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Das Gespräch 
Rolando Benedick: «Wer raucht, der raucht»

«Solche Erhöhungen werden den Schmuggel begünstigen»: Rolando Benedick.

Valora-Chef Rolando Benedick über die ständige Neuerfindung der ­Kioske, ungeliebte ­Frauenquoten, aufgebrezelte ­Geschäftszahlen und seinen CEO-Posten mit Gummizug.

Von Andreas Güntert und Ueli Kneubühler
30.08.2013

BILANZ: Der Bundesrat will das Päckchen Zigaretten bis auf elf Franken verteuern. Sind das gute oder schlechte News für Sie?

Rolando Benedick: Für mich als Raucher ist das natürlich eine ganz schlechte Nachricht.

Was bedeutet es für die Valora-Kioske?

Auch für Valora sind es Bad News. Wenn der Preisabstand zu anderen europäischen Ländern, etwa zu Italien, zu gross wird, wird es problematisch, alle Grenzbewegungen zu kontrollieren. Solche Erhöhungen werden den Schmuggel begünstigen. Elf Franken in zehn Jahren – meinetwegen. Aber elf Franken in 18 Monaten, das wird richtig schwierig. Dann werden die Geschäfte verstärkt über Duty-free-Shops laufen – oder durch einen Tunnel, der unter der schweizerisch-italienischen Grenze durchführt. Das bringt dem Bund auch nichts. Die Umsätze an den Kiosken mögen steigen, aber die Bruttomarge verbessert sich deswegen nicht.

Wo liegt Ihre persönliche Schmerzgrenze pro Päckli?

Ich rauche so gern, dass ich keine Schmerzgrenze habe. Aber im Ernst: Bei diesen Preisen werden die Leute wohl weniger rauchen – oder vermehrt auf Tabak für Zigaretten zum Selberdrehen ausweichen.

Ab zehn Franken pro Päckli könnte das Zeitalter der E-Zigarette beginnen.

Wir haben schon im Frühling 2012 an all unseren Kiosken elektronische Zigaretten lanciert. Renner sind das aber nicht. Ich habe selber drei E-Zigaretten zu Hause. Die schmecken nicht nach besonders viel, ein bisschen Wasserdampf, eine Shisha light. Richtig gross wird das nicht. Wer raucht, der raucht.

Im Mai 2012 hat jemand gesagt: «In neun Monaten ist es vorbei mit mir als Chef.» Wer könnte das gewesen sein?

Den Spruch kenne ich. Das war ich.

16 Monate später sind Sie immer noch Präsident und CEO. Kann das wirklich keiner besser als Sie?

Muss man denn mit 67 unbedingt in den Ruhestand gehen? Bei einer französischen Firma, deren Präsidentin ich kenne, wurden die Statuten soeben so geändert, dass man erst mit 99 in den Ruhestand muss. Wobei man mit 99 noch einmal für drei Jahre gewählt werden kann. Aber im Ernst: Bezüglich des ­Valora-CEO-Postens kann ich Ihnen sagen, dass wir bis Ende Jahr etwas kommunizieren werden.

Wird Valora kommunizieren, dass Rolando Benedick CEO bleibt?

Wir werden kommunizieren, wie wir die CEO-Nachfolge ­regeln.

Kommt der neue CEO von intern oder extern?

Von intern oder extern.

Aber Sie werden abtreten?

Irgendwann sicher.

Wie gross ist die Shortlist?

Das habe ich vergessen.

Noch frisch in Ihrer Erinnerung sind die Valora-Zahlen fürs erste Halbjahr 2013. Das Ebit stieg um 34 Prozent. Das ist der Effekt der Brezelkönig-Akquise vom Herbst 2012: Diese Backwarenkette bringt eine sechsmal höhere Marge als die Valora-Kioske.

Das stimmt, rund 10 der ingesamt 33,8 Millionen Franken Ebit stammen von Brezelkönig. Aber Sie dürfen zwei Punkte nicht vergessen. Unsere Sparte Services – der Pressegrosshandel – hat wieder verloren. Zwar ist der Rückgang bei der Presse geringer ausgefallen …

… ist die Print-Talsohle also erreicht?

Das weiss ich nicht. Ich sage nur, dass der Rückgang mit fünf bis sechs Prozent geringer war als die elf Prozent vom Vorjahr. Und im ersten Halbjahr 2013 fehlten uns natürlich die Verkäufe der Fussballerbilder wie zuletzt zur Europameisterschaft 2012. Wenn man diese Negativeffekte einrechnet, dann sieht man, wie wir gearbeitet haben im ersten Halbjahr 2013.

