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Mobile Payment ist eine Frage der Mentalität

Mobile Payment ist eine Frage der Mentalität
Twint: Seit gut einem halben Jahr live. Keystone

Während mobiles Bezahlen in Dänemark bereits zum Alltag zählt, haben sich Mobile-Payment-Lösungen wie Twint in der Schweiz noch nicht durchsetzen können. Woran liegt das?

Von Caroline Freigang
2017-11-02

«Zwei Hotdogs mit Gurke und Röstzwiebeln bitte», bestellt ein Mann am Hotdog-Stand eines Strassenfests in Kopenhagen. «50 Kronen», so der junge Verkäufer. Der Mann zückt sein Handy und tippt die Nummer auf dem Pappschild ab. Er streckt dem Wurstverkäufer sein Handy entgegen und zeigt ihm die bestätigte Transaktion. Im Gegenzug kriegt er zwei dampfende Hotdogs.

In Dänemark gehört mobiles Bezahlen zum Alltag. Ob im Supermarkt, im Café oder auf dem Flohmarkt: Fast überall wird mit dem Handy bezahlt. Platzhirsch unter den Bezahlsystemen ist Mobile Pay der Danske Bank. Über die Hälfte der Bevölkerung nutzt das lokale System. Laut der Bank sind das über 3,6 Millionen Dänen. Mobile Pay verzeichnet im Jahr bereits über 214 Millionen Transaktionen und ist damit deutlich verbreiteter als Mobile-Payment-Lösungen in der Schweiz.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Mobile Payment im Nachbarland beliebt

Über Twint, die gemeinsame Lösung der grossen Schweizer Banken, wurden im Juni rund 270'000 Transaktionen abgewickelt, im August waren es dann nach Aussage des Unternehmens 335'000 Transaktionen. Auch die Zahl der Nutzer sei in diesem Zeitraum zwar stark angestiegen – gemäss Zahlen, die der Nachrichtenagentur AWP vorliegen, nämlich um 20 Prozent auf 450'000 im August. Vergleichbar mit den Nutzungswerten aus den nordischen Ländern ist dies aber noch lange nicht. 

Denn neben Dänemark ist Mobile Payment auch in Schweden dominant: Über die Hälfte der Bevölkerung nutzt Swish. Über diese App werden monatlich rund 23 Millionen Bezahlungen getätigt. In Grossbritannien hat die App Paym bereits rund 3,5 Millionen Nutzer, in Italien zahlen rund 4,2 Millionen Menschen über die App Jiffy.

Eine Frage der Mentalität

Woran liegt es, dass die Schweiz beim mobilen Bezahlen noch hinterherhinkt? Zum einen ist es eine Mentalitätsfrage, womit gezahlt wird, sagt Telekom-Experte Ralf Beyeler vom Vergleichsportal Verivox zu Handelszeitung.ch: «Die Schweiz ist ein Debitkarten-Land. Man will keine Schulden machen und möchte, dass Zahlungen direkt belastet werden».

Vor dem Zusammenschluss von Twint und Paymit zu einer einheitlichen Lösung funktionierten die Bezahllösungen für Kunden verschiedener Banken und Apps unterschiedlich. Zahlten die einen Nutzer Guthaben auf ihren Account ein, verknüpften andere ihre Kreditkarte mit der App. Erst durch die gemeinsame Lösung Twint können alle Kunden Zahlungen direkt vom Konto abbuchen lassen, wie bei einer Debitkarte. Diese Option dürfte zu einer gesteigerten Nutzung beitragen.

Die Anknüpfung an Kreditkarten war lange auch ein Nachteil für Händler, die lieber Debitkarten sehen: «Kreditkarten sind zu teuer für den Handel», so Beyeler. Bei Debitkarten sind die Gebühren geringer. Solange Mobile Payment also über die Kreditkarte funktionierte, hatten viele Händler keinen Anreiz, mobile Bezahllösungen anzubieten.

Einheitliche Lösung fehlt

Ausserdem gibt es Händler, die ohnehin keine Lust auf Twint haben. Mit der Migros stellt sich etwa der grösste Schweizer Detailhändler quer. Hier will man seine eigene App voranbringen. Diese haben laut einem Migros-Sprecher bereits 3,5 Millionen Menschen installiert. Damit bezahlten können Kunden, wenn sie eine Kreditkarte hinterlegen oder diese direkt mit einem Konto der Migros Bank verknüpfen. Auch dies ist also keine einheitliche Lösung für alle Schweizer.

Ein weiterer Stolperstein für die Massentauglichkeit von Mobile Payment ist, dass Bezahlapps der Konkurrenz mit grossem Potential von den grossen Banken nicht unterstützt werden. Apple Pay zum Beispiel. «Apple Pay ist für Schweizer Kunden die einfachste Lösung», sagt Beyeler. «Die Banken wollen aber mit Twint ihre eigene Lösung voranbringen.»

Einfachste Lösung wird nicht unterstützt

Twint fehlt aber wiederum eine wichtige technische Komponente, auf die Apple Pay zurückgreift: NFC. Diese Schnittstelle erlaubt, dass Kunden ihr Handy wie eine kontaktlose Kreditkarte an das Terminal halten und der Betrag direkt abgebucht wird. Apple verweigert anderen Anbietern von Bezahl-Apps den Zugriff auf die NFC-Schnittstelle. «Solange Twint nicht über die NFC-Schnittstelle läuft, hat die App einen entscheidenden Nachteil gegenüber NFC-fähigen Systemen: Nicht nur Apple Pay, sondern auch gegenüber kontaktlosen Kredit- und Debitkarten, die über NFC-Chips funktionieren», so Beyeler.

Bevor der Nutzer bei Twint sein Handy entsperrt, die Twint-App geöffnet, Bluetooth angeschaltet und den Betrag bestätigt hat, ist die kontaktlose Kreditkarte, die über NFC läuft, schon längst wieder im Portemonnaie versorgt. Kundenfreundlich wäre also, wenn die Schweizer Banken ihren Kunden Apple Pay anbieten würden. Ebenfalls kundenfreundlich wäre, wenn Apple die Schnittstelle NFC für andere Anbieter freigeben und so anderen Lösungen eine Chance geben würde. Beides würde das Umdenken zum Zahlen via Handy in der Schweiz befördern.

Kunden brauchen Zeit

Unabhängig von der spezifischen Lösung braucht die Entwicklung Zeit: «Die Kunden brauchen eine gewisse Zeit, bis sie ein neues Angebot nutzen», schreibt etwa Finanzprofessor Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern auf seinem Blog. «Mobile Payment steht in Bezug auf die Bekanntheit derzeit an einem ähnlichen Ort, wo die Kontaktlosfunktion der Karten vor drei Jahren stand». Und hier habe ein rasantes Wachstum stattgefunden. 

Es würde ihn nicht erstaunen, schreibt Dietrich, wenn die Wachstumsraten von Mobile Payment ähnlich wären. «Wird diese Entwicklung auf Mobile Payment übertragen, würden im Jahr 2020 monatlich in etwa 2,5 bis 3 Millionen Transaktionen via Smartphone abgewickelt.» Damit könnte die Schweiz dann in der Liga der europäischen bargeldlosen Vorreiter mitspielen.

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