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Unter Strom: Innovation am Energiemarkt

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Erleben wir derzeit den grössten Wandel, den der Energiesektor je erlebt hat – so radikal wie seit der Erfindung der Glühbirne nicht mehr?

Von Christian Simm*
23.01.2015

Es war die Stadt Reno in Nevada, die unlängst das grosse Los zog: Elektroauto-Pionier Tesla Motors wählte Reno als Standort für seine fünf Milliarden Dollar teure Megafabrik zum Bau von Batterien, gemeinsam mit seinem japanischen Partner Panasonic. Die Batterien in Teslas Elektro-Mobilen gehören zu den Innovationen, mit denen sich das kalifornische Unternehmen im modernen Autobau profiliert hat. So kommt etwa das Tesla Model S mit einer einzigen Batterieladung auf Reichweiten von 300 bis nahezu 500 Kilometern– weit mehr, als die Konkurrenz zu bieten hat.

Doch diese Batterien sind weit mehr als nur effizient. Sie sind auch Kernbestandteil der (R)evolution, die derzeit den Energiesektor durchschüttelt – angefangen bei der Art, wie Strom gewonnen wird, über die Speicherung und den Transport bis hin zur Nutzung. Und ähnlich wie beim radikalen Wandel, den das Internet in vielen Branchen bewirkt, gibt es nun für Unternehmen im Energiesektor kein «Business as usual» mehr. Was aber wird sich ändern – und wo sind Innovationen zu erwarten, die der Stromwelt das ganz Neue bringen?

Neu verteilt

Stromerzeugung bedeutete jahrzehntelang: gigantische Gebäude, die oft Schmutz ausstiessen und in abgelegenen Gegenden standen. Sie gewannen Energie aus dem Verbrennen von Kohle oder anderen fossilen Brennstoffen, und anschliessend wurde der Strom an Nutzer verteilt, die meist fern von dem Ort lebten, an dem er erzeugt wurde.

Je mehr US-Bürger allerdings Solarzellen auf ihrem Grundstück installieren, um so mehr Energie wird privat gewonnen und nahezu unabhängig vom allgemeinen Elektrizitätsnetz verwendet. Die grosse Einschränkung ist dabei freilich, dass erneuerbare Energieformen wie der Solarstrom nicht immer zeitnah zur Verfügung stehen, wenn Verbraucher sie abrufen wollen. Genau an diesem Punkt kommen Teslas Batterien und das Geschäftsmodell der Firma ins Spiel.

Systemdenken

Viele Experten sehen in der Energiespeicherung den Schlüssel zur umweltfreundlichen Energiegewinnung – weil die Sonne nun einmal nicht immer scheint und der Wind nicht jederzeit weht. Wenn es gelingen soll, unter dem für 2050 festgelegten Limit für CO2-Ausstosszu bleiben, dann muss ein schlauer Kopf eine Lösung für dieses Problem finden. Tesla-Chef Elon Musk könnte genau der richtige Mann für diese Herausforderung sein.

Musk profiliert sich seit Jahren als innovativer Vordenker für eine Zukunft voller offener Fragen, wie auch seine anderen Startups SpaceX und SolarCity zeigen. Bei SolarCity, Amerikas erfolgreichstem Anbieter von Solaranlagen für Privathaushalte, treibt Musk als Investor und Aufsichtsratsvorsitzender die Energierevolution voran, indem er den Preis für Sonnenenergie berechenbar macht und es Interessenten erlaubt, auch ohne enorme Vorab-Investitionen auf Solarkraft umzusteigen.

Diese Unternehmen – sowie mögliche Mitbewerber, angesichts der klugen Patentrechte-Teilung, die Musk verfolgt – könnten von Teslas Fortschritten bei der Batterietechnik profitieren, ebenso wie von der wachsenden Markteffizienz im Solarbereich. Im Grunde sind Musks Unternehmen alle Teil eines industriellen Ökosystems, das helfen soll, die Herausforderung des Klimawandels zu lösen – was zugleich neue Marktchancen mit sich bringt. Doch die Innovationen im Energiesektor gehen weit über Batterien hinaus.

Ein Internet für Stromversorgung?

Tesla und seine Schwester-Unternehmen lassen sich als Beispiel dafür sehen, wie man ein skalierbares System für erneuerbare Energie aufbauen kann. Im grossen Ganzen sind sie damit allerdings nur ein Kapitel von vielen, und als durchlaufendes Thema zeichnet sich heraus, wie die zentrale Produktion von einst verschwindet und zunehmend ersetzt wird durch ein intelligentes Netz, in dem Teilnehmer zugleich Verbraucher und Produzenten sind, Kunden und Verkäufer.

So entstehen neue Geschäftsmodelle wie «Peer-to-peer energy trading»: direkter Energiehandel zwischen Nutzern und Erzeugern ohne ein zentrales Unternehmen, das im Hintergrund die Strippen zieht und mitverdient. Startups wie Open Utilityin Grossbritannien und Gridmatesin den USA sammeln bereits Millionen von Risikokapitalgebern, die Chancen sehen, an den radikalen Veränderungen am Energiemarkt mitzuverdienen.

Klingt das vertraut? Traditionelle Energiebetriebe sollten auf ähnliche Verwerfungen in ihren Geschäftsmodellen vorbereitet sein, wie sie andere Branchen betrafen, als das Internet Preise und Handelsinformationen weltweit transparent machte.

Es ist kein Zufall, dass Experten bereits vom «Energie-Internet» sprechen und darüber nachdenken, welche Folgen es hat, wenn lokal erzeugte Energie in ein Netz eingespeist wird, das gemeinschaftlich genutzt und digital verwaltet wird. So ironisch es wirken mag: Elektrizität ist womöglich die letzte Branche, die noch einen radikalen Wandel durchlaufen muss, ehe eine analoge Welt sich komplett in die digitale Zukunft verwandelt.

* Christian Simm ist Gründer und CEO von swissnex San Francisco.

Mitarbeit: Laura Erickson, Ilona Tschopp & Karsten Lemm

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