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Das Gespräch 
«Sotschi tut der russischen Seele gut»

«In der Schweiz rundum gut aufgehoben»: Dmitry Yakubovskiy, Grossinvestor.

Seine Geschäfte leitet Dmitry ­Yakubovskiy von der Schweiz aus. Der Oligarch über die Wichtigkeit von Sotschi, seine Liebe zu Engelberg und eine revolutionäre Technologie.

Von Stefan Lüscher
04.02.2014

BILANZ: Weshalb verschlägt es einen russischen Multimillionär nach Engelberg?
Dmitry Yakubovskiy: Wer in meinem Land an die Schweiz denkt, der sieht Berge vor sich. Wenn dann ein Russe in der Schweiz leben will, stellt er sich nicht die Frage, ob, sondern wo er in den Bergen leben will. So hat mir mein Bruder Stav Jacobi, der seit Jahren in der Schweiz lebt, auch Engelberg gezeigt. Ich habe mich auf den ersten Blick in diesen Ort verliebt.

Was gefällt Ihnen an Engelberg?
Alles, einfach alles. Das Panorama ist atemberaubend.

Weshalb nicht St. Moritz oder Gstaad, wohin es andere reiche Russen zieht?
Ich suche nicht das Jetset-Leben, sondern die Ruhe. Und die finde ich in Engelberg. Mir imponieren die Leute aus dem Dorf, ihr Leben ist geprägt durch die Natur und ihren starken Glauben. Das hat viel zu tun mit dem Benediktinerkloster.

Wollen Sie in der Schweiz bleiben?
Ich lebe seit 2009 in Engelberg und bin hier sehr glücklich. Im Tal investiere ich ja auch. Ich bin endgültig angekommen.

Wo investieren Sie?
Oberhalb des Dorfes will ich für gut 20 Millionen Franken ein Haus für meine Familie bauen, mit allem Drum und Dran wie Schwimmbad, Wellnessbereich oder Heimkino. Im Weiteren habe ich mich bei den Brunni-Bahnen engagiert sowie vom Kloster Engelberg das Hotel Bänklialp übernommen.

Was wollen Sie denn mit einem kleinen Dreisternehaus am Dorfrand anfangen?
Ich komme oft zum Essen hierher, auch mit Freunden und Geschäftspartnern, denn ich mag die Küche und das Personal. So wurde ich zum besten Kunden der «Bänklialp». Da habe ich mir gesagt: Weshalb soll ich nicht dafür sorgen, dass das Geld in meiner eigenen Tasche bleibt? So kaufte ich das Hotel und investierte bisher über eine Million Franken in Renovationen.

Nur hat der Handwechsel für Irritationen gesorgt.
Die Diskussionen haben sich gelegt, seit die Engelberger sehen, dass nur wenig verändert wurde. Am Konzept der «Bänklialp» habe ich nichts geändert – Volksmusikabende inbegriffen.

Bezahlen Sie eine Steuerpauschale?
Meine Aktivitäten sind derart vielfältig, dass es für mich und das Steueramt leichter ist, wenn ich eine Pauschale bezahle. Ich habe aber nichts dagegen einzuwenden, wenn ich einer regulären Besteuerung unterzogen werde. Denn mein Steuerberater ist der Meinung, dass die Steuerpauschale mir zwar administrativen Aufwand, aber nicht unbedingt Geld einspart.

BILANZ schätzt Ihr Vermögen auf 500 bis 600 Millionen Franken. Woher stammt dieser Reichtum?
Im Grossraum von Moskau begann ich vor Jahren damit, über Infrastrukturentwicklungen Mehrwerte zu schaffen. 2007 verkaufte ich drei Viertel meiner Anteile an einem Resort mit Häusern und Eigentumswohnungen an den Mischkonzern AFK Sistema. Die Erlöse reinvestierte ich in weitere Siedlungsbauten. Jüngst abgeschlossen wurde ein luxuriöses Wohnprojekt aus­serhalb Moskaus, wo 154 Villen samt Schule, Restaurant und Einkaufsläden entstanden. In der Planungsphase befinden sich zwei weitere, noch grössere Infrastrukturprojekte.

