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Valley View 
Das Geschäft mit dem Gedankenlesen

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Ob Netflix oder Google: Beide sagen vorher, was Sie wünschen, bevor Sie überhaupt danach fragen. Die datengesteuerte Wissenschaft des vorausschauenden Berechnens nistet sich in die Geschäftswelt ein.

Von Christian Simm*
31.10.2014

Amazon hat dieses Jahr ein Patent für vorhersagende Auslieferungen eingereicht. Im Grunde plant das Unternehmen, herauszufinden, was Sie wünschen, lange bevor Sie es tatsächlich bestellen. Diese Technologie ist zwar nicht komplett neu, doch die Tatsache, dass Amazon die Wünsche eines spezifischen Kunden vorhersagen möchte, ist zweifellos eine Neuheit.

Wie kann Amazon wissen, was Sie als nächstes bestellen werden? Die Antwort liegt auf der Hand, wenn Sie die jüngsten Trends mitverfolgt haben: Daten. Laut Berichten wird Amazon den Fokus darauf legen, was Sie in der Vergangenheit bestellt haben, nach welchen Produkten Sie gesucht haben, welche davon sich in Ihrem Warenkorb oder auf Ihrer Wunschliste befinden und sogar, wie lange Ihr Cursor auf einem bestimmten Produkt verweilt.

Dagegen scheint die Praxis von Netflix, zu überwachen, was sie sich in der Vergangenheit angesehen haben und wie gut es ihnen gefiel, um vorherzusagen, was Sie sich als nächstes werden ansehen wollen, weit weniger invasiv zu sein. Doch in Wirklichkeit dringt auch Netflix bis an die Grenzen dessen vor, was ein Unternehmen zu tun gewillt ist, um Einblick in Ihren Kopf zu erhalten.


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Um neue Sendungen und Filme möglichst effektiv anzupreisen, hat Netflix sich auf einen langwierigen Prozess eingelassen, den die Zeitschrift The Atlantic kürzlich offengelegt hat. Anscheinend hat Netflix jeden Film und jede Sendung in seinem Archiv auseinandergenommen, indem es Details wie Beruf und moralischer Status der einzelnen Charaktere analysiert und etikettiert hat. Mit diesem Wissen ist das Unternehmen nicht nur in der Lage, massgeschneiderte Inhalte vorzuschlagen, sondern auch originale Inhalte zu produzieren, die exakt dem Wunsch des Nutzers entsprechen. Das Resultat sind Sendungen wie die preisgekrönte Serie House of Cards.

Nur der Anfang des Gedankenlesens

Über die Nischenservices von Amazon und Netflix hinaus hat Google die Herausforderung angenommen, eine vorhersagende Technologie anzubieten, die uns rund um die Uhr begleitet: Google Now, eine Art digitaler Assistent oder Daten-Butler, wie manche es nennen.


Quelle: YouTube

Google Now wird mit Informationen aus verschiedenen Quellen gefüttert, wie Ihrer Agenda, Ihren E-Mails, Ihrem aktuellen Aufenthaltsort und weiteren. Zusätzlich zum Sammeln relevanter Daten ist Google Now in der Lage, sich Ihre Gewohnheiten zu merken, was ihm noch mehr Macht verleiht. Fühlt sich sonst noch jemand an den Film Her erinnert?

Google Now kann ihren Arbeitsweg lernen und Ihnen auf der Grundlage von Verkehrsinformationen vorschlagen, das Haus frühzeitig zu verlassen, damit Sie nicht zu spät zur Arbeit kommen.

Die Applikation passt perfekt zur Zukunft des Unternehmens, welche sich ganz um artifizielle Intelligenz dreht: eine computerzentrische Welt mit digitalen Assistenten, sich selbst lenkenden Autos sowie verschiedenen Gadgets, die sich Googles enorme Datenvorräte zu Nutze machen, die dazu bestimmt sind, uns das Leben zu erleichtern. Googles Übernahme der Smart-Sensor-Firma Nest ist ein weiterer Beweis dafür.

Doch zurück zur Vorhersage. Startups wie die in San Francisco basierten MindMeld und Cover stützen sich ebenfalls auf vorhersagendes Berechnen. MindMeld ist eine App, die Ihren Konversationen zuhört und relevante Quellen wie Websites oder Karten zur Verfügung stellt, bevor Sie danach suchen. Cover passt das Display Ihres Smartphones Ihrem jeweiligen Aufenthaltsort an, indem es etwa die Netflix-App anzeigt, wenn Sie zuhause sind oder die Salesforce-App, wenn Sie bei der Arbeit sind.