Auch das zweite Halbjahr wird besser als die Vorjahresperiode – weil das Brezelkönig-Ebit Ihre Zahlen erneut ­aufbessert. 2014 ist dann aber Schluss mit diesen schmeichelhaften Vergleichen aus den Zeiten vor diesem margenträchtigen Zukauf.

Der Rückgang bei den Printverkäufen wird irgendwann einen Boden finden. Nur kann uns keiner sagen, wann das sein wird.

Was sind die Renner-Produkte an Ihren Kiosken?

Die ganze Preiseinsteiger-Linie von OK läuft sehr gut, insbesondere die Energydrinks. Nur schon von diesen Dosen gehen rund 30 Millionen Stück weg pro Jahr. Die iTunes-Karten und die OK-Prepaid-Mastercard entwickeln sich ebenfalls sehr ­erfreulich.

Was bleibt beim Verkauf einer iTunes-Karte in Ihren Kassen ­hängen?

Das darf ich nicht sagen.

Valora verdient bestimmt mehr am Verkauf einer Brezel als am Verkauf einer iTunes-Karte, richtig?

Das stimmt. Brezel, Energydrink, iTunes-Karte, Toto-Lotto, ­Zigaretten – so lautet etwa unsere Ebit-Pyramide. Wobei wir jetzt unsere Kioske im Rahmen des Projekts «Gonzales» umbauen und mittels Sortimentwechsel besser auf die Kundenbedürfnisse eingehen.

Gonzales?

Ja, wie Speedy Gonzales, die schnellste Maus von Mexiko.

Wie gehen Sie besser auf die Kundenbedürfnisse ein?

Der Pressebereich wird sich verkleinern, der Food-Anteil vergrössern. Im Herbst werden rund 15 Kioske monatlich umgerüstet; per Ende Jahr kommen wir auf 100 neu gestaltete Verkaufsstellen. Nächstes Jahr werden dann wiederum 100 Kioske gemäss der neuen Ladengestaltung angepasst. Das wird uns eine Umsatzverbesserung von ungefähr zehn Prozent bringen über das Kioskangebot hinaus. Plus eine bessere Marge. Bei den bisher 18 umgebauten Kiosken zeigen sich die Umsatz- und die Margenverbesserung deutlich.

Warum wurden Medikamente schon wieder aus dem Sortiment genommen?

Das war lediglich ein Teil eines Randsortiments. Gut liefen nur Nasenspray und Halspastillen, der Rest verkaufte sich nicht gut. Die Kunden wollen mehr Zeit für Beratung haben, das ­können wir am Kiosk so nicht bieten.

Die Story vom Kiosk der Zukunft, von Testobjekten und ­anschliessendem grossem Rollout hatten Ihre Vorgänger auch stets auf Lager. Bis wieder der nächste Kiosk der Zukunft kam.

Steve Jobs hat auch alle zwei Jahre neue Produkte erfunden – und war bei Apple höchst erfolgreich damit.

Valora müht sich immer wieder am gleichen Objekt ab – und bleibt den Erfolg schuldig.

Wir haben vieles erreicht und mussten auch eine Menge lernen. Aber jetzt haben wir den richtigen Weg gefunden, die optimale Mischung aus erhöhtem Food- und verkleinertem Presseangebot. Wir können überall mit den gleichen Modulen arbeiten, was die Investitionen niedrig hält. Und auf der Sofortverzehr-Seite können wir an den Kiosken einiges anbieten und auch von Synergien mit Brezelkönig profitieren.

Sie machen das ganz ohne externe Berater?

Was die können, können wir längst. Ich gehe zwei Tage an einen Kiosk und frage die Jungen nach ihren Wünschen. Schon habe ich eine halbe Million Franken Marketingkosten gespart.

Sie haben nun also den perfekten Kiosk gefunden.

Für dieses Jahr, ja. Und für nächstes Jahr. Aber Retail bedeutet immer auch, dass man beweglich bleiben muss.

Die Brezelkönig-Fantasie ist nun in den Valora-Zahlen ­eingepreist. Wird es nächstes Jahr langweilig bei Valora?

