Ich sage es mit zunehmendem Alter immer seltener – aber jetzt muss es ­wieder mal raus: Ich bin verliebt. Diese prallen Kurven! Die puristischen Heckleuchten! Die perfekt integrierte Abrisskante am Heck (Maserati und Aston Martin, bitte nachmachen)! Der Mercedes ist eines der schönsten Autos, die ich je gefahren bin; gross und mächtig, zugleich sportlich-sehnig, kein Sprinter, auch kein Kugelstös­ser – sondern einer dieser gross gewachsenen deutschen Diskuswerfer. Dieses S-Klas­se-Coupé, prophezeie ich, avanciert zum Klassiker.

Auch die Umbenennung tut dem Auto gut. Seine Vorgänger trugen noch den Namen CL und waren tendenziell bei ­Unternehmerpersönlichkeiten beliebt, deren Mitarbeiterinnen zur Ausübung ihrer Arbeit keine oder möglichst knappe Kleidung benötigen. Aus dieser Nische hat sich das neue Coupé verabschiedet – es passt wie ein gut geschnittener Massanzug.

Kostspielige Handarbeit

Auch der Preis fühlt sich nach kostspieliger Handarbeit an; ein vergleichbar motorisiertes Allradcoupé der BMW-6er-Reihe kostet 40'000 Franken weniger. Aber Mercedes («das Beste oder nichts») zielt mit dem S-Coupé eher in Richtung Bentley, Aston Martin oder Porsche Panamera. Hier sind die Stuttgarter preislich auf Augenhöhe.

Dafür liefern sie vier schicke Einzelsitze und einen Kofferraum, der diese Bezeichnung verdient, satte Leistung und unproblematische Strassenlage. Die Beschleunigung erfolgt schnell, aber nicht hastig – es reist sich ruhig im Benz, selbst bei maximalem Anpressdruck aufs Gaspedal. Gut zwei Tonnen Leergewicht und ein Bataillon elektronischer Fahrhelfer sorgen für Besonnenheit im Antritt.

State of the Art

Anerkennung verdient auch der Innenraum. Lieblose Einrichtung war jahrelang eine Schwäche der Sternenkreuzer, heute ist sie State of the Art: ­hervorragende Sitze, edle Materialien, alle Schalter mit einer gewissen Selbstverständlichkeit platziert – nichts von der asymmetrischen, erkennbar «designten» BMW-Mittelkonsole oder dem unterkühlten Audi-Technizismus. Extrapunkte gibt es für die idiotensichere, ­intuitive Bedienung und für die schlaue Ablage in der Mittelkonsole, die sich nicht nach hinten, sondern seitlich öffnet, zum Fahrer hin. Wahlweise aber auch zum Beifahrer. Mehr davon!

Übrigens sind die interessantesten Frauen (vermutlich auch Männer) meist nicht die perfekten, sondern die leicht verstörenden. Das gilt auch für Autos: Die seltsamen Linien («Flowing Lines») auf dem Holzdekor irritieren genauso wie die Glitzerpunkte im Kühlergrill. Aber das lässt sich verschmerzen – so lange, bis eine schönere Schönheit kommt. Sorry: eine interessantere.

Mercedes S 500 4Matic Coupé
Antrieb: V8-Ottomotor, Allrad
Leistung: 335 kW (455 PS)
Vmax: 250 km/h (abgeregelt)
Beschleunigung: 0–100 km/h: 4,6 s
Verbrauch: 9,9 Liter (Super 95)
Preis: ab 169'400 Franken

 

*Dirk Ruschmann fährt seit 25 Jahren Auto. Seine intensive Karriere als Lastwagenchauffeur im Militär zahlt sich noch heute beim Parkieren aus.

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