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Renovierung 
Mega-Baustelle Westminster-Palast: Aussen hui, innen pfui

Mega-Baustelle Westminster-Palast: Aussen hui, innen pfui
Bröckelnder Parlamentssitz: Das Gebäude stammt aus dem 18. Jahrhundert.Wikimedia/CC

Der Putz bröckelt, durch die Fenster zieht es, Mäuse rennen durch die Gänge: Das britische Parlamentsgebäude muss dringend renoviert werden. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Um das imposante britische Parlamentsgebäude ist es schlecht bestellt. Eine gigantische Renovierung ist bitter nötig. Aber noch haben die Parlamentarier nicht zugestimmt.

Der Putz bröckelt von den Decken. Durch die Fenster zieht es. Mäuse rennen durch die Gänge. Das weltberühmte britische Parlamentsgebäude ist ziemlich marode. Denn der Grossteil des Westminster Palace stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Rundumerneuerung bitter nötig

Damit das gusseiserne Dach nicht über den Köpfen der Parlamentarier einstürzt, haben die Arbeiten daran schon begonnen. «Wir konnten einfach nicht länger warten», sagt der leitende Ingenieur Andy Piper.

Das Gebäude mit mehr als 1100 Räumen hat eine Rundumerneuerung bitter nötig. Seit etwa 60 Jahren wurde innen und aussen nur das Nötigste geflickt - und das rächt sich jetzt. Momentan verfalle das Gebäude an der Themse schneller als die Arbeiten vorangehen, berichtet Piper. Ohne ein Eingreifen könnte der Komplex grosse Schäden zurückbehalten, ergab eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2012.

Nicht «vor den frühen 2020ern»

Das Problem ist allerdings: Offiziell kann das grösste Renovierungsprojekt dieser Art in Grossbritannien noch gar nicht losgehen. Es muss erst vom Parlament abgesegnet werden. Ein Ausschuss aus Mitgliedern des Ober- und Unterhauses hat 2016 einen Report vorgelegt, wie die Arbeiten vonstattengehen könnten.

Doch der muss noch vom Parlament diskutiert und durchgewinkt werden. «Das kann dauern», sagt Piper genervt bei einem Rundgang. Er rechnet nicht «vor den frühen 2020ern» mit dem Beginn des Mega-Projekts. Denn nach der Abstimmung komme noch die Planungsarbeit.

Politiker wollen nicht umziehen

Damit die Politiker sehen, wie schlimm es um das Gebäude bestellt ist, zeigt Piper möglichst vielen von ihnen die Keller mit den offenen Leitungen. Denn die rund 1500 Parlamentarier und Regierungsmitarbeiter sträuben sich gegen den Vorschlag, für die Dauer der Arbeiten auszuziehen. Sie hätten es am liebsten, wenn um sie herum gewerkelt werden würde.

«Es wäre die schnellste, sicherste und günstigste Methode, wenn alle für die Zeit ausziehen», sagt Piper. Wenn man ganze Bereiche schliessen könnte, dann wäre in sechs Jahren alles fertig, schätzt er. Es wird mit Kosten von fast 4 Milliarden Pfund gerechnet, also knapp 5 Milliarden Franken. Blieben aber alle im Gebäude, könnten die Bauarbeiten bis zu 34 Jahre dauern und würden fast doppelt so teuer.

Chaos aus Leitungen

Im Parlament gibt es Hunderte, wenn nicht Tausende Baustellen. Das grösste Sorgenkind des Ingenieurs sind die Versorgungssysteme. Im Keller ziehen sich viele Kilometer Kabel durch die Gänge. Stromkabel hängen über Gasleitungen, neben uralten Wasser-, Belüftungs- und Heizungsrohren.

Ein Chaos aus Leitungen, das durch die über die Jahrzehnte neu angebrachten Rohre und Kabel entstanden ist. «Es sind immer mehr Schichten hinzugekommen», sagt Piper. Wenn an den alten Rohren etwas sei, dann komme man dort gar nicht heran.

Einige Installationen stammen noch aus dem 18. Jahrhundert. Nachdem bei einem grossen Feuer 1834 drei Viertel des alten Palastes niedergebrannt sind, musste alles neu verlegt werden. «Das Schlimmste wäre, wenn hier wieder ein Feuer ausbricht», sagt Piper. Der Brandschutz entspricht nicht den aktuellen Standards. Deswegen werden im Kern des Problems, im Keller, gerade Sprinkleranlagen eingebaut.

Heizung im Dauerbetrieb

Die Ingenieure und Bauarbeiter wissen nicht, welchen Systemen sie noch trauen können. Piper: «Wir lassen die Heizung des Palastes das ganze Jahr über laufen, weil wir nicht wissen, ob wir sie wieder anbekommen, wenn sie einmal aus ist.»

Ein Grossteil der rund 4000 Fenster schliesst nicht richtig, lässt Wasser rein und Wärme hinaus. Sie müssen alle ausgetauscht werden. In jedem Zentimeter der Wände versteckt sich Asbest; daher muss der komplette Putz bis auf die Backsteinmauer entfernt werden.

Weniger Damen- als Herren-Toiletten

Im Vergleich dazu ist die Restaurierung der Wandmalereien, Mosaike und Statuen eher ein Mini-Problem. «Sie machen nur einen kleinen Teil des Gesamtvolumens aus», sagt Piper. Die Boden-Ausbesserungen in der zentralen Eingangshalle haben schon begonnen.

Ein griffigeres Problem für die Parlamentarier sind wohl die Toiletten. Für Damen gibt es wesentlich weniger als für Herren. Das rührt aus der Zeit, als das Gebäude entworfen wurde. Damals sassen nur Männer im Parlament. Auch darum soll sich gekümmert werden.

Neben den Renovierungen soll das Gebäude modernisiert und behindertengerecht umgebaut werden. Die Technik kommt auf den Stand des 21. Jahrhunderts. Piper: «Das WLAN ist hier tatsächlich noch ein Problem.»

Mäuse und Hunde

Fraglich ist, ob sich mit den intensiven Bauarbeiten auch die Mäuseplage bekämpfen lässt. Ganze Heerscharen der Nagetiere flitzen durch die Räume.

Und wie wäre es mit dem Einsatz von Katzen zur Lösung des Problems? Keine gute Idee, wie eine Touristenführerin im Parlament erklärt. «Denken Sie nur an unsere Hunde, die die Sicherheitsleute einsetzen, und was dann hier im Parlament los wäre.»

Nur noch ein kleiner Teil des Palastes, der 1099 erbaut wurde, ist erhalten. Ursprünglich diente er als Residenz der englischen Könige. Der Westminster Palace gehört, zusammen mit Westminster Abbey und der St. Margaret's Church, zum Unesco-Weltkulturerbe.

(sda/ccr)

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