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Interview 
Jamie Oliver: «Ich war ein dickes, dummes Kind»

Starkoch Jamie Oliver: Die «Sunday Times» schätzt sein Vermögen auf 240 Millionen Pfund. Keystone

Der britische Starkoch Jamie Oliver über das Reichsten-Leben, Nacktfotos im Briefkasten und die Frage, wie es ist, wenn man mit ­Anfang 20 plötzlich ein paar Millionen auf dem Konto hat.

Von Alina Fichter
25.11.2014

BILANZ: Jamie Oliver, reden wir über Geld.
Jamie Oliver*: Über Geld rede ich grundsätzlich nicht. Das hat mir mein Vater eingebläut. Zu privat.

Heute müssen Sie.
Ach, wissen Sie was: Mit dem Schweigen, das klappt sowieso nicht. Zeitschriften machen diese Reichenlisten Prominenter, da tauche ich immer auf. Über mich gibt es keine Geheimnisse mehr (seufzt).

Sie sind einer der bekanntesten ­Engländer. Wie beeinflusst das Ihr Leben?
Am Geburtstag meiner Frau assen wir im Restaurant zu Abend. Ständig kamen Fremde an den Tisch, viele von ihnen besoffen. Sage ich ihnen: Haut ab? Nein, sie bekommen ihr Foto und ihr Autogramm. Danach kann ich weiter Geburtstag feiern. Ob ich das hasse? Darauf können Sie Gift nehmen!

Was war der schlimmste Moment?
Als meine Grossmutter beinahe starb. Vier Uhr morgens, ein Unfall, wir rasten mit Blaulicht ins Krankenhaus. Ich war verstört und heulte. Vor dem Krankenzimmer bildete sich eine Schlange von Menschen, die Autogramme wollte. Ich dachte: Piss off! Aber sie bekamen ihr ­Autogramm. Das sind brutale Momente. Aber gut, ich habe akzeptiert, Volkseigentum zu sein.

Wie bitte, Sie sind Volkseigentum?
Meine Arbeitgeber sind nicht die Verleger meiner Kochbücher oder der Fernsehsender Channel 4. Es ist die Öffentlichkeit. Sie hat mich reich gemacht.

Ihr Vermögen wird auf bis zu 240 Millionen Pfund geschätzt, und Sie dementieren die Reichenlisten der Magazine nicht. Was sagt Ihr Vater dazu, dass Sie plötzlich doch über Geld reden?
Mein Vater ist so stolz auf mich, dass es ihm die Tränen in die Augen treibt. Aber er macht sich auch Sorgen. Er kann nicht fassen, dass sein Sohn mehrere Tausende Angestellte hat, 41 Restaurants führt und Millionen Bücher in 120 Ländern verkauft.

Sie kommen aus einfachen Verhältnissen.
Ich bin ein Landei, in Clavering, Essex, nordöstlich von London auf­gewachsen. Meine Eltern haben da ein kleines Pub.

Eine verrauchte Dorfkneipe, in der Fish and Chips in altem Öl frittiert wird?
Von wegen! Bei meinem Vater gab es schon immer frisches Essen: Gemüse­gerichte und Patisserie. Aber Sie haben recht, niemand geht ins Pub, um etwas zu essen. Alle wollen sich einfach betrinken.

Wie wurde Ihr Vater sein Essen los?
Das Pub-Publikum ist eine Metapher fürs Land: Da sind Reiche und Arme. Meine besten Jugendfreunde waren Zigeuner, die mit Wohnwagen im Dorf lebten; ihre Eltern lehnten an der Bar. Nebendran qualmten reiche Geschäftsleute eine ­Zigarre, bestellten einen angesagten Whisky – und ein Steak dazu.

Mittendrin der kleine Jamie.
Ich wusch Geschirr ab, da war ich so klein, dass ich auf einer Kiste stehen musste. Leerte Mülleimer aus, nahm Bestellungen auf, schälte Gemüse. Irgendwann bereitete ich Vorspeisen zu, bald darauf die Hauptgerichte. Mit neun Jahren konnte ich genauso gut mit dem Messer umgehen wie heute. Ich kochte schon damals geiles Zeug.

Spielen durften Sie nicht?
Mein Vater arbeitete hart und sagte immer: Im Bett sterben die Menschen, also steh auf, tu was! Jeder, der untätig herumhing, bekam eine Aufgabe verpasst. Es war echt hart. Von ihm habe ich meine Arbeitsmoral.

In der Schule hielt sich Ihr Arbeitseifer aber in Grenzen.
Ich war eines dieser dicken, dummen Kinder. Ich musste auf die Förderschule und brauchte Nachhilfe, um die einfachsten Dinge zu lesen und zu schreiben. Alles Akademische, das ich je anpackte, war ein Misserfolg.

Fühlten Sie sich in der Schulzeit als Versager?
Alle in meiner Klasse fühlten sich wie Versager. Ich nicht, ich hatte das Leben im Pub. Ich kochte und bekam dafür etwas Geld von meinem Vater.

