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Kino 
Eine Fallstudie über den korrupten Kapitalismus

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Szene aus «A Most Violent Year»: «I got money, I got Jesus, I got America»  Studio

Brooklyn kann sehr kalt sein: Ein Mann will nach oben, aber nicht um jeden Preis. «A Most Violent Year» sieht aus wie ein Gangsterfilm und zeigt dabei die Unvereinbarkeit von System und Charakter.

Kommentar  
Von Hanns Georg Rodek
2015-04-10

Wenn Jeffrey McDonald Chandor, Künstlername J.C. Chandor, einmal so berühmt sein wird, wie er es jetzt bereits zu sein verdient, sollte man seine drei ersten Filme vielleicht in dieser Reihenfolge ansehen. Zuerst «A Most Violent Year», in dem sich binnen drei Tagen entscheidet, ob ein junger New Yorker Unternehmer den steilen Weg nach oben oder den in die Pleite geht. Dann «Margin Call», wo sich innerhalb einer Nacht entscheidet, ob eine Grossbank abstürzt oder ihre Konkurrenten aussticht. Und schliesslich «All is Lost», worin sich in 48 Stunden entscheidet, ob ein Manager, der alles erreicht hat, von seinem Segeltrip lebendig oder gar nicht zurückkehrt.

Dieser Regisseur, über dessen Biografie so wenig bekannt ist, dass kaum einer wenigstens weiss, wofür die Initialen stehen, besitzt ein gar seltenes Talent. Amerikanische Regisseure können, um mal zu verallgemeinern, spannende Filme mit banalen Dialogen; europäische Filmemacher können intelligente Dialoge, die eher unspannend sind. Chandor kann beides. «A Most Violent Year» läuft unter dem Aufkleber Actionthriller. Das ist eigentlich ein Etikettenschwindel, denn es gibt kaum Action, gerade zwei oder drei Sequenzen.

Jede Szene führt zu einem Gespräch

Die längste ist eine Verfolgungsjagd; unser Held, ein Speditionsunternehmer, fährt im Mittelklasse-Mercedes einem seiner Tankwagen hinterher, der von Unbekannten entführt worden ist. Am Ende stellt er den Entführer, wirft ihn zu Boden und setzt ihm die Pistole aufs Auge, damit er den Auftraggeber verrät. Doch er schafft es, nicht abzudrücken und lässt den Handlanger laufen. Die Bank und deine Frau sind deine Feinde Mehr Action ist nicht. Selbst am Ende dieser Szene steht der Dialog oder zumindest der Versuch, einen zu führen. Besieht man die Konstruktion von «A Most Violent Year» genauer, führt eigentlich jede Szene zu einem Gespräch von zwei oder mehreren Personen.

Und Chandors Meisterschaft besteht darin, mit jedem Dialog die Spannungsschraube anzuziehen. Abel Morales, so heisst sein Held, hat eine Anzahlung auf ein Industriegelände in Brooklyn geleistet, und in Kürze muss er die Gesamtsumme aufbringen. Immer wieder werden seine LKWs, mit denen er Öl zum Endverbraucher bringt, entführt und geleert. Der Staatsanwalt hat sein Unternehmen wegen Steuerhinterziehung im Visier. Die Bank beginnt, an seiner Firma zu zweifeln. Und seine Frau macht ihm die Hölle heiss, weil sie die Familie von Unbekannten bedroht fühlt. Es sind viele Stellschräubchen, an denen Chandor genüsslich justiert, immer eine Viertel- oder halbe Umdrehung.

Das gewalttätigste Jahr in der jüngeren Geschichte New Yorks

Wir befinden uns im Jahr 1981 – laut Statistik das gewalttätigste Jahr in der jüngeren Geschichte New Yorks –, und Abel Morales ist Latino, steht also auf der untersten Sprosse der Einwanderer. «Seit Langem hat es im amerikanischen Kino keine Frauenrolle mehr gegeben, die im Lauf eines Filmes derart wächst, bis sie am Schluss die alles entscheidende ist.» Chandor zeichnet die soziale Hackordnung hoch präzise. Die weisse Oberschicht kommt in diesem heruntergekommenen Teil von Brooklyn gar nicht vor. Das Industriegelände gehört orthodoxen Juden, weil die am längsten vor Ort sind. Das Fuhrgeschäft ist in den Händen italienischer Einwanderer. In der Stadtverwaltung versuchen gerade ein paar Schwarze den Aufstieg, darunter der ehrgeizige Staatsanwalt. Und geheiratet hat Abel in eine italienische Familie, vermutlich Mafia.

