Zwei Jungunternehmer aus London wollen die Art, wie Menschen ihr Geld verdienen, auf eine völlig neue Basis stellen. Mit ihrer Gratisapp fürs Smartphone werden die Schritte der Nutzer gezählt und mit sogenannten Bitwalking Dollars (BW$) vergütet. Für 10'000 gelaufene Schritte gibt es einen BW$. Das virtuelle Geld kann danach in einem Onlineshop ausgegeben oder in echte Dollars konvertiert werden.

«Wir glauben, dass jeder die Freiheit und Chance haben soll, Geld zu verdienen», schreiben die Entwickler der «neuen globalen Währung» auf ihrer Webseite. Tatsächlich zielt die App aber in erster Linie auf Bewohner der ärmsten Länder. Denn die Auszahlung ist vorerst auf drei Dollar pro Tag begrenzt. Was nach sehr wenig Geld klingt, ist beispielsweise für viele Menschen in Afrika mehr als nur ein kleines Zubrot. Diese können mit Bitwalking teilweise mehr einnehmen als mit einem Job. Doch kann die Idee wirklich funktionieren? Und was ist der Haken dabei?

Japanische Investoren glauben an die Idee

Laut einem Beitrag der britischen BBC haben die Bitwalking-Gründer Nissan Bahar und Frank Imbesi bereits 10 Millionen Dollar bei Investoren einsammeln können. Diese stammen hauptsächlich aus Japan, wo es bereits ähnliche Ansätze gibt. So kriegen etwa die Mitarbeiter in einigen Firmen wie dem Retailhändler Lawson einen Bonusgutschein, wenn sie sich gesund ernähren. Neu bei Bitwalking ist indes die genaue Überwachung der User.

Nachdem sich der Schrittzähler-Algorithmus von Google als zu ungenau und betrugsanfällig entpuppt hatte entwickelte das Bitwalking Team ein eigenes Zählsystem, das auf GPS-Daten und Wifi-Zonen basiert. Und der japanische Elektronikgigant Murata arbeitet an einem Armband, so dass die Bitwalking-Nutzer künftig kein Smartphone mehr dabei haben müssen. Mit Bitwalking verkaufe der Mensch also nicht mehr seine Arbeitskraft, sondern seine Privatsphäre, kritisiert Adrian Lobe von der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ). Bitwalking sei «im Grunde ein Total Buy-out».

Der Armut davonlaufen

Dies umso mehr, weil Bitwalking für die Menschen in Kenia und Malawi, wo die App unter anderem lanciert wird, in Zukunft die Existenzgrundlage bilden könnte. Die BBC berichtete von einem Lehrer in Malawi, der die zehn Kilometer zu seinem Arbeitsplatz jeden Tag zu Fuss geht. Mit der App würde er nach eigener Berechnung 26 BW$ im Monat verdienen und dies bei einem Monatslohn von umgerechnet ebenfalls 26 Dollar für seine Arbeit als Lehrer. Zum Start der App entspricht ein Bitwalking Dollar einem US-Dollar.

Karen Chinkwita von der Beratungsfirma Jubilee Enterprises in Malawis Hauptstadt Lilongwe glaubt an eine grosse Chance. Auch wenn die Versuchung entstehen könnte, statt zu arbeiten zu laufen, würden die meisten Leute beides tun, ist sie überzeugt. Bitwalking könnte aus ihrer Sicht einen Weg aus der Armut zeigen.

Der Bitwalking Dollar ist inflationsgefährdet

Neben ethischen Fragen gibt es auch ernste Zweifel an der tatsächlichen Tragfähigkeit der Geschäftsidee. Solange die Währung nur im Internet-Shop der Entwickler ausgegeben werden könne, sei die Gefahr gross, dass die Parität zum Dollar nicht lange erhalten bleibe, so die BBC. Und inflationäre Tendenzen könnten auch entstehen, weil die Währung schlicht zu einfach zu produzieren sei.

Überhaupt ist nicht ganz klar, wer Interesse daran haben kann, den Shop aufzufüllen oder die Menschen fürs Gehen zu bezahlen. Zwar ist Laufen gesund und fitte Arbeitnehmer sind gut für die Firmen. Ob das für die Unternehmen aber ausreicht, dass man die Währung langfristig finanzieren will, ist zumindest fraglich. Der wahre Wert liege in den geobasierten Daten wie Standorten, Laufwegen und Strecken, schreibt die FAZ. Genau diese Daten sollen aber gemäss den Entwicklern nicht verkauft werden.

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