Auf dem Genfer Autosalon steht ein Wagen im Mittelpunkt, den es dort gar nicht zu sehen gibt: Apples iCar. Die Gerüchte über Pläne des IT-Giganten aus dem Silicon Valley für ein Elektroauto haben die Branche schon im Vorfeld der wichtigen Branchenmesse in den Bann gezogen.

Wenn sich die Hersteller und ihre Lieferanten ab nächster Woche am Genfer See treffen (5.-15. März), wird dieses Thema die Gespräche an den Messeständen beherrschen. Denn mit Apple läuft sich ein neuer Wettbewerber warm, dem Experten zutrauen, die Automobilindustrie aufzumischen.

Autobauer unter Druck

Die Hinweise, dass Apple an der Entwicklung eines Autos arbeitet, hatten sich in den vergangenen Wochen verdichtet. Solche Pläne grosser IT-Konzerne setzen die traditionellen Autobauer gehörig unter Druck. Denn der Elektro-Antrieb und die Vernetzung der Fahrzeuge gelten als Zukunftsgeschäft in der Branche.

«Die Gefahr ist, dass die etablierten Auto-Hersteller in der Wertschöpfungskette zurückfallen und zu Zulieferern werden», sagt Stefan Bratzel, der das Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach leitet. Da die Software durch die zunehmende Vernetzung immer wichtiger wird und diese vor allem von Technologiefirmen kommt, könnten die Autobauer zu Lieferanten für die Hardware degradiert werden, also von Karosserien und Fahrgestellen.

Autobauer reden die Konkurrenz klein

Angesichts dieser Gefahr sehen sich Spitzenvertreter der deutschen Autohersteller genötigt, die neue Konkurrenz kleinzureden: «Angst haben wir nicht. Bei der Digitalisierung im Fahrzeug und dem Bedienkomfort ist Apple ein Wettbewerber. Was Autos betrifft, sicher nicht», sagte VW-Chef Martin Winterkorn dem «Stern».

Auch Daimler -Chef Dieter Zetsche gab sich entspannt. Ihm bereiteten die Pläne keine schlaflosen Nächte. «Ich würde es für wahrscheinlicher halten, dass es bei Apples mutmasslichen Autoplänen nicht so kommt, wie es heisst", sagte er dem «Handelsblatt».

Grösserer Einfluss als Tesla

Bratzel traut Apple zu, nach iPhone und iPad auch einen Wagen mit anspruchsvollem Design und einer neuen Funktionalität auf den Markt zu bringen. «Das ist für die Automobilhersteller eine noch viel stärkere Bedrohung als Google», sagt der Autoexperte. Die Test des Suchmaschinenriesen Google mit selbstfahrenden Autos hatten der Branche bereits vor Augen geführt, dass sie die neuen Wettbewerber ernst nehmen muss.

«In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird durch Big-Data und autonomes Fahren nichts sein wie bisher», prognostiziert Bratzel. Er schätzt den Einfluss von Apple und Google grösser ein als den von Tesla. Der Elektroauto-Pionier hat mit dazu beigetragen, dass die etablierten Autobauer die Elektromobilität nun intensiver angehen. «Das liegt daran, dass die IT-Industrie durch Sensoren, Kamerasysteme und Fahrerassistenzsysteme mit der Automobilindustrie zusammenwächst.»

Kommt die Mobilitätskarte?

Experten erwarten, dass sich die Geschäftsmodelle der Autobauer in den nächsten Jahren verändern werden. Bereits jetzt ist der Besitz eines eigenen Autos für viele Menschen in Grossstädten nicht mehr so wichtig. Sie nutzen lieber Carsharing-Angebote oder mieten sich einen Wagen für kurze Zeit. Darauf stellen sich Daimler und BMW bereits ein, indem sie solche Dienste ebenfalls anbieten.

Die IT-Unternehmen sind mehr an den Daten ihrer Kunden interessiert, aus denen sie Angebote für weitere Geschäfte schöpfen können. Bratzel glaubt, dass es künftig Mobilitätskarten geben wird. Damit könnten sich Kunden je nach Bedarf bestimmte Fahrzeugarten buchen. Für den Einkauf ein Stadtauto, für den Kurzurlaub einen Familien-Van und für die Spritztour einen SUV. «Das ist eine Vision, die in Richtung von Apple und Google geht.»

Denkbar sei, dass neben der Mobilität auch andere Dinge auf der Karte angeboten würden. «Wenn ich bestimmte Routen fahre, oder bestimmte Dinge buche, bekomme ich etwas dafür anderes günstiger.» Ein eigenes Auto sei dafür nicht nötig. «Langfristig wird der Fahrzeugbesitz das, was er am Anfang einmal war: Ein Luxus- und Freizeitvergnügen.»

Auf Genfer Autosalon noch Zukunftsmusik

Auf der Messe am Genfer See sind solche Angebote noch Zukunftsmusik. Dort rollen die Hersteller immer mehr so genannte Crossover-Fahrzeuge ins Rampenlicht. Das sind Mischungen aus Geländewagen, Kombis, Coupés und Stadtautos. Damit versuchen die Hersteller, jede erdenkliche Nische zu besetzen, um in einem gesättigten europäischen Markt den Absatz zu steigern. Kleine SUV sind sehr beliebt beim Massenpublikum, ein Fünftel aller Neuanmeldungen in Deutschland waren nach Berechnungen des CAR-Instituts an der Uni Duisburg-Essen im vergangenen Jahr Fahrzeuge dieser Bauart.

Mit dem Begriff «Crossover» schaffen die Hersteller eine Marketing-Alternative zum SUV, der für viele den Beiklang von «Spritsäufer» hat. Dabei ist es den Käufern häufig egal, ob die Stadtflitzer auf Stelzen mehr Treibstoff brauchen als herkömmliche Kompaktautos oder Kleinwagen, von denen sie abstammen.

(reuters/ccr)

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