Quelle: YouTube

In der Zwischenzeit hat das Silicon-Valley-Schwergewicht Facebook kürzlich angekündigt, dass es in der Lage ist, vorherzusehen, wann zwei Personen sich auf eine Beziehung einlassen. Das Unternehmen hat zudem angefangen, mit sogenannten Context Cards zu experimentieren, die in Ihrem Mobile Feed auf Ihrem Status basierende relevante Kommentare von Freunden erscheinen lassen. «Jane mag das Club-Sandwich», würde zum Beispiel bei dem Restaurant erscheinen, in das Sie gerade eingecheckt haben.

Auch das Unternehmen Foursquare fokussiert laut dem CEO Dennis Crowley stark auf vorhersagendes Berechnen. Es kartografiert die Interessen der Nutzer, indem es Informationen darüber, welche Restaurants diese mögen, sowie über Essensgewohnheiten und –zeiten sammelt, um geeignete Vorschläge machen zu können.

Laut Fast Company werden vier Megatrends das vorhersagende Berechnen noch beschleunigen: zunehmender Gebrauch mobiler Geräte, die Allgegenwart von Sensoren, Cloud Computing, das jederzeit einfachen Zugriff auf Daten ermöglicht, und natürlich Big Data.

Ist Vorhersage ein Fluch oder ein Segen?

Vorhersagendes Berechnen scheint nicht mehr wegzudenken zu sein, doch besteht ein unausgesprochenes Problem: Zweifellos betrachten einige die beschriebenen Technologien als gravierende Verletzung der Privatsphäre. Werden diese Bedenken den Trend verlangsamen oder wird der Faktor der Bequemlichkeit obsiegen?

Gewarnt wird auch vor der Tatsache, dass wir uns unsere Wünsche und Absichten von Unternehmen vorschreiben lassen, statt dass sie sie erraten müssen. Dies komme einem Verkauf unserer Seelen nahe. Doch der Venture-Kapitalist Om Malik hält dagegen, dass diese neue Technologie-Welle uns dabei hilft, unser Leben von unnötigem Ballast zu befreien, indem die Technologie unsere Verhaltensweisen lernt und unsere Bedürfnisse antizipiert. Die meisten von uns würden zu Gunsten dieses Nutzens gern auf die Sicherheit unserer Daten verzichten, lautet das Argument.

Diese Bedenken sind stichhaltig, doch wenn vorhersagendes Berechnen tatsächlich das nächste grosse Ding ist, ergibt es für die involvierten Akteure Sinn, dafür zu sorgen, dass die neuen Technologien die Leute zufriedenstellen statt sie abzuschrecken. Google hat laut Berichten sogar ein Ethik-Komitee eingesetzt, um sicherzustellen, dass die Intelligenz-Technologie nicht missbraucht wird.

Die Schaffung dieses Komitees mag damit zusammenhängen, dass Google kürzlich die Artificial-Intelligence-Firma DeepMind übernommen hat. Führt vorhersagendes Berechnen zu Maschinen, die selber – und für uns – denken können? Vielleicht.

Doch bevor Computer Menschen ersetzen können, muss noch viel geschehen. Siri ist bei weitem nicht so menschlich wie das Operationssystem Samantha im Film Her.  Google Now schlägt Nutzern vor, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, um zu einer Adresse gleich um die Ecke zu gelangen. Diese Technologien müssen noch erheblich besser werden, wenn sie unser Vertrauen oder gar unsere Zuneigung erobern wollen.

Doch selbst wenn diese Technologien bedeutende Verbesserungen, wie zum Beispiel bessere Interfaces, erfahren, wird es möglicherweise nie soweit kommen. An der Konferenz der Stanford University zur Zukunft der Medien vom März 2014 wurde die Rolle des vorhersagenden Berechnens im Bereich des Kuratierens von Inhalten erörtert. Auch wenn das Entdecken von Inhalten zunehmend auf vorhersagendem Berechnen basieren wird, wird kein Algorithmus den Menschen je obsolet machen.

«Ein Computer kann weder Humor erkennen noch vorhersehen, ob ein Artikel viral gehen wird. Im besten Fall kann er mittels der Überwachung unserer Datenspur eine sehr genaue Annäherung entwickeln

Obwohl vorhersagendes Berechnen nicht mehr wegzudenken ist, wird der menschliche Faktor also voraussichtlich niemals ersetzbar werden. Deshalb: Nur zu, Amazon, bestelle meine nächste Lieferung; Netflix, sag mir, was ich mir als nächstes ansehen werde. Doch wer weiss, vielleicht ändere ich meine Meinung und tue etwas Unerwartetes, das Ihr Euch nie ausgedacht hättet.

* Christian Simm ist Gründer und CEO von swissnex San Francisco.

Mitarbeit : Julia Kuhn & Ramona Krucker

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