Koordinieren Sie die Aktivitäten von Engelberg aus?
Nein, ich leite die Arbeiten vor Ort in Moskau. Engelberg ist Sitz meiner Holding Engelberg Industrial Group (EIG). Über die Holding halte ich diverse Beteiligungen, so die Mehrheit an der City Land Group. Diese Firma ist für die Immobilienprojekte in Moskau zuständig, zweiter Aktionär ist die russische VTB Bank. Auf der EIG-Lohnliste stehen rund 200 Namen. In der Schweiz beschäftigen wir gegen 50 Mitarbeiter.

Und was machen Sie in der Schweiz?
Eine wichtige Schweizer Beteiligung heisst Thermission. Die Firma hat sich auf Oberflächenbehandlung spezialisiert. Dabei wird ein selbst entwickeltes Verfahren angewendet. Mittels Thermodiffusion werden metallische und metallähnliche Materialien mit einer zinkhaltigen Pulverschicht überzogen, damit korrosionsfest und gleichzeitig hoch elastisch gemacht. Unsere Technologie wird helfen, Probleme im Flugzeugbau, in der Autoindustrie und in anderen Branchen zu lösen.

Nur meinen bereits andere Unternehmen, sie könnten die Oberflächenbehandlung revolutionieren.
Keines jedoch bietet eine Technologie mit vergleichbaren Resultaten an. Wir stossen denn auch auf grosses Interesse. Vor kurzem haben wir mit dem Schweizer Konzern Ruag eine strategische Partnerschaft abgeschlossen. Wenn wir nicht über eine bahnbrechende Technologie verfügen würden, hätten wir auch keine hochkarätigen Verwaltungsräte an Bord holen können.

Die da wären?
Der dreiköpfige Verwaltungsrat besteht aus meinem Bruder, der Präsident und Mitaktionär ist. Ebenfalls Mitglied ist Jürgen Dormann, der einstige Chef von ABB und Sulzer. Der dritte Mann ist Louis Freeh, der von 1993 bis 2001 Direktor des FBI war und später eine wichtige Rolle bei der Korruptionsbekämpfung von Daimler spielte. Thermission ist Zukunftsmusik, meine aktuell wichtigste Einnahmequelle sind unverändert die Immobilienprojekte in Russland.

Wie stark spüren Sie dort die Mafia?
Für das organisierte Verbrechen ist alles interessant, was hohe Profite abwirft. Dies gilt nicht nur für Russland. Dennoch hat die Mafia bei mir bislang noch nie angeklopft.

Sie haben Beziehungen in höchste Regierungskreise. Lässt die Mafia Sie deshalb in Ruhe?
Ein gutes Beziehungsnetz ist überall wichtig. Deshalb pflege ich meine Kontakte. Politiker müssen verstehen, was wir Wirtschaftsleute tun. Und vielleicht haben gerade meine Netzwerke mir den Druck krimineller Kreise erspart.

Wie sehen Ihre langfristigen Pläne aus?
Unsere Management- und Finanzkapazitäten sind ausgelastet. Deshalb schieben wir vorderhand keine neuen Projekte an. Doch es gibt viele Opportunitäten, zu gegebener Zeit werden wir bestimmt etwas Neues beginnen. Allerdings verlangen ­grosse Vorhaben auch grosse Anstrengungen, ich werde nicht jünger. Mein Traum ist es, mich vermehrt mit Projekten zu ­beschäftigen, wo der Spass im Vordergrund steht und nicht das Geldverdienen. Wohnbauprojekte in Russland bringen viel Rendite, aber wenig Spass.

Und was macht Ihnen Spass?
Beispielsweise der Umbau einer alten Yacht. Das bringt zwar kein Geld, dafür viel Freude.

In Russland mussten Sie für vier Jahre ins Gefängnis und wurden dann rehabilitiert. Wie reagieren Geschäftsfreunde auf Ihre Vergangenheit?
Die meisten meiner Geschäftspartner kennen mich noch aus der Zeit vor meinem Gefängnisaufenthalt. Sie wissen auch über die Hintergründe meiner Verurteilung Bescheid. In Russland wird das Justizwesen dazu missbraucht, politische und wirtschaftliche Konflikte auszutragen. Viele der mächtigsten Männer des Landes sassen schon im Gefängnis. Ja ein Gefängnisaufenthalt gehört schon fast zur Biografie eines Russen (schmunzelt).

