Vorsicht vor dem – vermeintlichen – Kursaufschwung an den Börsen

Für die Börsenauguren war es eine ausgemachte Sache: Nach den schweren Einbrüchen würden die Aktienmärkte für lange Zeit von sogenannten Bear-Market-Rallys heimgesucht. Solche kurzen, dafür heftigen Haussephasen, gefolgt von erneuten Kursstürzen, sind heimtückisch. Viele Anleger schöpfen Zuversicht, decken sich mit Aktien ein – nur um deren erneuten Wertezerfall mit ansehen zu müssen. Auch Finanzanalysten lassen sich von Zwischenspurts blenden. So brauchte es im März lediglich eine gut zwei Wochen anhaltende Erholung der Aktienkurse, um ihre Meinung zu ändern: «Nun hat die Börsenhausse eingesetzt», konnte man in den letzten Tagen in manchem Interview lesen.

Ich glaube (noch) nicht an die grosse Erholung. Zwar zeigt ein Blick auf 100 Jahre US-Börsengeschichte, dass die aktuelle Einbusse der drittgrösste Rückschlag ist. Das muss aber nicht heissen, dass es nicht noch weiter nach unten gehen kann. Ich sehe jedenfalls keine Anzeichen, die das Ende der Baisse signalisieren. Die Rezession hat sich bisher erst in den Firmenresultaten des vierten Quartals 2008 niedergeschlagen, die Jahresergebnisse jedoch sind mehrheitlich gut ausgefallen. 2009 dagegen wird der Konjunktureinbruch die Gewinne zerzausen; das wird den Anlegern in den nächsten Wochen bewusst, wenn die Resultate für das erste Quartal veröffentlicht werden.

Der Bär wird dem Bullen wohl noch längere Zeit an die Gurgel gehen. Was nicht bedeutet, dass sich Investoren untätig verhalten sollen. Wenn Aktien von gut positionierten Unternehmen übermässig unter die Räder kommen, ist das eine Gelegenheit zum Einstieg. Dann aber braucht es viel Geduld – und gute Nerven.

Die Finanzkrise lässt die Kreditratings schmelzen

Die Finanzkrise nagt an der Kreditwürdigkeit der Unternehmen, die Ratingagenturen schneiden laufend die Ratings zurück. Jüngstes Opfer ist die lange über den grünen Klee gelobte Berkshire Hathaway; die Beteiligungsgesellschaft des US-Anlagestrategen Warren Buffett verlor jüngst ihr makelloses AAA-Rating. Und Berkshire Hathaway ist keine Ausnahme. Konnten sich vor 30 Jahren noch gegen 70 US-Konzerne mit der höchsten Bonitätsnote schmücken, sind es heute noch eine Handvoll, zum Beispiel Exxon, Microsoft, Johnson & Johnson. In der Schweiz dagegen kann keine einzige Firma mehr ein AAA vorweisen. Sogar der einstige Fels punkto Kreditwürdigkeit, Nestlé, ging 2007 seiner Bestnote verlustig.

«Der Bonität kommt dieser Tage ein hoher Stellenwert zu, speziell für die Banken», hat mir Sarasin-Chefökonom Jan Amrit Poser erklärt. Denn wenn Ratingagenturen die Bonität eines Bankschuldners zurücknehmen, muss das Geldhaus für diese Ausleihungen mehr Kapital unterlegen. Und das kann ins grosse Geld gehen. Von daher kommt die Knausrigkeit der Banken. «Wer nicht mindestens ein A-Rating vorweisen kann, erhält kein Geld», weiss Poser.

Die Erosion der Kreditqualität ist für Anleger ebenso ein Ärgernis. Wegen der Finanzkrise sind die Zinsdifferenzen ­innerhalb der Qualitätsstufen noch grösser geworden; die Traumrenditen für Obligationen von Schuldnern mit schlechter Bonität reizen viele Investoren. Dabei sollten gerade in turbulenten Zeiten risikoscheue Investoren darauf achten, nur ­allererste Bonitäten ins Bond-Portfolio zu legen – obwohl die Renditen mickrig sind.

Calida ist in einer weitaus stärkeren Verfassung als Schiesser.

«Der Untergang von Schiesser hat mich erschreckt. Kann das Gleiche auch Calida widerfahren?», fragte mich ein Calida-Aktionär. Schiesser rasselte bekanntlich in die Insolvenz, weil der Hauptaktionär, die Zuger Holding Hesta, dem in Schieflage geratenen deutschen Wäschehersteller kein Geld mehr überwies. Liquiditätsprobleme sind für Calida, verankert im Geschäft mit Unterwäsche und Pyjamas, kein Thema. Zwar bekommt das Unternehmen aus Oberkirch LU den Konjunktureinbruch ebenfalls zu spüren. Doch so schnell geht Calida das Geld nicht aus: Der operative wie auch der freie Cashflow sind respektabel, die Finanzlage mit einem Eigenkapitalanteil von 68 Prozent der Bilanzsumme ist höchst gesund.

Calida endet sicher nicht auf dem Wühltisch der gescheiterten Unternehmen. Dennoch bin ich nicht heiss auf Calida-Aktien. Für dieses Jahr rechnet CEO Felix Sulzberger mit einem weiteren Umsatz- und Ertragsrückgang. Obwohl die Titel seit Herbst 2007 um 70 Prozent gefallen sind, bieten sie mit einem für 2009 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 kaum Einstiegsanreize. Wer bereits Calida hält, sollte zuwarten.

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