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Einschätzung 
«Die Telefon-Uhr deckt kein dringendes Bedürfnis»

Bei Neuheiten macht es Apple auch für Swisscom & Co. spannend. Bei der Apple Watch leiden die Konsumenten darunter. Telekom-Experte Jean-Claude Frick über die Chancen des Produkts und die Hürde eSIM.

Von Caroline Freigang
2017-09-20

Herr Frick, ist die vom iPhone unabhängige Apple Watch 3 die grosse Innovation, für die Apple sie verkauft?
Jean-Claude Frick*: Nicht wirklich. Sie ist für Telekomanbieter vor allem etwas Neues, das sie anbieten können. Darum sind Swisscom und Sunrise auch von Anfang an als Provider dabei. Aus Konsumentensicht stellt sich die Frage, ob sie eine komplett autarke Uhr tatsächlich brauchen. Ich bezweifle, dass Apple mit der Uhr die breite Masse ansprechen und grosse zusätzliche Märkte erschliessen kann.

Woran liegt das?
Die Telefon-Uhr deckt kein dringendes Bedürfnis. Wann brauche ich eine unabhängige Uhr, wenn ich meistens sowieso das iPhone dabei habe. Die einzigen, die einen Zusatznutzen sehen, sind Sportler.

 

Apple hat die eSIM in der Apple Watch 3 als grosse Neuheit präsentiert, dabei hat Konkurrent Samsung bereits letztes Jahr eine Smartwatch mit eSIM lanciert. Swisscom brachte die Samsung Gear S2 Classic 3G in die Schweiz. Mittlerweile hat sie diese wieder aus dem Sortiment genommen. Warum sollte Apple nun mit seiner Telefon-Uhr Erfolg haben? 
Vor Samsung hat es auch LG schon mit einer autarken Telefon-Smartwatch versucht. Bei beiden blieb der Erfolg aus. Die Akzeptanz dieser Uhren war sehr niedrig. Apple ist also kein Pionier auf dem Markt, hat aber meist ein anderes Momentum als die Konkurrenz. Wenn Apple ein neues Produkt lanciert, besonders im Apple-Land Schweiz, kaufen die Kunden das Produkt. Wenn Apple mit seiner Uhr Erfolg hat, könnte auch Samsung wieder auf den Zug aufspringen und versuchen, eigene Produkte nochmals an den Mann zu bringen. 

Sowohl bei Swisscom als auch bei Sunrise verzögert sich der Anschluss der Apple Watch 3 ans Telefonnetz auf «später in diesem Jahr». Als Grund wird ein nötiges Update bei Apple genannt. Hätte man das nicht früher planen können?
Ich würde in dieser Situation den schwarzen Peter wohl tatsächlich Apple zuschieben. Die Provider wissen in der Regel nicht was kommt, bis Apple seine Neuheiten in Cupertino vorstellt. Dass das benötigte Update allerdings erst in ein paar Monaten kommen soll, ist komisch. Der Zeitraum bis zum Update erscheint mir zu lange.

Kunden können eine Uhr mit autarker Telefonie-Option kaufen, diese aber nicht nutzen.
Wenn ich als Kunde mindestens 80 Franken mehr für eine Uhr mit der Cellular-Option zahlen soll, das Angebot aber nicht nutzen kann, ist das störend.  Den Absatz der Uhr wird das nicht fördern.

Salt zieht als drittgrösster Schweizer Provider nicht mit und bietet keine Anbindung der Uhr an ihr Netz an. Kann der Anbieter sich das erlauben?
Es erstaunt mich nicht, dass Salt nicht mitzieht. Sie sind unter den grossen dreien nicht der technologische Innovator. Die Frage ist aber, wie viele Kunden wirklich den Mobilfunkanbieter wechseln würden, um von dem Smartwatch-Angebot profitieren zu können.

Die Apple Watch 3 will man bei Salt dennoch verkaufen – ob mit oder ohne Cellular-Option, wird nicht verraten.
Sollte Salt die Uhr mit Cellular-Zugang aber ohne Mobilfunkanbindung verkaufen, ginge das gar nicht. Sollte es allerdings bis Ende Jahr dauern, um die Option aufzuschalten, hat auch Salt noch genug Zeit, ein Angebot zu entwickeln.

Bereits letztes Jahr – zur Lancierung der Samsung Telefon-Uhr – sprach man davon, dass die eSIM, die auch in der neuen Apple Watch 3 integriert ist, die herkömmliche SIM-Karte ersetzen wird. Das ist bis jetzt nicht geschehen. Woran liegt das?
Telekom-Provider verdienen zum einen viel Geld mit SIM-Karten. Für eine Karte zahlen Kunden um die 40 Franken – die Produktion kostet in China wenige Rappen. Das ist ein gutes Geschäft. Zum anderen ist das Urprinzip der eSIM, den Handyvertrag vom Gerät zu entkoppeln. Mit einer physischen SIM-Karte ist es schwieriger für den Kunden, den Provider zu wechseln. Er muss sich um eine neue SIM-Karte kümmern, diese mühselig aus dem Gerät herauspulen und eine neue einsetzen. Mit einer eSIM-Karte würde dies virtuell stattfinden. Das würde die Transparenz für den Kunden erhöhen, weil er verschiedene Angebote direkt auf dem Handy auswählen könnte – auch im Ausland. Provider haben daran wenig Interesse. Darum haben sie die Einführung von eSIM-Karten bislang nicht wirklich gefördert.

Swisscom schrieb, dass die Entscheidung für oder gegen eine eSIM-Karte bei den Geräteherstellern liegt. Könnten diese nicht einfach Geräte ohne physischen SIM-Kartenzugang entwickeln?
Ja, allerdings pflegen sie enge Beziehungen zu den Telekom-Providern, mit denen sie es sich nicht verscherzen wollen. Die Kontakte sind für Apple wichtig für die Lancierung neuer Modelle. Besonders zeigt sich das beim iPad: Hier hat Apple seit 2016 zwar eine Cellular-Option integriert - also die Möglichkeit für eine eSIM. Es gibt aber ebenfalls einen Slot für physische SIM-Karten. Beim iPhone haben sie sich bis jetzt nicht getraut, von der physischen SIM-Karte abzusehen.

Gelingt Apple nun mit der Apple Watch endgültig der Durchbruch?
Apple ist bereits der grösste Smartwatch-Anbieter der Welt. Wenn man die Verkaufszahlen mit jenen des iPhones vergleicht, ist die Apple Watch noch nicht so erfolgreich. Ich denke auch nicht, dass die autarke Telefon-Variante den Durchbruch bringen wird. Andererseits muss Apple seine Produkte weiterentwickeln. Mit der Apple Watch spielt der Konzern auf Zeit: Auch die ersten iPhones verkauften sich nicht besonders gut, es brauchte einige Generationen, um richtig Erfolg zu haben. Bei der Apple Watch dürfte man auf einen ähnlichen Verlauf spekulieren.

*Jean-Claude Frick ist Digital- und Telekom-Experte beim Vergleichsportal Comparis.

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