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Obama vs. Romney: «Der Doktor und der Märchenerzähler»

«Statistiken und ­Fakten müssen in das Gut-Böse-Schema ­eingewebt werden»: Bestsellerautor und Drehbuchschreiber Robert McKee.

Obama oder Romney? Es gewinnt, wer die beste Geschichte erzählt. Worauf es dabei ankommt, weiss der ­weltbeste Lehrer fürs Geschichtenschreiben: Robert McKee.

Von Dirk Schütz
01.11.2012

BILANZ: Mister McKee, welchen Titel geben Sie dem US-Wahlkampf 2012?

Robert McKee: Der Doktor und der Märchenerzähler.

Der Doktor ist Obama?

Er erzählt ein sehr realistisches Krankenhausdrama, in dem er zu Amerika spricht wie ein Doktor zu seinem Patienten: Du bist jetzt krank, aber es wird dir wieder besser gehen, wenn du deine Medizin nimmst und deine Therapie machst. Es ist schmerzhaft, aber Besserung ist in Sicht, deine Gesichtsfarbe ist heute schon besser als gestern. Mit der Zeit und mit harter Arbeit wirst du wieder vollkommen gesund.

Romney ist also der Märchenonkel?

Er erzählt eine typisch amerikanische Fantasy-Story, die auf dem Ideal des Individums basiert. Ich werde sehr einfache Dinge tun: Steuern senken, die Regierung verkleinern, Regulierung abbauen, und der freie unternehmerische Geist Amerikas wird auferstehen, und das Paradies wird kommen.

Es ist immer das Privileg des Herausforderers, die Realität ­ausblenden zu können.

Obama wurde vor vier Jahren auch mit einer Fantasiegeschichte von Hoffnung und Wandel gewählt. Dann trat er sein Amt an und entdeckte die Realität. Das ist vollkommen normal: Wen immer Sie als Amtsinhaber haben – er weiss aus vier Jahren Erfahrung, dass der Idealismus nicht wirkt.

Was macht Romney heute anders als Obama vor vier Jahren?

Der Hauptdarsteller ist ein anderer. Obama erzählt eine Story, in welcher der Patient, also das Volk und insbesondere die Mittelklasse, die Hauptperson ist. Sie kämpft, damit es ihr wieder gut geht, und die Regierung ist der Arzt. Bei Romney ist der ­Kapitalismus der Star, und die Hauptfigur ist der Unternehmer, der schon reich ist, der uns aber alle reicher machen wird, wenn man ihn an die Macht lässt. Die Frage ist: Wollen die Menschen die Stars ihrer eigenen Story sein, oder wollen sie lieber einen heroischen Hauptdarsteller, der für sie Jobs schafft?

Obama stellt Romney als herzlosen Kapitalisten dar, der ­Steuern umgeht, Jobs streicht und nur Politik für die Reichen macht. Doch im ersten TV-Duell bestritt Romney das und präsentierte sich als Anwalt der Mittelklasse.

Romney hat gelogen, weil er weiss, dass seine heldenhafte ­Kapitalismus-Story viele Schichten nicht erreicht. Jeder weiss doch, dass Romney sich nicht wirklich um die Mittelklasse kümmert, weil er sein Geld auf den Cayman Islands hält. Er ist ein Junge aus reichem Haus, der durch seinen Beruf noch reicher geworden ist. Wenn ein Darsteller in einer Geschichte etwas sagt, dann wisssen wir, dass es nicht automatisch wahr ist. Wir lesen den Subtext. Wir sehen die Gesten, die Augen und fragen: Was denkt der wirklich? Wenn Mitt Romney sagt, er sei für die Mittelklasse, dann ist das auch eine Märchenstunde. Wer genauer hinschaut, der sieht: Er will nur weiter nach oben auf der Leiter.

Trotzdem hat das erste TV-Duell einen klaren Stimmungs­wechsel für Romney gebracht.

