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Das Gespräch 
Boyden-CEO: «Frauen sind gut fürs ­Geschäft»

«Erfolg war für mich nie eine Frage des Geschlechts»: Boyden-CEO Trina Gordon.  Jorma Müller

Als CEO von Boyden ist ­Trina ­Gordon die erste Frau an der Spitze eines globalen Beratungskonzerns. Die Headhunterin über Frauenquote, Männerdomänen und LinkedIn.

Von Maren Meyer
30.09.2015

BILANZ: Frau Gordon, Sie sind der erste weibliche CEO einer weltweit tätigen Personalberatungsfirma. Was war Ihre grösste Herausforderung auf dem Weg nach oben?
Trina Gordon*: Ich kam Ende der siebziger Jahre in eine Branche, die von Männern dominiert war. Ich musste mich ­beweisen, noch fleissiger sein und gründlicher arbeiten. Nur so konnte ich meine Glaubwürdigkeit untermauern und im ­Umgang mit den Kunden authentisch sein. Heute hat sich das Umfeld im Bereich Beratung gewandelt – auch bei Boyden. Leider scheine ich immer noch die einzige Frau an der Spitze einer global tätigen Beratungsfirma zu sein. Ich wünschte, es wären mehr – es sollte mehr Frauen an der Spitze geben.

Wollten Sie immer schon Headhunterin werden?
Eigentlich wollte ich immer Tierärztin für Pferde werden. Aber junge Menschen müssen ihre Meinung ändern dürfen. Während meines Studiums wurde ich einem Professor für Unternehmensberatung vorgestellt und fand das Thema hochspannend. Ich lernte dann so viel, wie ich konnte, über Unternehmen und Businessmodelle.

Wie viel Frau durften Sie in dieser Männerwelt sein?
Alle meine Mentoren waren Männer. So war es auch in der Welt, in die ich eintauchte. Ich lernte viel und versuchte immer, die besten Ratschläge und Tipps für mich mitzunehmen. Daher war Erfolg für mich nie eine Frage des Geschlechts. Auch wenn die Welt in diesem Bereich von Männern dominiert war. Ich habe immer versucht, das für mich anzunehmen, was erfolgversprechend schien.

Es heisst, Männer seien selbstbewusst und Frauen zweifelten an ihren Fähigkeiten – haben Sie je gedacht, dass Sie der Aufgabe als CEO nicht gewachsen sind?
Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mir und meinem jüngeren Bruder immer gesagt haben: Ihr dürft werden, was ihr wollt. Diese Haltung hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Wenn man viel lernt, kann man im Leben überall bestehen. Diese Lektion habe ich früh gelernt. Ich hatte einfach Glück, dass es bei mir zu Hause nie die «Geschlechterfrage» gab.

Steckt dennoch ein Funken Wahrheit hinter dieser ­«Geschlechtertheorie»?
Sicher gibt es Frauen, denen es schwerfällt, für ihre Bedürfnisse einzustehen. Vor allem, wenn es um Beförderungen oder Gehaltserhöhungen geht. Ich musste das auch erst lernen. Man sollte es nie als selbstverständlich ansehen, dass die eigenen Ergebnisse von anderen gesehen werden. Man muss sich Gehör verschaffen und seine Fähigkeiten und seine Leistung deutlich kommunizieren und präsentieren. Das müssen manche Frauen noch lernen.

Was können Frauen im Vergleich zu Männern besser?
Frauen können sehr gut kommunizieren. Sie haben sehr schnell einen guten Einblick in Themenbereiche, ihre Auffassungsgabe ist gross. Ich meine das auch im Sinne von zwischenmenschlicher Kommunikation. Eine Frau kann einen Raum betreten, um einen Kunden zu treffen, und ist in der Lage, die Situation sofort zu überblicken. Ausserdem sind Frauen aufgeschlossen und nehmen einen Rat bereitwilliger an als Männer.

