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Das Gespräch 
Peter Spuhler: «Ich fordere keinen Heimatschutz»

«Es gibt mir zu ­denken, dass der Wohlstand zu ­verschwinden droht»: Peter Spuhler.

Unternehmer und Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler im Interview über die 1:12-Initiative, Annäherungsversuche an Siemens, fehlende Aufträge und die ­Konkurrenz aus China.

Von Karin Kofler und Ueli Kneubühler
17.09.2013

BILANZ: Können Sie uns mal den «Peter-Spuhler-Marsch» vorsingen, der Ihnen aufgrund Ihrer Ehrenbürgerschaft in ­Bussnang komponiert wurde?
PETER SPUHLER: Leider nicht. Meine Musikkenntnisse beschränken sich auf ein Jahr Blockflötenunterricht in der ersten Klasse. Es reicht mir, wenn ich die Noten an meiner Wand hängen sehe.

Welche Privilegien hat man als Ehrenbürger von Bussnang?
Ich dachte eigentlich, dass ich damit von den Steuern befreit würde (lacht). Dem ist leider nicht so. Auch sonst gibts keine Goodies. Aber Scherz beiseite: Ich war überrascht und erfreut über die Ernennung. Sie gilt im Grunde genommen nicht mir, sondern allen meinen Mitarbeitern. Insofern müsste man das Lied in «Stadler-Rail-Marsch» umbenennen.

Apropos Musik: Uns scheint, dass Sie politisch wieder lautere Töne anschlagen. Den Jusos zum Beispiel mit ihrer 1:12-Initiative blasen Sie derzeit gehörig den Marsch.
Nun, ich war noch im Nationalrat, als diese Initiative eingereicht wurde. Sie beschäftigt mich in der Tat. Daneben diskutieren wir ja auch über weitere wirtschaftsfeindliche Vorlagen: Erbschaftssteuer- und Mindestlohninitiative. Als Unternehmer gibt es mir zu denken, dass das liberale Wirtschaftsmodell Schweiz allmählich ausgehöhlt wird und der Wohlstand zu verschwinden droht. Da muss ich mich einfach äussern. Und wenn ich mit den Jusos diskutiere – was ich übrigens gerne tue –, stelle ich leider eine gewisse Weltfremdheit fest. Sie sind sich der Konsequenzen ihrer 1:12-Initiative nicht bewusst.

Aber warum ist Peter Spuhler zurück auf der Bühne? Machen die Parteiverantwortlichen ihren Job schlecht?
Nein, am 22. September finden noch andere Abstimmungen statt. Die 1:12-Abstimmung ist erst am 24. November. Jetzt wird die Kampagne hochgefahren. Das Timing stimmt also, und die SVP ist federführend bei 1:12. Ich sehe mich in einer unterstützenden Rolle, denn es ist extrem wichtig, für ein Nein an der Urne zu kämpfen. Würde die Initiative angenommen, wäre das eine Katastrophe für das Unternehmertum: Ich wüsste beispielsweise nicht mehr, wie ich meine Vermögenssteuer bezahlen sollte. Die Jusos zielen mit der Vorlage auf ein paar Topmanager, treffen aber in der Realität die Unternehmer wie mich.

Warum häufen sich Ihrer Meinung nach die wirtschafts­feindlichen Abstimmungsvorlagen?
Im Fahrwasser der Minder-Initiative versucht die Linke nun einfach, sämtliche Anliegen, die sie schon seit langem propagiert, endlich durchzubringen.

Erhoffen Sie sich vom neuen Economiesuisse-Präsidenten Heinz Karrer neuen Schub, um solche Vorlagen künftig besser zu bekämpfen?
Sicher, Heinz Karrer ist eine hervorragende Wahl. Ich kenne ihn schon lange. Er ist kommunikationsstark, gut vernetzt und hat politisches Gespür. Das sind ideale Voraussetzungen für den Job.

Was muss Heinz Karrer Ihrer Meinung nach als Erstes anpacken?
Ich habe etwas gestaunt, dass nach den Wirren um Economiesuisse der Ruf nach Zurückhaltung und leiseren Tönen ­gekommen ist. Ich erwarte genau das Gegenteil: Der Verband soll pointiert zum Wohle des Wirtschaftsstandortes Schweiz politisieren und wenn nötig auch mal den Zwei­händer hervornehmen. Denn auf der anderen Seite stehen die kampferprobten Gewerkschaften. Ich hoffe und glaube, dass Heinz Karrer mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg halten wird.

