BILANZ: Wie viele Bücher haben Sie geschrieben?

James Patterson: Ich weiss es nicht genau, fragen Sie bitte meinen Verleger.

Das überrascht. Wie viele schätzen Sie denn?

Rund 60 bis 70, jedes Jahr schreibe ich um die neun Bücher. Insgesamt habe ich wohl 170 Millionen Bücher verkauft, jedes Jahr werden es 25 Millionen mehr.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ich wäre ja verrückt, Ihnen das zu sagen. Aber ich werde es verraten, weil es niemand schafft, es mir gleichzutun. Der Schlüssel liegt in einem ordentlichen IQ und hoher emotionaler Intelligenz. Meine Vorstellungskraft ist gross. Ich kann einen Schritt zurücktreten und analysieren, ob ich erreicht habe, was ich wollte. Diese Gabe besitzen nicht viele Schriftsteller.

Stephen King sagt, Sie seien ein furchtbar schlechter Schreiber. Trifft Sie diese Kritik?

Ich mag viele seiner Bücher, besonders die früheren. Ich weiss nicht, was er an mir auszusetzen hat. Es tut ein wenig weh.

Ihre Verkaufsbilanz ist wirklich beeindruckend. Nur um zu mäkeln: Sie verkaufen nicht in allen Ländern so gut.

Es kommt drauf an. In England bin ich der grösste Autor. Auch in Australien, glaube ich. In Kontinentaleuropa ist der Verkauf breit gestreut, in den meisten Ländern wird es besser. In Italien bin ich in den Bestsellerlisten, Frankreich ist okay, Holland ist besser geworden. In einigen Ländern wurde ich nicht gut eingeführt: als Krimiautor, was ich nicht sein möchte. Buchläden sind davon nur schwer zu überzeugen, aber wir tun unser Bestes.

Angesichts Ihres riesigen Erfolgs: Brauchen Sie überhaupt noch einen Verleger?

Nein. Aber meine Verleger sind grossartig. Ich wirble die Dinge trotzdem ordentlich durch. Meine Verleger sagten mir etwa, ich könne nur Thriller machen und keine Liebesromane, Geschichts- oder Teenagerbücher. Ich bin anderer Meinung. In einem Buch von James Patterson schreitet die Handlung rasch voran, man wird es hoffentlich wie gebannt lesen. Das ist meine Marke, die auch auf Romantik und andere Genres übertragbar ist.

Ihr Verleger war dagegen, Sie mit anderen Autoren schreiben zu lassen – doch das hat Ihrem Erfolg keinen Abbruch getan.

Das wird oft missverstanden. Als ob es eine seltsame Sache wäre. Dabei werden fast alle TV-Sendungen gemeinsam geschrieben, und einige von ihnen sind ziemlich gut. Werbung wird fast immer in Teamarbeit gemacht – wie auch Filmdrehbücher. Es gibt eine ganze Reihe von Büchern, die mehrere Autoren geschrieben haben. Es ist also nicht so seltsam, wie viele denken. Ich arbeite mit vier oder fünf wenig bekannten Autoren zusammen.

Das änderte sich, als Sie mit der schwedischen Autorin ­Liza Marklund den Bestseller «Letzter Gruss» schrieben.

Europäische Krimiautoren sind anders, sie schreiben düsterer, ein bisschen realistischer. Ich wollte sehen, wie man das mit meinem überlebensgrossen Es-passiert-andauernd-etwas-Stil zusammenbringen kann. Liza schrieb zehn Bücher in elf Jahren, sie wollte ein Jahr Auszeit nehmen. Als mein Angebot kam, sagte sie nicht sofort zu, aber dann kam sie für ein paar Tage, und wir verstanden uns ausgezeichnet.

Wie sah die Zusammenarbeit aus?

Die Grundlage unserer erfolgreichen Zusammenarbeit ist dieselbe wie in Geschäftsbeziehungen oder Ehen: gegenseitiger Respekt. Daran scheiterten Saab und General Motors. Ich hörte wirklich zu. Ich hatte schon eine Gliederung geschrieben, Liza mochte sie, brachte ein paar Ideen ein. Wir mailten hin und her. Sie schrieb viel auf Englisch, aber auch auf Schwedisch, letztlich wurde alles übersetzt, sie sagt, es sei seltsam gewesen. Das grösste Problem waren die ersten 40 bis 50 Seiten, da stimmte der Ton der Hauptfiguren nicht, sie waren zu nah beieinander.