Viele Länder haben eine Frauenquote eingeführt. Sollten Unternehmen nicht längst bereit sein, mehr Frauen einzustellen?
Ich wüsste nicht, wie es heute in der Unternehmenslandschaft ohne freiwillige Verpflichtungen und Quoten aussehen würde. Es liegt vor allem an den Geschäftsführern und Verwaltungsratspräsidenten, den Ton anzugeben und mehr Frauen anzustellen. Sie tragen die Verantwortung. Dazu sind Frauen in Führungs­positionen schlichtweg gut fürs Geschäft. Es gibt sehr viele Studien, die zeigen, dass Frauen das Unternehmen voranbringen.

Und die Frauenquote ist der richtige Weg?
Ich komme aus einem Land ohne Quote. In den Vereinigten Staaten ticken die Uhren ein wenig langsamer. Ich heisse zum Beispiel die Quote von 30 Prozent in Norwegen gut. Aber man sieht auch, dass es seit Erfüllung der Quote keinen signifikanten Fortschritt mehr gegeben hat. So auch in Grossbritannien. Hier wird den Unternehmen eine Quote von 25 Prozent empfohlen. Es ist abzuwarten, ob der Frauenanteil über die vorgegebene Marge ansteigt.

Wie sieht der Frauenanteil in Führungsetagen aus?
Europaweit haben wir mit drei bis sechs Prozent Frauenanteil in Führungspositionen immer noch eine sehr geringe Zahl. Im letzten Jahr hat sich der Frauenanteil in Verwaltungsräten um fünf Prozentpunkte erhöht. Natürlich freut mich dieser Anstieg, aber er dauert einfach sehr lange.

Ein Grund, warum Frauen ihren Job kündigen, ist laut einem Gender Survey nicht etwa die Familienfrage, sondern die ­geringe Wertschätzung, die sie für ihre Arbeit erfahren. Wird Ihre Arbeit genug geschätzt?
Ja, ich denke schon. Die Wertschätzung hängt natürlich von der Unternehmenskultur ab. Wenn man hart arbeitet und sogar die vorgegebenen Erwartungen übertrifft, sollte man entsprechendes Feedback erwarten können. Sollte dies nicht der Fall sein, liegt es an den Frauen und Männern, dies zu thematisieren. Sie müssen sicherstellen, dass ihre Arbeit anerkannt wird. ­Dadurch kann man die Unternehmenskultur vielleicht nicht ändern, aber es liegt bei uns Frauen, unsere Sichtweise zu kommunizieren und uns Gehör zu verschaffen. Das darf man nicht den anderen überlassen.

Die Beratungsbranche ist eine Männerdomäne – wo sehen Sie hier in den nächsten Jahren eine Veränderung?
Im Bereich der Chefetagen eher keine. Aber es gibt einige Beratungsfirmen, die Frauen in Kaderpositionen eingestellt haben. Im Grossen sehe ich eine zunehmende Globalisierung innerhalb der Branche. Die Firmenlandschaft für global tätige Unternehmen wird kleiner. Darauf müssen wir bei Boyden reagieren, um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben. Wir müssen über die Genderfrage hinaus offener und diverser werden. So wie unsere Kunden es auch immer mehr sind. Bei Boyden Schweiz haben wir gleich viele weibliche wie männliche Berater.

Was tut Boyden, um mit den Veränderungen Schritt zu halten?
Es ist ein bisschen wie Leistungssport: Du kannst nicht drei Monate Sommerferien machen und dann zurückkommen und den Marathon laufen. Wir müssen immer am Ball bleiben und unser Bestes geben. Die Zeiten der Generalisten sind vorbei. Unsere Klienten spezialisieren sich immer mehr, und das müssen wir als Berater für Leadership auch.

Was heisst das konkret?
Um die Kommunikation und Entwicklung innerhalb unserer weltweit tätigen Unternehmen zu verbessern, haben wir vor einem Jahr die Boyden University gegründet. Diese ist virtuell und eine Plattform, die Weiterentwicklungsmöglichkeiten ­bietet. Zum Beispiel bei der Interviewführung mit möglichen Kandidaten.

Im Mai hat Boyden ein zweites Büro in Genf eröffnet. Warum ist die Schweiz so attraktiv?
Sie liegt im Herzen Europas, ist ein Platz für viele internationale Firmen und dazu kulturell sehr vielfältig. Das macht sie für uns interessant, und es freut mich, dass wir unser Office in Genf wieder eröffnen konnten.

