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10 Trends für die Zukunft der Medien

Tablet ersetzt Print, doch der Journalismus ist damit nicht am Ende.  Keystone

Für die Medienwelt war 2013 ein Jahr der Meilensteine: Es gab zahlreiche Neustarts digitaler Nachrichtendienste und zugleich eine Wiederentdeckung des sogenannten «Longform-Journalismus».

Von Christian Simm*
02.05.2014

Wir nahmen im zweiten Jahr in Folge an der Future of Media-Konferenz der Stanford Graduate School of Business teil, um uns ein Bild davon zu machen, was sich aktuell in der Medienszene tut und wie die Zukunft aussehen mag. Unter den Sprechern fanden sich viele prominente Branchenvertreter, angefangen beim Unternehmer und Digitalpionier Chas Edwards, Herausgeber des innovativen Pop-Up-Magazins, der nun am crossmedialen California Sunday Magazine bastelt. Die Schlussrede hielt Todd Yellin, Vizepräsident für Produktinnovation bei Netflix.

Hier 10 Einsichten und Erkenntnisse, die wir von diesem Tag mit nach Hause genommen haben:

1. Die Aufmerksamkeitsspanne reicht weiter als 140 Zeichen

Diverse Studien und Statistiken zum modernen Leseverhalten scheinen die These zu stützen, dass Nachrichten in der hektischen Welt von heute am besten in Form von Infohäppchen serviert werden sollten. Dem entgegen stehen allerdings zwei Phänomene: Longform-Journalismus und Marathon-Fernsehsitzungen – wenn etwa «House of Cards»-Fans die ganze Serie an einem Wochenende verschlingen. Beides spricht dagegen, dass wir generell unter Aufmerksamkeitsdefiziten leiden. Laut der Studie «Future of Mobile News» des gemeinnützigen Pew Research Center geben 73 Prozent aller Tablett-Besitzer in den USA an, zumindest gelegentlich Longform-Berichte zu lesen; 19 Prozent tun das sogar täglich.

2. Das Abo gewinnt neue Freunde

Zwar wartet die Medienbranche weiterhin auf ein Geschäftsmodell, das verlässlich Gewinne versprechen könnte – doch auf dem Podium gab es viele Liebesbekundungen zum digitalen Abonnement, das sich für Netflix und andere bereits bewährt hat. Gleich mehrfach wiesen Konferenzteilnehmer auch auf das Beispiel nichtkommerzieller US-Sender wie NPR und PBS hin, die sich durch Spenden und Sponsoren finanzieren und damit gut über die Runden kommen.

3. Der Wert der Marke

Neue Werbeformen, bei denen Unternehmen journalistische Beiträge sponsern oder sich unaufdringlich im journalistischen Umfeld präsentieren, werden immer beliebter und sind wohl mehr als eine vorübergehende Mode. Ed Lichty, Chefredakteur der hoch gelobten Nachrichtenplattform Medium, erklärte, die Website setze stark auf Markenbeteiligung, um populär zu werden und qualitativ hochwertige Beiträge zu finanzieren. Eine Reihe von Teilnehmern allerdings meldeten als Bedenken an, dass schon die bloße Präsenz von Markeninhalten dazu führen könne, journalistische Texte zu beeinflussen, ehe sie überhaupt geschrieben sind.

4. Alle Blicke richten sich aufs Smartphone

Das Fernsehen verliert zunehmend Zuschauer an Mobildisplays. Selbst, während wir zu Hause auf dem Sofa sitzen und fernsehen, wandert der Blick oft genug zum Smartphone, um parallel zu schauen, was Facebook-Freunde sagen und welche ergänzenden Informationen unser soziales Netzwerk zum Programm bereit hält. Die jüngste Oscars-Verleihung entwickelte zeitgleich zur Fernseh-Übertragung ein spektakuläres Eigenleben auf Twitter.

5. Das Fernsehen lebt!

Amerikaner schauen im Durchschnitt 34 Stunden Live-TV pro Woche – eine Zahl, an der sich seit Jahren wenig geändert hat. Allerdings beeinflussen Online-Dienste wie Hulu und Netflix die Art, wie wir Programme konsumieren, die ursprünglich fürs Fernsehen produziert wurden. Ist das Denken in Sendern und Kanälen damit von gestern? Dürfen wir hoffen, dass das Fernsehen uns künftig besser kennt und es uns leichter macht, Programme zu finden, die wir sehen möchten? Auch wenn noch unklar ist, wie dieses Medium sich genau wandeln wird, sicher ist, dass auf das Gerät in unserem Wohnzimmer große Veränderungen zukommen.

6. Grösser, lauter, bunter

Ereignisse wie die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton werden von der neuen Medienlandschaft noch verstärkt und hallen länger nach, da Nutzer jederzeit die Möglichkeit haben, Inhalte ganz nach Wunsch abzurufen – wo sie wollen, wie sie wollen, wann sie wollen.

7. Journalismus, der ins Detail geht

In seiner Eröffnungsrede betonte Chas Edwards, fesselndes Erzählen verlange auch, Informationen zurückzuhalten und nur gezielt preiszugeben, statt alle wichtigen Informationen gleich in den ersten hundert Worten unterzubringen, wie im Nachrichtenjournalismus üblich. Bestes Beispiel? Die enorm populäre Multimedia-Reportage «Snow Fall» der New York Times, die 2013 einen Pulitzer-Preis gewann.

8. Algorithmen ersetzen keine Experten

Führende Redakteure von Flipboard, Quora, Medium und LinkedIn räumten ein, dass sie trotz aller Automatisierung, durch die kuratierte Mediendienste erst möglich werden, ohne menschliche Hilfe doch verloren wären. Denn nur Menschen bringen das nötige Einfühlungsvermögen und den Sinn für Humor mit, um einzuschätzen, wie sehr ein Beitrag andere Menschen bewegen oder begeistern kann.

9. Sozial sein, Klicks sammeln

Netzwerke können bisweilen besser helfen, Besucherzahlen zu steigern, als Suchmaschinen. Verlage und Website-Betreiber sollten hochwertige Inhalte produzieren und gezielt soziale Medien nutzen, um Leser zu finden, argumentierten Experten bei mehreren Podiumsdiskussionen.

10. Das Persönliche in den Datenfluten

Netflix-Manager Todd Yellin führte uns ein ums andere Mal vor Augen, wie die Firma pausenlos nach neuen Wegen sucht, ihr zahlendes Publikum zu begeistern und zum aktiven Nutzen von Netflix anzuregen. Jede Produktidee, jede Innovation ist das Resultat ausgiebiger Daten-Analysen – nicht der subjektiven Meinung einzelner Mitarbeiter.

* Christian Simm ist Gründer und CEO von swissnex San Francisco. Mitarbeit : Florencia Prada & Ramona Krucker.

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