Die amerikanische Immobilienkrise von 2007 hat viel Elend verursacht. Millionen Mittelständler verloren ihre Häuser, weil sie nicht mehr in der Lage waren, ihre Hypotheken zu bedienen. Doch die Katastrophe war auch Anlass zu Innovationen, die aus der Not eine Tugend machen.

Ein neuer Trend sind dabei die sogenannten Minihäuser. Leben auf 40 Quadratmetern ist in den USA inzwischen nicht mehr Arbeitslosen und Aussteigern vorbehalten. Analog zu den Autos beginnt das Statussymbol eines möglichst grossen Hauses zu bröckeln und immer mehr Menschen aus dem Mittelstand beschränken sich freiwillig auf kleinere Räume.

Das einfache Leben

Mittlerweile werden die Minihäuser in zahlreichen Blogs propagiert. Unter Namen wie «The Tiny Life» oder «Life in 120 Square Feet» berichten Hauseigentümer über ihre Erfahrungen. Viele erzählen vom einfachen Leben und der neuen Unabhängigkeit, die sie durch die kleinen Häuser erreicht haben.

Denn ein kleineres Haus bedeutet auch eine kleinere finanzielle Belastung für die Besitzer. Die Abhängigkeit von den Banken kann reduziert oder vermieden werden und man braucht nicht mehr einen bombensicheren Job, bevor man den Schritt zum Eigenheim wagen kann.

Ökologisch sinnvoll

Mit seinem 28'000-Dollar-50-Quadratmeter-Haus reduziere sich die nötige Arbeitszeit bis zu seiner Pensionierung um die Hälfte, schwärmt der 57-jährige Lehrer Doug Immel gegenüber dem Nachrichtenportal «Bloomberg». «Dazu bin ich auch abgesichert, wenn ich meinen Job verlieren sollte.»

Und es gibt nicht nur finanzielle Vorteile. Mit einem kleineren Haus verkleinert sich der ökologische Fussabdruck. Das Haus macht weniger Arbeit und kann in vielen Fällen leicht abgebaut und an einem neuen Ort wieder aufgestellt werden.

Mit Minihäusern gegen grenzenloses Wachstum

Wie viele Menschen bereits umgestiegen sind, ist statistisch allerdings kaum zu erfassen. Bloomberg schreibt von «höchstens einigen Tausend» neuen Minihäusern in den gesamten USA. Ein neues Einfamilienhaus hatte in den USA im letzten Jahr durchschnittlich rund 700 Quadratmeter Wohnfläche. Noch wirkt sich die Gegenströmung der Minihäuser also kaum auf die amerikanischen Durchschnittswerte aus.

Doch die Krise führte in den USA bekanntlich zu einem Rückgang der Hausbesitzquote. Diese lag 2013 noch bei rund 65 Prozent und damit so tief wie seit rund 20 Jahren nicht mehr. Im gleichen Mass, wie sich die Vorstädte in einigen Regionen des Landes leeren, wachsen die Trailer-Parks, die für viele Amerikaner zum Last Exit geworden sind. Dort sind die Bewohner allerdings oftmals skrupellosen Landbesitzern ausgeliefert, die sich an der Notlage bereichern wollen.

Ein «echtes» Haus können sich in den USA also immer weniger Menschen leisten. Ein kleines Haus bietet hier eine Alternative. Die Bewegung ist im Internet bereits sehr präsent, der Trend dürfte sich langfristig verstärken.

Leben im Fass – wie einst Diogenes

Noch kleiner als die Minihäuser in den USA plant Renzo Piano. Der italienische Stararchitekt ist sonst eher bekannt für Grossprojekte wie den 310 Meter hohen Shard in London oder das Zentrum Paul Klee in Bern. Im letzten Jahr hat er aber einen Entwurf für ein autarkes Sieben-Quadratmeter-Haus vorgelegt.

Das Miniaturhaus «Diogene» ist passenderweise nach dem griechischen Philosophen benannt, der angeblich in einem Weinfass hauste. Es überzeugt nicht nur stilistisch, sondern zeigt auch wie wenig Platz tatsächlich nötig wäre, um anständig zu wohnen. Auf minimalstem Raum sind Schlafzimmer, WC und Küche untergebracht.

Dabei bietet das Haus auch modernsten Standard: Eigener Strom, der von Solarpaneelen auf dem Dach produziert wird. Dazu gibts einen Regenwassertank und eine Komposttoilette. Es hat eine Grundfläche von 2,40 mal 2,96 Metern, ist 3,2 Meter hoch und wiegt 1,2 Tonnen. Das Häuschen ist leicht transportierbar und lässt sich fast überall aufstellen.

Bereits in diesem Jahr könnte das Minihaus beim Schweizer Möbelhersteller Vitra in Serienproduktion gehen. 20'000 Euro soll die einfache Version von Pianos Haus kosten, 50'000 Euro die Luxusvariante.

Noch nicht in der Schweiz angekommen

Noch gehe in der Schweiz die Tendenz zu immer grösserer Wohnfläche, sagt Hans-Ulrich Rentsch, Architekt und Geschäftsführer bei der Haus + Herd AG. Mit einer durchschnittlichen Grundfläche von etwa 150 bis 250 Quadratmetern sind neue Einfamilienhäuser in der Schweiz allerdings schon jetzt einiges kleiner als in den USA.

Die Chancen für die Minihäuser in der Schweiz sind denn auch schwer abzuschätzen. Einerseits ist die Jobsicherheit in der Schweiz höher und die Kreditvergabe restriktiver als in den USA, was gegen die Kleinsthäuser sprechen würde. Andererseits liegt die Eigentumsquote mit 49 Prozent weit tiefer als in vielen anderen Ländern. Hier bestünde mit Sicherheit Potenzial für ein niederschwelliges Hausangebot.

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