Nein. Jetzt wird sich Valora stärker auf das Thema Retail fokussieren und dabei die Margen verbessern. Dies wird einen Umbau im Konzern zur Folge haben. Wir suchen für die ­Division Services, also die Logistiksparte für den Vertrieb von Presseerzeugnissen, einen Käufer oder einen Partner. Konkret beginnen wir in den kommenden Wochen mit den Verhand­lungen; bis spätestens im ersten Trimester 2014 sollten wir ­die Lösung haben.

Das ist ein stark schrumpfendes Geschäft mit tiefer Rentabilität. Müssen Sie die Division verschenken?

Nein, natürlich nicht. Wir finden einen Käufer, ohne Problem. Aber es ist auch eine Partnerschaft möglich.

Verkauf oder Partnerschaft – was ist Ihnen lieber?

Als altmodischer Mensch sage ich: Partnerschaft. Als moderner Manager muss ich sagen: Verkauf.

Sie vergleichen Ihre Innovationszyklen mit jenen von Apple. Das klingt optimistisch. Haben Sie nochmals Valora-Aktien gekauft?

Nein, ich habe doch schon viele, fast 30 000 Stück (lacht).

Wie sieht die persönliche Bilanz aus?

Ich glaube, dass die Aktie noch grosses Potenzial hat. Wir haben im ersten Halbjahr Cashflow und Eigenkapital stark ­erhöht, die Betriebsgewinnmarge verbessert. Ich bin überzeugt, dass der Kapitalmarkt die eingeleiteten Massnahmen zur Neupositionierung der Gruppe honorieren wird. Unsere ­Bilanz weist eine Grösse von 1,6 Milliarden auf; die Börsenbewertung liegt aktuell bei rund 700 Millionen Franken.

In Deutschland steht Valora geschwächt da, vor wenigen Tagen ging der Geschäftsführer von Valora Retail Deutschland.

Einer der Geschäftsführer. Wir haben heute 1400 Standorte in Deutschland, im letzten Jahr war das ein massiver Ausbau. Das hat uns einige Schwierigkeiten bereitet, die wir nun ­anpacken werden.

Was haben Sie eigentlich gegen Frauen?

Gar nichts. Wie kommen Sie darauf?

Weder in der Konzernleitung noch im VR sitzt eine Frau.

Wir sind bloss fünf Leute in der Konzernleitung. Aber in der ­erweiterten Geschäftsleitung sitzen zwei Frauen.

Aber nicht in der Konzernleitung selbst und auch nicht im VR.

Das ist richtig. Aber ich habe nichts gegen Frauen.

Weshalb fehlen denn die Frauen in den Topgremien?

Wir hatten keine Wechsel im VR seit vier Jahren. Ernst Peter Ditsch, der Gründer von Brezelkönig, der neu zum VR stiess, ist halt auch ein Mann. Es ist keine Frage, ob Frau oder Mann. Die Qualität ist ausschlaggebend. Wir entscheiden uns für die beste Kandidatin oder den besten Kandidaten.

Was halten Sie von Frauenquoten?

Ich bin 100 Prozent dagegen.

Weshalb?

Ist eine Frau besser qualifiziert als der männliche Gegenpart, dann wählen wir die Frau. Punkt. Trotzdem haben wir uns auf Kaderstufe eine Frauenquote auferlegt.

Sie sind gegen die Frauenquote, Valora-intern gibt es aber eine?

Das hat die frühere Geschäftsleitung aufgegleist und gilt auch weiterhin. Bis 2015 soll im Kader jede vierte Person eine Frau sein. Bereits heute haben wir auf Kaderstufe einen Frauenanteil von 22 Prozent.

Aber Sie bleiben Gegner der Frauenquote? Das ist doch unglaubwürdig.

Ich bin persönlich gegen die Frauenquote, als Valora haben wir aber entschieden, dass wir Frauen fördern. Von mir aus können 80 Prozent des Kaders Frauen sein – sofern sie bei der Besetzung des Jobs die besten Kandidatinnen waren.

Urgestein des Detailhandels
Rolando Benedick (67) ist VR-Präsident von Valora ­(K-Kioske, Press & Books, Avec, Spettacolo, Brezel­könig). Die Gruppe erzielte 2012 einen Umsatz von 2,8 Milliarden Franken. Seit dem Abgang von CEO Thomas Vollmoeller im Mai 2012 amtet Benedick auch als Valora-CEO. Er war 16 Jahre lang CEO von Manor und ist heute auch in den VRs von Manor Sud, Galeries Lafayette und MCH Messe Schweiz. Ferner ist der Kulturfan Präsident des Leopard Club, des Gönnervereins des Filmfestivals Locarno. 

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