Die erste Debatte war schlecht für Obama, weil er an diesem Tag keine Story gut erzählen konnte. Es gibt immer drei Storys, die Politiker parallel präsentieren: eine, in der sie selbst der Held sind, eine, in welcher der Gegner der Bösewicht ist, und dann die Geschichte über das Land. Es ist normal, dass Obama die Stargeschichte über sich und die Bösewichtgeschichte über Romney erzählt und umgekehrt. Obama stellt sich dabei allerdings nicht als Helden dar, sondern als kämpfenden Diener der Menschen. Das ist seine Version von Heroismus. Romney gibt sich als der Ritter auf dem Pferd. Worauf es ankommt, ist die dritte Story: die Vision. Und dabei ist der Hauptdarsteller das Land: Was bewegt seine Menschen? Wie können Sie ein besseres Leben führen? Es ist immer eine Story über die Zukunft, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit hat. Man identifiziert nationale Gemeinsamkeiten, und die werden personifiziert durch einen Charakter, der uns in die Zukunft trägt.

Bringen Republikaner und Demokraten immer die gleiche Story aus der Geschichte?

Ja. Der beste Geschichtenerzähler, den die Republikaner je hatten, war Ronald Reagan. Er dämonisierte nicht seinen Gegner, sondern die Regierung. Er erzählte die Zukunftsgeschichte über die Befreiung des Individuums von der zu harten Regulierung. Sie gehen dabei beide davon aus, Reagan wie Romney, dass Geschäftsleute ehrlich sind und dass sie das Land mit hohen ethischen Ansprüchen führen, wenn sie an die Macht kommen. Zyniker wie ich glauben jedoch, dass Macht und Geld zusammen die Leute unweigerlich korrumpiert und es deshalb Regulierung braucht, sonst werden die Verantwortlichen unehrlich und korrupt.

Wer war der beste Geschichtenerzähler der Demokraten?

Bill Clinton. Seine Storys beginnen immer mit der Mittelklasse. Bei ihm identifizierten sich die Menschen mit sich selbst, er war der Treiber des Wandels. In der Depression und im Zweiten Weltkrieg konnte sich Amerika sehr glücklich schätzen, Franklin Delano Roosevelt als Präsidenten zu haben. Er erzählte grossartige Geschichten. Er machte aus dem amerikanischen Volk Helden.

Obama und Romney sind also nur blasse Kopien der grossen ­Geschichtenerzähler Clinton und Reagan?

Genau. Der Unterschied zwischen Clinton und Obama ist, dass Clinton optimistischer war. Obama ist viel nüchterner, fast pessimistisch, er hat einen viel dunkleren Ton in seinen Geschichten als Clinton.

Wie wichtig waren die drei TV-Debatten?

In der ersten Debatte haben die Leute plötzlich gesehen, dass Romney sogar etwas Charme hat. Er lachte, er war energisch, er sprach flüssig und brachte keinen seiner verbalen Aussetzer, für die er so bekannt war. Die Leute waren weniger von der Substanz als vom Stil angetan. Obama schaute nach unten auf seine Zettel, er wirkte frustriert. In den beiden folgenden Debatten schlug Obama zurück.

Ist Obamas Wiederwahl schwieriger als die erste Wahl vor vier Jahren?

Wir dürfen nie vergessen: Der eine ist weiss, der andere ist schwarz. Was immer Obama sagt: Fast die Hälfte der Amerikaner war immer politisch konservativ und wenn auch nicht bewusst, so doch unterbewusst rassistisch. Vor vier Jahren setzte Obamas Gegner John McCain auf die Story des Weltkriegsveteranen und Terrorismusbekämpfers. Doch diese Story wollte ­damals niemand hören, weil die Wirtschaft einbrach. Jetzt steht wieder die Wirtschaft im Mittelpunkt, und da gilt Romney als kompetent. 

Wie aktiv bauen die Politiker ihre Story auf?

Wie jeder Geschäftsmann wollen auch die Politiker lieber rational als irrational erscheinen. Deswegen vertrauen sie so sehr auf Fakten und Statistiken. Was sie nicht verstehen: Die Menschen denken nicht in rhetorischen, sondern in narrativen Strukturen. Ein Politiker muss also seine Informationen nehmen und sie in eine Erzählung einweben, sodass die Fakten und Statistiken zwar genannt werden, aber nicht als Liste. Sie müssen eingewebt werden in das Gut-Böse-Schema.

Fakten werden also überschätzt?

Jeder Zuschauer hat das Gefühl, dass sich die Politiker die ­Fakten ohnehin zurechtbiegen. Fakten sind nur Material für die Story, und daher ist es sehr wichtig, dass man diese Story sehr gut erzählt.

Verstehen die Politiker das?

Ja, aber wenn sie unter Druck geraten, kommen sie auf ihren Grundcharakter zurück. Als Clinton unter Druck kam, erzählte er eine Story; als Bush senior unter Druck kam, präsentierte er eine Liste von Fakten.

