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Mit dieser App kommunizieren Terroristen

Telegram: Mehr als 100 Millionen Menschen nutzen den Dienst.  CC/Flickr

Sie verschlüsselt Nachrichten oder Videos und kooperiert kaum mit den Behörden: Telegram findet daher auch bei Dschihadisten Anklang. Wer und was hinter dem verschwiegenen Unternehmen steckt.

Veröffentlicht 03.08.2016

Sie gilt bei Geheimdiensten und Sicherheitsexperten als bevorzugtes Kommunikationsmittel von Dschihadisten: Die App Telegram, mit der Handynutzer verschlüsselte Nachrichten an einzelne Kontakte oder ganze Gruppen schicken können.

Schon mehrfach hat sich herausgestellt, dass Attentate mit Hilfe des Mitteilungsdienstes vorbereitet wurden – wie zuletzt der Mord an einem französischen Priester in der Normandie. Einer der 19-jährigen Täter von Saint-Étienne-du-Rouvray verschickte kurz vor der Tat Botschaften, in denen von einer «Kirche» und einem «Messer» die Rede war.

Unrühmliche Auszeichnung

In Brasilien wurden zudem vor einigen Tagen zehn Männer festgenommen, die Anschläge während der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro vorbereitet haben sollen, die am Freitag beginnen. Auch diese Verdächtigen sollen nach Angaben der Polizei per Telegram und Whatsapp kommuniziert haben.

«Die Nutzung von Instant-Messenger-Diensten durch Islamisten beziehungsweise Dschihadisten ist auch in Deutschland kein Novum», sagt dazu eine Sprecherin des Verfassungsschutzes. Der Chef des französischen Inlands-Geheimdienstes DGSI, Patrick Calvar, nannte Telegram erst kürzlich «das wichtigste von Terroristen genutzte Netzwerk». Zugleich forderte er internationale Übereinkünfte, um mit der Verschlüsselungstechnik umgehen zu können.

Zusammenarbeit schwierig

Wer über Telegram Nachrichten, Bilder oder Videos teilt, dem garantieren die Anbieter eine vollständige Verschlüsselung. Dies ist inzwischen auch bei Whatsapp üblich. Wollen Geheimdienste auf solche Botschaften zugreifen, benötigen sie den richtigen Code oder müssen Zugang zum Computer oder Handy des Versenders haben.

In der Kritik stehen die Telegram-Macher, weil sie weniger als andere Anbieter mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten. Der französische Sicherheitsexperte Gérôme Billois sagt dazu: «Twitter, Facebook und andere haben gute Beziehungen zu den Sicherheitskräften entwickelt. Sie können innerhalb weniger Stunden reagieren, während dies bei Telegram nicht der Fall ist.»

Kurz nach den Anschlägen in Frankreich vom November 2015 mit 130 Toten reagierte Telegram dann aber doch: Nach eigenen Angaben sperrte der Dienst knapp 80 Propaganda-Kanäle der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Dabei handelte es sich um Kanäle, über die sich – ähnlich wie bei Twitter – Botschaften an ein grosses Publikum schicken lassen.

Russische Brüder im Hintergrund

Telegram gibt es seit 2013. Der Messenger-Dienst wurde von den russischen Brüdern Pawel und Nikolai Durow entwickelt. Von Nikolai ist nur bekannt, dass er ein begabter Mathematiker und Programmierer sein soll.

Sein Bruder Pawel tritt dagegen als das «Gesicht» von Telegram in Erscheinung, er hat eine Facebook-Seite und postet Fotos auf Instagram. Seine Heimat Russland verliess er 2014 wegen eines Streits mit den Behörden.

Undurchsichtiges Unternehmen

Ansonsten geben sich die Gründer geheimnisvoll. Laut der Webseite telegram.org soll der Hauptsitz ihres Unternehmens in Berlin sein. Eine Adresse oder ein Impressum findet sich allerdings nirgends.

Auf einer Konferenz in den USA beschrieb Pawel Durow die Mitglieder seines Teams als «digitale Nomaden», die von verschiedenen Standorten aus arbeiteten. Laut einem Bericht der «Washington Post» verbergen sich hinter Telegram verschiedene Briefkastenfirmen.

Nicht der einzige Kommunikationsweg

Das mysteriöse Image tut der Beliebtheit der App keinen Abbruch. Zuletzt zählte der Dienst mehr als hundert Millionen Nutzer. Beliebt ist er auch in arabischen Ländern oder im Iran, wo die Behörden keinen Zugriff auf missliebige Botschaften haben sollen.

Nach Anschlägen wird immer wieder gefordert, verschlüsselte Nachrichtendienste zu schliessen. Dadurch lasse sich die Kommunikation zwischen Dschihadisten aber nicht unterbinden, betont Sicherheitsexperte Billois.

Nach den Anschlägen von Paris im November etwa habe sich herausgestellt, dass die Attentäter für ihre Absprachen auf ein ebenso banales wie weit verbreitetes Mittel zurückgriffen: Gänzlich unverschlüsselte SMS.

(sda/jfr)

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