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Valley View 
Die Food-Ingenieure vom Golden Gate

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Das Silicon Valley hat am Thema Food Gefallen gefunden: 2012 investierten Risikokapitalfirmen etwa 350 Millionen Dollar in Projekte rund um Essen und Ernährung - deutlich mehr als die Jahre zuvor.

Veröffentlicht 11.07.2014

Mit Unterstützung der Twitter-Gründer Evan Williams und Biz Stone sowie ihrer Firma Obvious Corp. ist es Beyond Meat gelungen, ein Ersatz-Hühnchenfleisch zu entwickeln, das dem Original verblüffend nahe kommt. Hampton Creek Foods – ebenfalls in San Francisco beheimatet – hat sich derweil «Beyond Eggs» einfallen lassen – eine Zutat fürs Backen, die Eigelb ähnelt, aber aus Pflanzen hergestellt wird. Für Salz finden sich auch immer mehr Alternativen, und Forscher arbeiten sogar an Fleisch, das aus dem Drucker kommt.

Allein 2012 investierten Risikokapitalfirmen aus dem Silicon Valley etwa 350 Millionen Dollar in Projekte rund um Essen und Ernährung. An der Zahl der Deals gemessen, bedeutete das einen Anstieg um 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr, berichtet der Branchendienst CB Insights. Zum Vergleich: 2008 flossen in den Food-Sektor weniger als 50 Millionen Dollar. Im Vergleich zu den 30 Milliarden Dollar, die Venture-Kapitalgeber jährlich insgesamt investieren, ist das zwar nur ein sehr kleines Stück vom Kuchen – doch die 350 Millionen reichen aus, um eine ganze Reihe von neuartigen Nahrungsmittel-Firmen zu finanzieren.


CB-Insights

Fraglos hat das Silicon Valley am Thema Food Gefallen gefunden. Neben Obvious Corp. und Khosla Ventures (den Geldgebern für Beyond Eggs) engagiert sich auch Breakout Labs in diesem Bereich – die VC-Gruppe des PayPal-Mitgründers Peter Thiel. Dazu kommen SV Angel, Kleiner Perkins Caulfield & Buyers sowie True Ventures. Auch Hollywood-Stars (Matt Damon), Football-Spieler (Tom Brady) und Privatinvestoren aus der Technikwelt (darunter Bill Gates) sind mit dabei.

Gutes Geschäft oder gute PR?

Was steckt hinter alledem? Einige Investoren sehen Startups, die Nahrungsproduktion ohne Tierhaltung verfolgen, als gute Ergänzung für ihr Portfolio: Mit ihrem Ziel, die Umwelt zu schonen, passen diese Jungfirmen gut zu Investments in Sonnenenergie oder Elektroautos – Stichwort: «Sustainability.» Andere Kapitalgeber legen den Schwerpunkt auf Gesundheit und sehen Food-Startups in einer Linie mit Fitness-Trackern und Apps zur Gesundheitsvorsorge. Und für manche steht im Vordergrund, dass neue Wege, Nahrung zu produzieren, mehr Fortschritt für die Menschheit verspricht, als sich Farming-Spiele für Facebook oder trickreiche Werbemodelle einfallen zu lassen.

Krysia Zajonc, Mitgründerin und CEO des Local Food Lab in Palo Alto, sagt dazu: «Ich glaube, Risiko-Investoren sind derzeit besonders empfänglich für Startups aus dem Nahrungssektor, weil mehrere Entwicklungen zusammenkommen: Verbraucher verlangen mehr Transparenz; es gibt mehr Aufmerksamkeit für die Verschwendung von Ressourcen im Zusammenhang mit der Nahrungsmittelproduktion; und obendrein haben viele Investoren selbst etwas erlebt, das bei Ihnen selbst – oder in der Familie, unter Freunden – zur Änderung der Essensgewohnheiten geführt hat. Es gibt also persönliche Anknüpfpunkte zu den zahlreichen Problemen im Food-Sektor, die nach Lösungen verlangen».

