meg Whitman das Kommando. Doch die einstige eBay-Chefin hatte bislang nur schlechte Neuigkeiten zu verkünden. Vor allem die Zahlen für das Ende Juli abgeschlossene dritte Quartal schreckten die Anleger auf: Hohe Restrukturierungskosten, rückläufige PC-Verkäufe und ein gewaltiger Abschreiber zogen einen Verlust von 8,9 Milliarden Dollar nach sich.

HP wurde jahrelang heruntergewirtschaftet, der Turnaround wird nun ebenfalls Jahre benötigen. Diese Einsicht hat längst die Börse erreicht. Kaum kommuniziert hat Whitman dagegen, mit welchen Massnahmen sie die Wende schaffen will. Der Abbau von gegen 30 000 Arbeitsplätzen oder einem Zehntel der Belegschaft bringt zwar eine grosse Kostenersparnis. Weitaus entscheidender ist jedoch, was HP im grössten Problem­bereich, dem Geschäft mit Personal Computern, zu unternehmen gedenkt oder was im Mobilgeschäft mit Tablets und Smartphones geplant ist.

Für 2013/14 rechnen Analysten mit einem Gewinn von durchschnittlich 3.50 Dollar pro Aktie. Damit werden die Titel der Amerikaner mit einem tiefen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 4,1 bewertet. Die Anleger scheinen also nicht so recht an den Turnaround zu glauben. Die Valoren sind mit hohen Risiken behaftet. Dafür sind sie für eine heisse Spekulation gut; falls Meg Whitman erfolgreich ist, wird sich der Kurs vervielfachen.

Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch

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