Auf der Autobahn zwischen Winterthur und Zürich winkt ein Mann um die fünfzig aus seinem Passat. Er überholt absichtlich langsam – sein Daumen ist nach oben gerichtet. Der Mann hat sichtlich Freude an meinem fahrbaren Untersatz und er ist nicht der Einzige. Wenn man mit dem Tesla an eine Kreuzung rollt, spürt man die neugierigen Blicke der Fussgänger an der Ampel. Auf dem Parkplatz wird der Wagen fotografiert und bewundert. Der Fahrer wird so zwangsläufig zur Auskunftsperson – und quasi vom Testfahrer zum Autoverkäufer. So blieb es die ganze Woche. Wer einen Tesla fährt, bekommt Aufmerksamkeit und weckt Interesse.

Das genau will auch der Hersteller aus den USA. Er sieht den Wagen als coole Konkurrenz zur Mercedes S-Klasse, der 7er-Reihe von BMW oder dem Panamera von Porsche. Doch während diese Autos gurgelnd, schluckend und tief brummend vom Parkplatz rollen, macht sich der Tesla auf leisen Sohlen davon. So schön das ist. Schon bald wird dem Fahrer klar – hier ist erhöhte Vorsicht geboten. Der Mensch ist auf Motorengeräusch konditioniert, der Tesla ist lautlos. Er ist plötzlich da.

Sportlicher Elektroantrieb

Auch sonst überrascht der Wagen. Der Tesla hat eine unglaubliche Beschleunigung. Ob von null auf 30 Kilometer oder von 100 auf 120 Kilometer – die laut Fahrzeugausweis 262 PS lassen die Insassen tief in den Sitz sinken. Das für Automatikgetriebe typische Ruckeln beim Schalten sucht man beim Tesla vergebens. Der Wagen gleitet stufenlos durch die Geschwindigkeiten. Nimmt man den Fuss vom Gas (oder besser vom Strom) setzt sofort das Energie-Rückgewinnungssystem ein und bremst sauber ab.

Das Ganze hat einen Nachteil. Bei sportlicher Fahrweise sind die Hinterreifen wegen der starken Kraftübertragung nach 6000 bis 8000 Kilometer abgefahren. Bei rund 500 Franken pro Pneu läppert sich sportliches Fahren beim Tesla zusammen.

Das Problem mit der Reichweite

Die Fahrweise wirkt sich direkt auf die Reichweite der Batterie aus. Auch die Aussentemperatur hat einen Einfluss auf den Aktionskreis des Autos. Ist es kalt, muss der Wagen die Batterie erst aufheizen. Über eine App auf dem Smartphone kann dieser Vorgang jedoch schon vor dem Abfahren gestartet werden, solange der Wagen in der Garage oder am Standplatz noch am Strom hängt. Je nach Akku hat das Auto eine Reichweite von rund 350 bis 450 Kilometer. 

Zum Tempobolzen ist der Tesla nicht gemacht. Um die Reichweite hoch zu halten, werden Geschwindigkeiten zwischen 90 bis 110 Kilometer empfohlen. Bei den meisten Gesprächen mit Passanten wird bei diesem Punkt das Gesicht verzogen. «Für was brauche ich so ein Wagen, wenn ich dann nur 100 fahre?» Ein berechtigter Einwand.

Auch eine Nervensache

Tesla-Fahren ist eben anders. Tesla-Fahren heisst entschleunigen, Cruisen und die Herausforderung aus dem jetzigen Ladestand noch das Maximum herauszupressen. Das ist angenehm, spannend, aber zugegebenermassen auch eine Nervensache. Denn Ladestationen findet man nicht um jede Ecke.

Die Ladestationen sollten mit 32-Ampere-Dosen versehen sein. Dann kann im Schnelllade-Modus Strom getankt werden. Das dauert im Idealfall 3,5 bis 4,5 Stunden. Beim HZ-Alltagstest hing der Wagen von Donnerstagabend bis Samstagmorgen an der 6-Ampere-Küchensteckdose. Knappe 200 Kilometer kamen neben einer unterkühlten Küche hinzu, weil das Ladekabel durchs leicht geöffnete Fenster nach draussen geführt werden musste. Zu welchem Preis getankt wurde, ist noch offen.

Heikle Ablenkung

Steigt man in den Tesla ein, zieht ein grosses Display die Aufmerksamkeit auf sich und lässt den Fahrer kaum mehr los. Über den Touchscreen lassen sich die Funktionen des Autos steuern und einstellen. Ein Navi zeigt einem den Weg, die Verbrauchanzeige errechnet permanent wie weit der Strom noch reicht, das Mediacenter spielt FM, DAB und Internetradio oder lässt sich vom Smartphone Musik zuspielen und zeigt die Titel mit CD-Cover an. Über einen Webbrowser lässt sich im Internet surfen. Das ist nicht unproblematisch. Die Bedienfelder für Klimaanlage, Lüftung und so weiter sind für Menschen ohne Adleraugen ziemlich klein geraten.

Ein wirklich grosses Manko hat der Wagen aber – zumindest für Schweizer Kunden. Er ist schlicht zu gross. Im Alltagstest musste in einem Parkhaus in Zürich 20 Minuten gewartet werden – bis zwei Parkfelder frei waren. Es war unmöglich, das fast 5 Meter lange und 2 Meter breite Auto in eine einzige Lücke zu stellen. Der Tesla ist denn auch 17 Zentimeter breiter als die S-Klasse von Mercedes. Auch auf dem Parkplatz einer Coop-Filiale ragte das Heck weit über das Parkfeld hinaus. (So kam es dann auch, das ein Stück der roten Farbe im Parkhaus zurückblieb - was wohl nicht die Schuld des Tesla, als vielmehr jene des nicht auf Grosswagen geübten Fahrers war.)

Hinten ist es ziemlich ungemütlich

Trotz seiner Länge sinkt das Dach des Tesla gegen die Rückbank zu stark nach unten. Wer hinten sitzen muss, hat schnell Mühe und stösst mit dem Kopf oben an. Zudem ist die Rückbank sehr tief angebracht, so dass der Hüft-Knie-Winkel stark nach oben zeigt. Das ist unangenehm.

Dennoch: Nach einer Woche im Tesla wird der Testfahrer das Gefühl nicht los, wohl mit dem Auto der Zukunft gefahren zu sein. Fehlt nur noch, dass der Tesla fliegen kann. Nur die hohen Kosten von rund 110'000 Franken für die getestete rote Version mit Glasdach holen einen schnell wieder auf den Boden der Realität zurück.

Anzeige
Anzeige