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Frank Goldfinger: Im Auge des Zyklons

Verstärkungen für die UBS: Beatrice Weder di ­Mauro (l.) und Isabelle Romy.

Die Aktien der UBS erfordern eine gehörige Portion an Risikofreude; eine Fusion von Glencore und Xstrata wäre eigentlich gar nicht nötig; der designierte CEO von Sony hat sich einen Augias-Job aufgehalst.

Von Frank Goldfinger
07.02.2012

Der Jahresauftakt ist einigen Bankvaloren gut gelungen. In den ersten fünf ­Wochen gewannen Vontobel 27 Prozent, EFG legten 16 Prozent zu, CS Group ­reüssierten um 17 und UBS um 20 Prozent. Die Börse scheint bereits das Ende der Finanz- und Bankenkrise zu feiern – etwas gar voreilig. Europa hat die Schuldenproblematik nicht überwunden. In einer Studie schreibt PricewaterhouseCoopers, das Risiko einer nächsten «weltweiten Rezession und einer erneuten Bankenkrise ist als hoch einzustufen». Auch sonst braut sich neues Unheil zusammen, gerade über der UBS. Die US-Regierung hat im Steuerstreit das Tempo verschärft. Auch ist die UBS mit anderen Instituten ins Visier der Wettbewerbs­hüter geraten wegen angeblicher Zinsmanipulationen. Oder die Finma untersucht den durch einen UBS-Händler hervorgerufenen Milliardenverlust. Und jüngst musste das Geldhaus für 2011 einen heftigen Gewinneinbruch melden.

Die grösste Schweizer Bank selbst scheint an der Rechtsfront keine Entspannung zu erwarten. Dies schlies­se ich aus den Veränderungen im Verwaltungsrat. Neu stossen zwei Professo­rinnen hinzu: Die zur Wahl vorgeschlagene Beatrice Weder di Mauro (46) bringt viel Fachwissen und ein exzellentes ­Beziehungsnetz ein (siehe «Machtnetz von Beatrice Weder di Mauro»). Aufhorchen lässt die nominierte Isabelle Romy; die ebenfalls 46-Jährige ist Partnerin in der Zürcher Anwaltskanzlei ­Niederer Kraft & Frey und auf internationale Prozessführung sowie Schiedsgerichtsbarkeit spezialisiert.

Die dieser Tage relative Ruhe um die UBS täuscht. Die Grossbank befindet sich unverändert im Wirbelsturm, doch derzeit im Auge des Zyklons. Bald werden die Böen wieder an der Bank rütteln. Gerade deswegen sind die Aktien eine aufregende ­Spekulation. Der Preis für dieses Engagement ist eine zeitweise überhöhte Pulsfrequenz.

Stromschlag. Der Börsenstar des noch jungen Jahres heisst Mindset. Die Aktien schossen seit Anfang 2012 um mehr als 80 Prozent in die Höhe. Kurszünder war eine Medienmitteilung mit dem Titel «Bahnbrechender Fortschritt in der Akku-Technologie für Elektroautomobile». Die Firma versucht seit Jahren, einen elektrisch betriebenen Sportwagen namens Mindset auf die Strasse zu bringen. Immer wieder hat Unternehmens­chef Lorenzo Schmid Erwartungen geschürt, die wie Seifenblasen zerplatzten. Die Begeisterung bei den Börsianern ist längst verflogen, die Kurse sind regelrecht implodiert; nur zeitweise flackern wieder Hoffnungen auf.

Experten bezeichnen den Mindset als interessantes Projekt – auf dem Papier. Für die Umsetzung fehlt etwas Entscheidendes: viel Kapital. Die grossen Autobauer stecken Milliarden in die Entwicklung von Elektroautos. Weshalb sollte da ausgerechnet die Kleinstfirma Mindset die Nase vorne haben? Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die letzten Kapitalgeber bei Mindset den Stecker herausziehen. Vorsicht vor diesen Valoren.