Sie sagten einmal, mit 18 war es Ihr Ziel, so viele Frauen wie möglich ­flachzulegen.
Das habe ich gesagt? (Lacht.) Keine Frage, hätten damals 100 Frauen mit mir schlafen wollen – ich hätte sie alle genommen. Aber leider interessierte sich keine für mich ...

Was sich schlagartig änderte, als Sie durch Ihre Kochshow bekannt ­wurden.
Wissen Sie, mit Anfang 20 gab es viele unerhörte Momente: Nacktfotos im Briefkasten, Mädchen, die sich an mich warfen.

Wie kamen Sie an die Sendung, die Ihr Aufstieg war?
Per Zufall. Mit Anfang 20 arbeitete ich im Londoner Kultlokal «River Café». Eines Abends drehte der Fernsehsender BBC dort. Der Koch war verschwunden, er hatte ein Date mit einer Kellnerin. Also musste ich an die Töpfe und für 150 Leute kochen. Am Tag nach der Ausstrahlung boten mir fünf Sender eine Show an.

Ihre Sendung «The Naked Chef» wurde zum Quotenhit. Sie waren auf einen Schlag steinreich.
Bis dahin hatte ich als Koch am Ende des Monats kaum 100 Pfund übrig. Mit 24 waren plötzlich ein paar Millionen Pfund auf meinem Konto.

Hat Sie das verändert?
Überhaupt nicht. Ich bin mit derselben Frau zusammen, seit ich 18 bin. Die meisten Freunde stammen aus der Schulzeit – und treten mir in den Arsch, wenn es nötig ist. Und in der Arbeit bin ich von einem Rudel Rottweiler umgeben: lauter Frauen. Die sorgen dafür, dass ich nicht ausser Kontrolle gerate (lacht).

Sie flippen öfter aus?
Gestresst bin ich nie. Der Grund dafür ist, dass ich nicht nur Legastheniker bin, ich habe auch autistische Züge. Ich arbeite in einer Blase. Um mich kann die Welt zusammenbrechen, ich hüpfe einfach in die nächste Blase. Wenn andere zögern, springe ich.

Sie arbeiten mehr als die meisten Menschen.
Jeden Tag 16 bis 18 Stunden. Meine Frau schläft oftmals wie eine Bewusstlose, wenn ich heimkomme; vier Kinder sind anstrengend.

Sie haben zu Ihren drei Mädchen vor vier Jahren noch einen Jungen ­bekommen. Glücklich?
Sehr. Aber ich fürchte mich auch: Ich muss bald so tun, als würde ich Fussball mögen (lacht).

Sie finden Fussball doof und stehen auf pinke Pullis. Hört sich nach ­Rollentausch an. Ist Ihre Frau der Mann im Haus?
Bei uns hat Jools die Hosen an, oh ja. Sie ist auch eine furchtbare Köchin – sie macht immer nur Eintopf. Aber die Kinder lieben es.

In Ihre Sendungen fliesst viel von Ihrem Privatleben ein: Familienstreit, Tränen, die Kameras sind immer dabei. Ist das Teil Ihrer Selbstvermarktung?
Kameras sind nur dabei, wenn ich will. Oft gehen sie mir auf die Nerven. Aber Fernsehen ist das wichtigste Medium der Welt; es hilft mir, Menschen zu bewegen. Nur so kann ich Dinge verändern.

Was wollen Sie verändern?
Ich will, dass jedes Kind gesundes Schul­essen bekommt und etwas über Ernährung lernt. Das ist der Schlüssel, um die Gesundheitsprobleme in der Gesellschaft zu richten.

Sie sind Koch, kein Politiker. Wieso wollen Sie gesellschaftliche Probleme lösen?
Weil die Statistiken unglaublich sind: Grossbritannien hat weltweit eine der höchsten Quoten an Übergewichtigen. Meine Bekanntheit hilft mir, die Aufmerksamkeit auf diese Themen zu lenken. Die Menschen vertrauen mir. Als ich aufstand und sagte: Leute, hier ist ein echtes Problem, hörten mir alle zu.

Ihr Projekt «Feed Me Better» für besseres Kantinenessen in Schulen unterstützte die britische Regierung mit gut einer halben Milliarde Euro, Sie wurden für Ihr Engagement sogar in den ­Adelsstand gehoben. Aber nicht alle Schüler mögen Sie.
Manche Kinder haben mich angespuckt und beschimpft: Wir wollen unsere täglichen Pommes, sagten sie. Nix da, sage ich. Manchmal muss man Sachen einfach stoppen, ganz radikal.

* Kochender Bengel: Mit der Kochshow «The Naked Chef» wurde Jamie Oliver (39) über Nacht berühmt. Der Quotenhit machte aus dem in einfachen Verhältnissen aufgewachsenen Jungen einen gutbetuchten Koch. Die britische «Sunday Times» schätzt sein Vermögen auf 240 Millionen Pfund. Ende Oktober veröffentlichte er sein 16. Kochbuch unter dem Titel «Jamies Wohlfühlküche».

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