Der Verband ist doch aber auch heillos zerstritten und spricht nicht mehr mit einer Stimme.
Gut, es ist nicht einfach, in diesem doch sehr grossen Verband in allen Fragen eine Unité de doctrine zu erreichen. Unter der Führung von Gerold Bührer und Pascal Gentinetta funktionierte dies ausgezeichnet. Die Probleme kamen bekanntlich mit dem Präsidentenwechsel. Dass man später auch noch ­Gentinetta opferte, kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe während meiner Nationalratszeit sehr eng und gut mit ihm ­zusammengearbeitet.

Sie haben an der Bilanzmedienorientierung von Stadler kein allzu rosiges Bild Ihrer Firma gezeichnet. Wie stehts momentan um die Aufträge?
Wir spüren in Europa nach wie vor die Schuldenkrise. Es gibt weniger Ausschreibungen. Wir haben 2013/14 wieder Terrain gutgemacht. Aber 2015 klafft nach wie vor eine Auftragslücke. Die Schweizer Werke in Bussnang und Altenrhein, die zu zwei Dritteln für den Export produzieren, sind in diesem und im nächsten Jahr voll ausgelastet, 2015 indes erst zu 40 bis 50 ­respektive 60 Prozent.

Umso wichtiger wären Aufträge aus der Schweiz. Die Ausschreibung der Neat-Züge ist pendent. Auch bei den Verkehrsbetrieben Zürich, die einen Teil ihrer Tramflotte ersetzen, sind Sie im ­Rennen. Finden Sie, Stadler Rail als Schweizer Bieter müsste aus werkplatzpolitischen Überlegungen berücksichtigt werden?
Ich fordere keinen Heimatschutz. Der ausschreibende Betreiber darf das gemäss WTO gar nicht tun. Aber Fakt ist, dass wir ­Arbeitsplätze ins Ausland verlagern müssen, wenn wir im Heimmarkt länger keine Aufträge gewinnen. Wir haben jetzt gerade Aufträge aus dem Werk in Polen in die Schweiz verschoben, um Bussnang 2014 besser auszulasten. Aber das kann auf Dauer nicht die Lösung sein.

Wie viele Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, wenn Stadler in der Schweiz leer ausgeht?
Dazu möchte ich mich heute nicht äussern. Aber mein Rücktritt aus dem Nationalrat zeigt, dass mir Stadler Rail und das Wohl meiner Mitarbeiter mehr am Herzen liegen. Wir wissen, dass wir Gas geben müssen, und das tun wir auch. Wir haben dieses Jahr einen Auftragseingang von zirka zwei Milliarden Franken erreicht. Der grösste davon ist die Lieferung der S-Bahn-Züge nach Moskau. Das Projekt könnte für uns den Durchbruch in den GUS-Staaten bedeuten.

Stadler hat aber auch Ausbaupläne in Saudi-Arabien und den Arabischen Emiraten.
Wir sehen in diesen Ländern grosses Potenzial, weil die Infrastruktur gewaltig ausgebaut wird. Riad, Jeddah, Abu Dhabi, Dubai – da geht die Post ab.

Haben Sie überhaupt die Managementkapazität dazu?
Wir stehen in diesen Märkten erst am Anfang. Es gilt, Vertretungen und ein Beziehungsnetz aufzubauen, damit wir überhaupt zu den Ausschreibungen eingeladen werden. Da sind wir dran. Der Auftrag für die Metro Berlin hilft uns dabei, weil er als Referenz dient.

Sie fokussieren stark auf Zukunftsmärkte. Ist Europa ­zweitrangig geworden?
Überhaupt nicht. Das Europa-Geschäft ist extrem wichtig, aber heterogen. Märkte wie Deutschland, die Niederlande oder Skandinavien laufen derzeit sehr gut. In den südlichen Ländern ist die Situation nach wie vor schwierig.

Die jüngsten Konjunkturprognosen fallen ziemlich positiv aus. Ist die Krise vorbei?
Ich bin nicht sicher, ob der Optimismus gerechtfertigt ist. Die Schuldenproblematik besteht nach wie vor. Man hat nur eine Symptombekämpfung vorgenommen. Wenn die Zinsen steigen, kommen die hoch verschuldeten Länder im Euroraum in die Bredouille. Was die Schweiz betrifft, so ist das Wachstum stark durch den Konsum und die Zuwanderung getrieben. Im Export mogeln wir uns gerade so durch.