Elefantenhochzeit. Nun ist es offiziell: Der Baarer Rohstoffkonzern Glencore und das Zuger Bergbauunternehmen Xstrata wollen fusionieren. Eine Überraschung ist das beileibe nicht, jahrelang wurde über einen Zusammenschluss spekuliert. Der neue Konzern, Glencore Xstrata ­International, hätte im Geschäftsjahr 2011 einen Umsatz von 209 Milliarden Dollar und ein Ebitda von 16,2 Milliarden erwirtschaftet. Die Börsenkapitalisierung belief sich Anfang Februar auf mehr als 90 Milliarden. Doch macht ein solch gigantischer Zusammenschluss überhaupt Sinn? Ja, wenn man das von Glencore verfolgte Businessmodell im Blick hat: Rohstoffgewinnung, -handel und ­Logistik aus einer Hand. Nein, wenn man berücksichtigt, dass ein Aktientausch die Handlungsfreiheit der wohl anhaltend expansionshungrigen Glencore Xstrata auf Jahre hinaus einschränkt.

Mir hat vor einem Jahr ein Glencore-Manager versichert, diese Ehe mache wenig Sinn. Einmal sei Glencore mit einem Anteil von 34,1 Prozent grösster Aktionär von Xstrata und kontrolliere damit das Unternehmen. Ausserdem ­bestünden für Rohstoffe, die Glencore von Xstrata beziehe, langfristige Abnahmeverträge. Also weshalb etwas übernehmen, das man faktisch sowieso ­beherrscht? Das leuchtet mir ein. Wäre es ergo nicht besser gewesen, Glencore hätte ihre Milliarden für andere Akquisitionen gespart?

Im neuen Konzern treffen zwei starke ­Männer aufeinander: Xstrata-Lenker Mick Davis und Glencore-Kapitän Ivan Glasenberg. Beide sind Machtmenschen, doch einer musste weichen. Der neue starke Mann heisst Mick Davis, er wird CEO. Glasenberg dürfte es leicht ­fallen, die zweite Geige zu spielen; seine Beteiligung an Glencore ist 7,3 Milliarden Franken wert, er hofft dank der Fusion auf weitere Wertsteigerungen.

Beide Aktien haben im Vorfeld der Fusion stark zugelegt. Das Modell eines vertikal integrierten Rohstoffkonzerns gefällt. Die neuen Titel versprechen denn auch Kurspotenzial, sind aber nur auf langfristige Sicht interessant.

Neuer Besen. Vor sechs Jahren beschrieb ich, wie Sony von Krise zu Krise schlittert. Der damals relativ neue CEO ­Howard Stringer hat den Niedergang bis heute nicht zu stoppen vermocht. Zu den Aktien schrieb ich: «It was a Sony.» Die Valoren büssten seither vier Fünftel an Wert ein. Meine erste Sony-Musikanlage habe ich zu einer Zeit gekauft, als das multinationalste aller japanischen Unternehmen in der Unterhaltungselektronik als Mass (fast) aller Dinge galt. Doch ­Erfolg macht träge; die Konkurrenten, in erster Linie die Firma mit dem angebissenen Apfel, waren in Sachen Innovation, Technologie, Design und Marketing einfach vifer. Das liess bei Sony die Verluste anschwellen, seit Jahren schliesst die ­Erfolgsrechnung tiefrot.

Stringer ist grandios gescheitert. Mit 69 Jahren zieht er sich auf einen Verwaltungsratsposten zurück. An seine Stelle tritt, nicht unerwartet, Kazuo Hirai. Die Anleger erwarten einiges vom 51-jährigen Japaner; schliesslich hat er im schwer umkämpften Geschäft mit Computerspielen einen viel beachteten Turnaround ­erreicht. Ob Hirai es allerdings schafft, den gesamten Konzern schon bald wieder in ertragsreiche Gewässer zu lenken, ist fraglich. Die Aktien erscheinen auf den ersten Blick billig; dennoch drängt sich ein Kauf der Sony-Papiere vorderhand nicht auf.

Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch

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