Warum haben Sie trotz dem Erfolg Ihrer Bücher in Hollywood noch nicht den grossen Durchbruch geschafft?

Die Filme mit Alex Cross waren sehr erfolgreich, beide waren für ein paar Wochen auf Platz eins. Hollywood hat vergessen, wie man gute Thriller macht. Das ist sehr politisch geworden, Hollywood ist sehr liberal, irgendwann wurde man fast verdächtig, rechts zu stehen, wenn man Thriller machte.

Sie arbeiten an vielen Projekten und Büchern gleichzeitig. Wie schaffen Sie das?

Als ich früher die Werbeagentur leitete, betreute ich 100 Kunden. Anscheinend kann ich Dinge gut auffächern. Ich arbeite sieben Tage pro Woche. Ich liebe es zu schreiben. Jeden Tag schreibe ich ab 5.15 bis 19 Uhr, unterbrochen vom Golfspielen und vom Essen mit meiner Frau.

Was für eine Werbeagentur leiteten Sie?

Ich war Chef von J.  Walter Thompson America und hatte Kunden wie AT&T, Sprint, Ford, Unilever und Nestlé. Ich hatte es immer mit dem Topmanagement zu tun, nicht weil Werbung so wichtig, sondern weil sie so sichtbar ist. Mit 25 Jahren fing ich bei Thompson als Werbetexter an und wurde schliesslich Chef von Nordamerika. Nach fünf oder sechs Jahren hatte ich genug.

Das hört sich nicht an, als ob es Ihnen gefallen hätte.

Ich versuche zu vergessen. Man muss zu vielen Leuten gefallen. Es ist zu kompliziert für etwas so Einfaches. Heute brauche ich nicht die Einwilligung von irgendjemandem. Die Verleger machen Vorschläge, aber die muss ich nicht befolgen. Ich könnte meine Sachen so drucken lassen, wie ich es will. Aber das tue ich natürlich nicht. Ich arbeite nach meinem eigenen Zeitplan.

Welche Werbeslogans haben Sie erfunden?

Recht bekannt ist der von Toys R Us: «I am a Toys R Us Kid.» Ich habe eine Reihe von Kampagnen für Burger King und Kodak gemacht. Für Werbung braucht man auch emotionale Intelligenz und einen guten IQ.

Gilt das allgemein für erfolgreiches Management?

Viele gute Geschäftsleute an der obersten Spitze haben ein stark ausgeprägtes Bauchgefühl. Wenn man aber nur dieses hat und nicht ab und zu einen Schritt zurücktreten kann, ist es gefährlich. Am besten ist, wenn man beides hat.

Mit dem Thriller «Morgen, Kinder, wird’s was geben» gelang 1993 der Durchbruch. Wie kamen Sie auf die Idee, den schwarzen Detektiv Alex Cross als Helden zu erfinden?

Alex Cross ist sehr ähnlich wie Barack Obama. Sehr schlau, gebildet, spricht gut. Er entspricht nicht der Karikatur, die in diesem Land und in der Welt vorherrscht. Ich wollte über einen heroischen Schwarzen schreiben. Ich bin auf dem Land im Bundesstaat New York aufgewachsen. Meine Grosseltern hatten ein Restaurant. Der Koch war eine schwarze Frau. Sie zog eines Tages bei uns ein, und ich verbrachte viel Zeit mit ihr. Sie und ihre Familie waren fantastisch, witzig, weise, ihre Musik war hervorragend.

Wie wichtig ist Marketing für den Verkauf von Büchern?

Buchwerbung war und ist sehr unterentwickelt. Im Marketing verdient man generell nicht so viel, daher arbeiten dort nicht unbedingt die besten Leute. Dazu können sich die meisten Verleger keine Werbung leisten. Am wichtigsten ist es, möglichst viele Bücher in die Läden zu bekommen, damit die Menschen sie sofort sehen. Und dann muss man Werbung schalten, die zum Kaufen motiviert. Ich erinnere mich, dass eine deutsche Marketingfrau mir sagte: «James, du verstehst das nicht. Wenn in Deutschland im Fernsehen Werbung läuft, holen sich die Leute ein Bier.» Ich dachte mir: Ist die wahnsinnig? Das machen Amerikaner genauso, dazu gibt es Statistiken, wir wissen exakt, wie viele Menschen wir mit Werbung erreichen.

Sie haben für das Buch eine eigene Marketingkampagne ­entworfen.