Was planen Sie noch in der Schweiz?
Ich trage mich mit dem Gedanken, eine Bank oder ein Finanzinstitut zu übernehmen. Die Finanzierungskosten für Immobilienprojekte sind gewaltig. Ein grosses Immobilienprojekt aus­serhalb Moskaus beispielsweise kostet schnell einmal über eine Milliarde Dollar. In Russland müssen wir weitaus mehr für Bankzinsen bezahlen als für Steuern. Mit einem eigenen ­Finanzinstitut dagegen würde uns ein weiteres Glied der Wertschöpfungskette gehören.

Wo hat man als Unternehmer grössere Freiheiten, in Russland oder in der Schweiz?
In der Schweiz fühle ich mich sicher und komfortabel, einfach rundum gut aufgehoben. Nicht dass das Leben in Russland grundsätzlich schlecht wäre, aber hier ist es einfach nur gut.

Fühlen Sie sich nicht etwas eingeengt?
Ich kenne die Klagen, wonach in der Schweiz alles überreglementiert und unternehmerisches Schaffen eingeschränkt sei. Das stimmt bis zu einem gewissen Grad, doch sehe ich das nicht nur als Nachteil. Die Regulierung schafft Sicherheit, gerade für Unternehmer. In Russland winken zwar höhere Gewinne. Dafür steht man nonstop unter Druck und muss sich praktisch rund um die Uhr um seine Geschäfte kümmern. In der Schweiz sind die Gewinnchancen geringer, doch der Stress ist ebenfalls kleiner, man kann sich auf seine Geschäftspartner verlassen. Wer hier klagt, der hat noch nie Geschäfte in Russland gemacht.

Die Schweiz hat eine grosse russische Gemeinde mit einem starken Zusammenhalt. Halten Sie Kontakte hier mit Ihren Landsleuten?
Ich lebe unter anderem in Engelberg, weil hier keine oder nur wenige Russen wohnen (lacht). Wenn ich Landsleute treffen will, dann gehe ich nach Russland.

Weshalb sind schon mehrere russische Oligarchen in die Schweiz gezogen?
Ich kann Ihnen sagen, weshalb ich in die Schweiz gekommen bin. Sicherheit, Ordnung, politische Stabilität, Ruhe, lauten die Stichworte. Weshalb Oligarchen hierhergezogen sind, weiss ich nicht. Ehrlich gesagt interessiert mich das auch nicht.

Was bedeuten die Winterspiele in Sotschi für Russland?
Das ist vor allem ein Prestigeprojekt, wenn auch ein teures. Bis vor über zwei Jahrzehnten war Russland ein Imperium. Doch das ist Geschichte. Deshalb will man wieder Grösse demonstrieren. Sotschi 2014 tut der russischen Seele gut. Zudem könnten die Olympischen Spiele in dieser Problemregion, wo verschiedenste Volksgruppen zur Waffe gegriffen haben, zu einem Frieden beitragen. Nicht zuletzt hoffen die Russen, dass die Winterspiele bei ausländischen Investoren wieder mehr Vertrauen wecken.

Und wenn die Spiele in Sotschi von terroristischen Anschlägen überschattet werden?
Jede Sommer- oder Winterolympiade ist Risiken ausgesetzt. Denken Sie nur an München oder Atlanta. Die Spiele bieten Terroristen eine gute Plattform. Doch damit muss man leben. Russland hat viel in die Sicherheit der Teilnehmer investiert und mit anderen Ländern kooperiert. Sowieso darf man aus Angst vor Anschlägen eine Olympiade nicht in Frage stellen. In Russland sagt man: Wenn du Angst vor dem Wolf hast, dann geh nicht in den Wald.

Bewegtes Leben
Dmitry Yakubovskiy (50) machte eine steile Staatskarriere. Mit 28 Jahren war er Berater der russischen Regierung. Nach einem Streit mit zwei hochrangigen Beamten wurde er ausgewiesen. 1993 kehrte er zurück und beteiligte sich an der Seite von Präsident Boris ­Jelzin an der blutigen Auseinandersetzung gegen das Parlament; ­damals ging der Stern von Präsident ­Wladimir Putin auf. Ein Jahr später musste Yakubovskiy ins Gefängnis. 1998 kam er frei, wurde rehabilitiert und arbeitete als Anwalt. Als Partner der staatlichen VTB Bank wurde er zu einem der grössten Player im ­Immobiliengeschäft. Der Russe lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Engelberg. Sein Bruder Stav Jacobi (47) ist bereits eingebürgert; er leitet als Präsident und Mäzen das Damen-Volleyballteam Volero Zürich und ist Direktor des Schweizer Nationalteams.

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