«Soll ich meine Brüder darauf ansprechen?», fragt seine Frau, nachdem ein nächtlicher Überfall abgewehrt ist. Das ist weniger ein Angebot als eine Drohung: Wenn du uns auf deine Weise nicht schützen kannst ... Abel Morales ist ein amerikanischer Held, der mit ungeheurer Energie und Zielstrebigkeit an dem arbeitet, was die Amerikaner am besten könnten: ein Business aufbauen. Abel Morales ist aber auch ein unamerikanischer Held, weil er sich mit aller Macht gegen Gewalt wehrt. Er will seine Fahrer nicht mit Waffen ausrüsten, er explodiert, als er eine Pistole bei seiner Frau entdeckt.

Kapitalismus-Kapitäne

«A Most Violent Year» ist eine Fallstudie über den unausweichlichen Zusammenhang von Aufstieg, Korruption und Gewalt im amerikanischen Kapitalismus. Abel Morales hat das Zeug zu einem Rockefeller, aber noch behindern ihn moralische Massstäbe. In zwanzig Jahren könnte er wie John Tuld sein, der oberste Boss in "Margin Call", der seine Bank mit allen Mitteln retten will, auch wenn er Tausende Kleininvestoren ruiniert. Und in vierzig Jahren könnte er der namenlose Einhandsegler von «All is Lost» sein, der alle Businesskämpfe ausgefochten hat und zu seinem letzten Kräftemessen antritt, dem mit der Natur. Jeremy Irons und Robert Redford waren die beiden ersten von Chandors Kapitalismus-Kapitänen, doch Oscar Isaac – Sohn kubanischer und guatemaltekischer Einwanderer, bekannt geworden als «Llewyn Davis» bei den Coens – ist noch überzeugender, weil er kein fertiger Charakter ist und man ihm richtiggehend ansieht, wie ihn der Druck von allen Seiten formt und verformt, gegen seinen Willen.

Man könnte in Chandor einen Erforscher moderner Maskulinität vermuten – gäbe es nicht auch die Rolle der Anna Morales. Jessica Chastain spielt sie, mit einer ähnlichen verborgenen Härte wie ihre Bin-Laden-Jägerin in «Zero Dark Thirty», die hier aber gepaart ist mit einem latenten Hunger nach Sex, nach Aufstieg, nach Luxus. Seit Langem hat es im amerikanischen Kino keine Frauenrolle mehr gegeben, die im Lauf eines Filmes derart wächst, bis sie am Schluss die alles entscheidende ist. I got money, I got Jesus, I got America Der Film ist der grosse Übersehene der amerikanischen Preissaison mit gerade einer Golden-Globe-Nominierung für Chastain. Dafür sind seine Qualitäten nicht schaustellerisch genug. Zum Beispiel geht einem erst im Laufe des Films auf, dass Chandor auf ein unverzichtbares Element des amerikanischen Mainstream-Kinos verzichtet: auf die Musik, die einem jede Sekunde vorsagt, was wir empfinden, ob wir uns auf- oder abregen sollen.

Töne, die leicht die Stimmung verstärken

Ganz im Hintergrund, hinter den Dialogen und sogar noch hinter den Geräuschen, liegen zuweilen ein paar Töne, die aber nur leicht die Stimmung verstärken; ansonsten vertraut Chandor vollkommen auf seine Figuren und deren Worte. Erst unter dem Abspann singt der Liedermacher Alex Ebert – Enkel von Carl Ebert, Max-Reinhardt-Schüler und Intendant der Deutschen Oper in Berlin – einen Song: «I got money, I got Jesus, I got America». Wir sind jetzt schon gespannt auf J.C. Chandors nächste Obduktion amerikanischen Unternehmertums: auf «Deepwater Horizon», den ersten Film über die schlimmste Ölpest aller Zeiten im Golf von Mexiko.

 Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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