Ja, die war sehr preiswert, ich gab 2000 Dollar aus. Der Verleger schaute sie sich an und sagte, oh, die ist sehr gut. Es war eine sehr einfache Sache, eine kleine Spinne und dazu Zitate von bekannten Autoren, die sagten, das Buch sei fantastisch. Und zack, es landete auf der Bestsellerliste. Viele Menschen vertrauen einem Buch, nur weil es auf einer solchen Liste steht.

Wäre es ohne Ihre Werbung so erfolgreich geworden?

Nein, der Verleger hätte irgendeine wirkungslose Werbung geschaltet. Aber es gibt eine Einschränkung: Man kann es nur einmal machen. Danach kennen die Leute einen und kaufen einen nicht mehr, wenn ihnen das Buch nicht gefallen hat.

Kann man Nischenbücher auch bewerben?

Das ist schwierig. Die Zielgruppe ist schwer zu erreichen. Man kann es machen, aber es ist besser, die Buchläden zu überzeugen. Aber das funktioniert nur, wenn das Buch auch hält, was man versprochen hat.

Sie verkaufen pro Tag mehr Bücher als andere im ganzen ­Leben. Nehmen Sie den kleinen Schriftstellern etwas weg?

Die Einzigen, denen ich etwas wegnehme, sind andere Bestsellerautoren. Die Verleger zahlen mir viel Geld, weil ich ihnen viel Geld bringe. Mit diesem Geld können sie andere Dinge tun, ­also Bücher herausgeben, die nicht viel einbringen.

E-Books verändern derzeit die ganze Branche. Benutzen Sie selber auch welche?

Ich habe einen Sony, einen Kindle und ein iPad. Ich bin nicht gut, was Computer angeht. Aber ich mag E-Books, sie passen sich meinen Körperbewegungen an, anders als beim PC, wo man die Maus bewegen muss.

Mögen Sie E-Books auch als Autor?

Sie machen einem Schriftsteller wie mir, der schon ein Publikum besitzt, das Leben leichter. Kleinere Autoren werden es schwerer haben. Es wird weniger unabhängige Buchläden geben, weniger Büchereien, weniger Leute, die einem ein Buch empfehlen. Deswegen werden die Menschen eher lesen, was sie schon kennen. Der Preis für E-Books spielt eine Schlüsselrolle. Wenn er zu tief ist, haben Buchläden keine Chance. Alle Verleger werden sich irgendwie wehren. Es wird mindestens zehn Jahre dauern, bis wir mehr elektronische Bücher als physische haben. Früher waren grosse Mischkonzerne wie Time Warner mit den relativ kleinen Gewinnen von Verlagen zufrieden. Aber dann kam Time Warner in den Schlamassel mit AOL, und plötzlich musste man Kosten kürzen. Der Verlag war einfach abzutrennen, Wall Street jubelte, auch wenn es fast bedeutungslos war, aber man zeigte, dass man etwas unternahm.

Sie schreiben und schreiben und schreiben. Warum tun Sie sich das noch an? Liegt es nur daran, dass Sie damit gutes Geld verdienen?

Das Geld ist natürlich eine schöne Sache, aber es interessiert mich nicht wirklich. Ich gebe mehr als die Hälfte meines Vermögens für gemeinnützige Dinge aus. So zahle ich 30 Kindern Stipendien für das College, manchmal sind es auch 50. Ich unterstütze Büchereien und Lesekampagnen. Am Schreiben motivieren mich die Herausforderung und der Spass, eine spannende Geschichte zu erzählen. Aber meine Schreiberei wird nie kunstvoll sein. Da mache ich mir gar nichts vor: Ich werde nie den Man-Booker-Preis erhalten oder gar den Literatur-Nobelpreis.

Im Buchladen kommt man nicht an James Patterson vorbei. Der 63-Jährige ist der erfolgreichste Autor unserer Zeit. 1993 gelang dem ehemaligen Werbetexter mit dem Thriller «Morgen, Kinder, wird’s was geben» der Durchbruch. Patterson schreibt aber auch in anderen Genres. Um sein Produktionstempo zu halten, schreibt er mit anderen Autoren, zuletzt mit der schwedischen Bestsellerautorin Liza Marklund. Sein jüngstes Werk, «Das 8. Geständnis», ist derzeit in den Schweizer Buchhandlungen. Laut «Forbes»bekommt er für seine nächsten 15 Bücher 150 Millionen Dollar.

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