In welchen Ländern finden Sie die kompetentesten CEOs?
Die sind überall. Es kann ein Schwellenland sein oder Europa. Oft glaubt man, die talentiertesten Leute in den grossen Hubs, den Metropolen, zu finden. Aber auch in Ländern wie zum Beispiel Brasilien finden wir viele talentierte Führungspersönlichkeiten. Dieser Markt ist mit zahlreichen Unsicherheiten konfrontiert, und die Unternehmen müssen sicher durch diese Höhen und Tiefen navigiert werden. Menschen, die das schaffen, sind gute Kandidaten für uns.

Soziale Netzwerke wie LinkedIn bieten Firmen die Möglichkeit, sich geeignete Kandidaten zu suchen. Welchen Einfluss haben diese Plattformen auf Ihre Branche?
LinkedIn ist für uns ein Recherche-Tool. Man muss aber sagen, dass es für uns ein Tool unter vielen ist und nicht die Hauptquelle. Denn unsere Klienten fordern individuelle Lösungen, und die kommen nicht ausschliesslich aus dem Internet. Linked-In ist daher kein Ersatz für ein präzise zusammengestelltes Portfolio von Persönlichkeiten für eine bestimmte Aufgabe.

Machen diese Plattformen den traditionellen Personal­beratungsfirmen Konkurrenz?
Nein, für unsere Branche sind sie keine Bedrohung, sondern eine Ergänzung. Auch wenn Unternehmen selbstverständlich eigenständig auf LinkedIn nach potenziellen Kandidaten suchen können und dies auch tun. Sie kommen dabei aber nicht auf das Level, das für Boyden bedeutsam ist. Der neue CEO der Credit Suisse, Tidjane Thiam, ist sehr wahrscheinlich nicht auf LinkedIn.

Sie sind es aber. Warum?
Das ist Teil unserer Social-Media-Strategie. Es ist wichtig, dass Boyden ihre Relevanz auf diesen Plattformen hat, und dazu ­gehört eben auch die eigene Präsenz. Unser Wert ist zudem nicht nur das Identifizieren von möglichen Talenten für eine Aufgabe, sondern die Beurteilung von Stärken, Schwächen, Persönlichkeiten im Hinblick auf eine bestimmte Aufgabe. Dafür braucht es viel Lebenserfahrung, die wir als Berater mitbringen.

An welche Personalvermittlung erinnern Sie sich gerne?
Das Team und ich arbeiteten für die United States Federal ­Reserve Banks. Es war unsere erste Gelegenheit, dort als Beraterteam tätig zu sein. Zu dieser Zeit war das System noch sehr konservativ und bestand nur aus Männern. Wir hatten die Möglichkeit, die allererste Frau als CEO vorzustellen. Sie war sehr talentiert und zu diesem Zeitpunkt auch noch hochschwanger. Aber sie überzeugte und bekam den Posten. Zwei Monate später kam ihr Baby. Sie hatte alles gut organisiert und war schnell zurück auf ihrer Stelle. Das ist meine beste Erinnerung.

Also können Frauen alles haben: den CEO-Posten, Familie und Kinder?
Wenn ich mir dieses Beispiel vor Augen führe, dann sicher. Es ist immer eine Frage der Balance zwischen der Unterstützung, die man bekommt, und der eigenen Entscheidung. Ich respektiere jede Frau, die eine Beförderung ausschlägt, um mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Daher kann man vielleicht doch nicht immer alles haben oder nur so viel, wie man eben braucht. Am wichtigsten ist aber die eigene Motivation.

*Eigentlich wollte Trina Gordon Tierärztin werden. Doch während des Studiums entschied sie sich um und stieg 1990 bei Boyden Global Executive Search ein. Seit 2011 leitet sie die international tätige Beratungsfirma. Und ist die erste Frau in dieser Branche, die es als Präsidentin und CEO an die Spitze geschafft hat. Das Magazin «Businessweek» wählte sie 2008 zu den 50 einflussreichsten Headhuntern der Welt. In der Freizeit fährt sie leidenschaftlich gerne auf ihrer Harley-Davidson. Trina Gordon lebt mit ihrem Mann Richard McCallister in Chicago.

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