Sie sind in einem internationalen Geschäft tätig mit Mit­bewerbern, die deutlich mehr auf die Waage bringen als Stadler Rail. Hat Ihre Firma noch die richtige Grösse, um künftig ­mithalten zu können?
Das ist eine Frage, die uns immer wieder herausfordert. Ich startete mit Stadler Rail vor über zwanzig Jahren als kleiner Nischenanbieter. Firmen wie die unsere gab es in Europa mehrere Dutzend. Inzwischen hat sich der Markt stark konsolidiert. Wir haben Alstom, Bombardier und Siemens als weltweit tätige Anbieter. Daneben gibt es in Europa eine Handvoll vergleichbare Unternehmungen wie Stadler. Die drei grossen Anbieter haben die Chinesen technologisch in den letzten Jahren stark aufgerüstet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mit ihren Kopien die europäischen Märkte attackieren. Klar, dass wir die Strategie immer wieder den Marktanforderungen entsprechend auf den Prüfstand stellen müssen. Ich sehe uns nicht in akutem Zugzwang, aber Opportunitäten für Zukäufe oder Kooperationen prüfen wir immer.

Und das erst kürzlich. Stadler Rail führte offenbar ernsthafte Gespräche mit Siemens über eine Kooperation­im Bahngeschäft.
Wir haben mit Siemens ein sehr gutes Verhältnis, arbeiten ja bereits in einzelnen Projekten zusammen. Es liegt auf der Hand, dass man sich da auch mal über engere Formen der ­Kooperation unterhält.

Hat sich der neue Siemens-Chef Joe Kaeser bereits bei Ihnen gemeldet?
Nein. Der muss jetzt mal die berühmten ersten hundert Tage absolvieren und hat derzeit sicher anderes zu tun.

Macht Ihnen die drohende Konkurrenz aus China Angst?
Die chinesische Bahnindustrie wird eines Tages stark genug sein, den westeuropäischen Ansprüchen zu genügen. Die Frage ist nur, wann sie den Schritt nach Europa macht. Einfach wird er nicht, weil sich der Bahnmarkt im Westen sehr heterogen präsentiert. Es gibt viele länderspezifische Eigenheiten bei Spurweite, Stromsystem, Sicherungsanlagen etc. Das macht es komplex. Doch ich habe Respekt vor den Chinesen. Momentan heizt uns in Europa allerdings vor allem der spanische Bahnhersteller CAF ein. Die geben Gas und spielen ihre Preisvorteile voll aus.

Sie bekommen sicher auch immer wieder Kaufangebote für Stadler. Ist das eine Option?
Nein. Ich möchte nicht verkaufen. Für den Fall, dass niemand aus der Familie die operative Verantwortung übernimmt, wäre ein IPO eine Möglichkeit, die Unabhängigkeit zu bewahren. Der Einfluss der Familie könnte so reduziert und ein Management eingesetzt werden.

Der Tod von zwei Topmanagern hat in den letzten Wochen eine Diskussion über die Belastungsgrenzen von Managern ­ausgelöst. Was denkt ein viel beschäftigter Unternehmer wie Sie darüber?
Die Fälle sind beide anders gelegen. Am Schluss muss jeder selber wissen, welche Erholungszeiten er braucht, um sein Arbeits­pensum zu bewältigen. In rezessiven Phasen wie momentan muss man besonders achtgeben, weil der Druck grösser wird.

Wie kehren Sie persönlich vor?
Ich bin von Natur aus sehr belastbar. Und ich treibe sehr viel Sport, um die nötige Energie für meinen Job zu generieren.

Der Vielseitige:
Der 54-jährige Peter Spuhler wuchs in Sevilla und ­Zürich auf. Er studierte an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaft. Nach dreizehn Jahren im ­Nationalrat trat der SVP-Politiker letztes Jahr ­zurück. Spuhler ist Chef und Hauptaktionär von Stadler Rail. Der Konzern macht mit 5000 Mitarbeitern rund 2,4 Milliarden Franken Umsatz. Spuhler hält über seine PCS Holding je rund 19 Prozent am Industriekonzern Rieter und am Automobilzulieferer Autoneum und sitzt in deren Verwaltungsräten.

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