Der englische Premier David Cameron soll Ihr Buch «Story» während seines Wahlkampfs gelesen haben.

Ja, er nahm das Buch mit in die Ferien ans Mittelmeer. Nach seiner Rückkehr warf er es seinen Beratern auf den Tisch und sagte: «Das ist unser Problem. Wir wissen nicht, wie wir eine Story erzählen sollen.» Dann wandelte sich Cameron von einem nörgelnden zu einem heldenhaften Hauptdarsteller, der das «Best of British» personifizieren wollte. Was immer das auch ist – es hat funktioniert.

Lässt sich Geschichtenerzählen erlernen?

Wer das wirklich gut kann, der hat auf dem Schulhof Storys ­erzählt oder in Bars, wo man mit Freunden sitzt und Storys austauscht. Diese Leute haben ein natürliches Talent, sie haben das ihr ganzes Leben lang gemacht.

Wie wichtig ist die Story für Unternehmenschefs?

Entscheidend. Die besten Chefs sind Menschen, die zu ihren Mitarbeitern, ihren Verwaltungsräten oder auch zu fremden Personen wie ganz normale Menschen sprechen. Und das ­bedeutet: die Informationen, die sie haben, zu einer Story verweben. Leadership heisst: das Denken der Menschen so zu ­ändern, dass sie freiwillig so handeln, wie die Verantwortlichen es wollen, und sogar noch denken, dass es ihre Idee sei. Schlechte Chefs nutzen ihren Vorgesetztenstatus, um ihren Mitarbeitern zu befehlen, was sie machen sollen, und der Schuss geht nach hinten los. Langweilige Chefs nutzen Fakten in Powerpoint-Präsentationen, doch die verpuffen schnell. Die wirklich erfolgreichen Leader nehmen diese Fakten aus der ­Powerpoint-Präsentation und verweben sie in eine Story.

Welches ist das Rezept für eine gute Business-Story?

Einer der wichtigsten Punkte ist: Sie müssen das Negative zugeben und dramatisieren. Sie müssen sagen können: Wir haben auch schlimme Fehler gemacht, aber die liegen hinter uns. Nur dann sind Sie glaubwürdig.

Was ist die beste Story für einen Geschäftsmann?

Wenn Sie mit anderen Geschäftsleuten reden, müssen Sie eine sehr realistische Story erzählen. Die Kollegen erkennen sofort Unsinn, wenn sie ihn hören, und sie kennen alle Probleme. Wenn Sie mit Investoren reden, müssen Sie mehr Fantasie, mehr Idealismus hinzufügen. Ich habe selbst Präsentationen für Börsengänge gemacht. Da müssen Sie auch die negativen Sachen erzählen und auch dort ein Drama schaffen: Wir kämpfen gegen diesen übermächtigen Konkurrenten, haben aber eine fantastische Strategie entwickelt.

Wer ist der beste Storyteller im Business?

Der langjährige General-Electric-Chef Jack Welch konnte in einen Raum laufen und faszinierende Geschichten erzählen. Steve Jobs war auch ein superber Geschichtenerzähler. Warren Buffett ist auch sehr gut.

Der Geschäftsmann Romney hat auf die Fantasy-Story gesetzt. Wenn er gewinnt, muss er sich eine neue Story ausdenken.

Ja, dann wird er in der Realität ankommen. Am Tag der Wahl schaut der Gewinner noch aufgeputscht in den Spiegel und sagt sich: Jetzt bin ich Präsident des mächtigsten Landes der Welt. Am nächsten Morgen sieht er, dass es fast unmöglich ist, seine Versprechen umzusetzen, und dass seine Macht lange nicht so gross ist, wie er glaubte. Dann braucht er wieder eine neue Geschichte. und alles geht von vorn los. Die Menschheit lebt von Storys. 

 

Bibel des Story-Schreibens: Sein Buch «Story», das Robert McKee als Professor aus einem Seminar an der University of Southern California entwickelte, gilt als Bibel des Drehbuchschreibens. Die Schüler des 72-jährigen Amerikaners gewannen 36 Oscars. Seit 1984 tourt der frühere Drehbuchschreiber mit seinem Story-Seminar rund um die Welt. Über 50 000 Studenten haben seine Kurse besucht. Seine Spezialität: drei­tägige 30-Stunden-Kurse in ausverkauften Sälen.

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