Ganz neu ist das Interesse der VC-Industrie an Essen und Trinken freilich nicht. Ketten wie Starbucks, Jamba Juice, P.F. Chang’s oder – in jüngerer Zeit – The Melt haben bei Risiko-Investoren Startkapital gesammelt. Dazu kommen Webseiten wie Yelp und Startups, die Mobilsoftware fürs Kochen und Schlemmen entwickeln. Doch die aktuelle Welle von Startups dreht sich eher um Jungfirmen, die Technik nutzen wollen, um Menschen zu helfen, ihr Essens- und Einkaufsverhalten zu ändern – oder sogar vorhaben, Nahrung ganz neu zu erfinden. Investoren hoffen darüber hinaus, von dem Trend zu profitieren, dass viele Menschen weniger Tierprodukte essen und stärker auf «Bio»-Zertifizierung achten.

So engagiert Khosla Ventures sich nicht nur für Hampton und die pflanzlichen Ersatz-Eier, sondern investiert auch in die Salz-Alternative von Nu-Tek Salt sowie Sand Hill Foods – eine Firma, die sich auf künstlich hergestelltes Fleisch spezialisiert. Breakout Labs unterstützt derweil Modern Meadow, deren Ziel es ist, Fleisch und Leder im Labor herzustellen. All diese Firmen bedeuten eine Herausforderung für den Rat, dass gesunde Ernährung auf möglichst abwechslungsreicher, natürlicher Nahrung basieren sollte.

  Quelle: Khosla Ventures

High-Tech bis nach Hause

Die Revolution macht vor der Haustür nicht halt. Technik schickt sich an, auch unsere Gewohnheiten beim Essen daheim und im Supermarkt zu verändern. Allen, die zu beschäftigt sind, sich selbst etwas Gutes zuzubereiten, verspricht Chefler aus San Francisco gesundes Essen frei Haus. Wer sich frische Lebensmittel aus lokalem Anbau liefern lassen möchte, kommt bei Good Eggs auf seinen Geschmack. Und Amazon-Kunden können ihre Supermarkt-Einkäufe inzwischen auch in San Francisco ins Internet verlagern: Amazon Fresh bringt ihnen Lebensmittel zeitnah nach dem Klick ins eigene Heim, genau wie zuvor schon in Seattle und Los Angeles. Amazon zielt mit dem Service auf ein heiß umkämpftes Marktsegment, um das sich auch der Google Shopping Express und eBay Now bemühen.

Dass auch Besuche im Supermarkt ganz anders aussehen können, zeigt der Local Mission Market, ein Projekt in San Franciscos «Mission District», bei dem Anhänger der Local-Food-Bewegung ganz auf ihre Kosten kommen: Alles wird frisch zubereitet oder kommt aus der unmittelbaren Umgebung (mehr dazu im Kickstarter-Video). Zudem besitzt der Mission Market eine Küche, bei der Kunden zuschauen und lernen können, wie sie aus dem, was sie einkaufen, das meiste machen. Auch Online-Shopping bietet der Markt, zur Lieferung oder eigenen Abholen. Schlangen an der Kasse gibt es nicht, denn die Kasse kommt zu den Kunden: Ähnlich wie im Apple Store stehen Mitarbeiter bereit, die mit mobilen Scannern und Kreditkartenlesern das Bezahlen einfacher machen.

Genießer auf Reisen bekommen mit Traveling Spoon ein «Local Food»-Erlebnis der besonderen Art: Die Website bringt Globetrotter mit örtlichen Hobbyköchen zusammen, die bei sich zu Hause authentische Gerichte zubereiten. Das Prinzip erinnert an Airbnb und Carsharing-Dienste wie Lyft und Uber: Alle, die mitmachen wollen, werden durch die Community bewertet, um Vertrauen aufzubauen.

Bisher konzentriert Traveling Spoon sich auf Südostasien. Nach San Francisco ist der Service noch nicht vorgedrungen; aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit. Schließlich kommt die Zukunft, auch wenn es ums Essen geht, immer öfter aus dem Silicon Valley.

 

* Christian Simm ist Gründer und CEO von swissnex San Francisco.

Mitarbeit : Birgit Coleman & Karsten Lemm.

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