1. Home
  2. Lifestyle
  3. Auto
  4. Auto mit «Jöö-Effekt»: Kult um Schweizer E-Isetta ist riesig

Knutschkugel 
Auto mit «Jöö-Effekt»: Kult um Schweizer E-Isetta ist riesig

Es ist die batteriebetriebene Auferstehung der legendären Isetta: Der E-Flitzer heisst Microlino, und er wird tatsächlich gebaut – von einer Schweizer Firma. Bereits jetzt ist der Andrang riesig.

Von Gabriel Knupfer
2017-05-11

Von 1955 bis 1962 baute der Autohersteller BMW das kultige Rollermobil Isetta – im Volksmund «Knutschkugel» genannt. Das kleine Gefährt mit der Kühlschranktür wurde zu einem Symbol des deutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit. Das herzige Äussere, der geringe Verbrauch und nicht zuletzt der Preis machten das Lizenzprodukt aus Italien zum grossen Verkaufsschlager.

Kein Wunder gab es seit dem Produktionsende immer wieder Versuche das Auto wiederzubeleben. Das jüngste Revival der Isetta stammt aus Zürich und soll den Wagen als Elektroversion zurück auf die Strassen bringen. 2016 zeigte Wim Ouboter, Chef und Gründer des Trottinett-Herstellers Micro Mobility Systems, den Prototypen am Genfer Autosalon. Der PR-Gag kam dermassen gut an, dass Ouboter mit dem Auto Ende 2017 in Serie geht.

Partner Tazzari

Um den Markt zu testen habe man in Genf eine unverbindliche Reservationsliste geführt, sagt Oliver Ouboter, Sohn des Gründers und Marketingverantwortlicher bei Micro. «In wenigen Tagen erhielten wir 500 Vorbestellungen.» Offensichtlich war die Nachfrage da. Kurz darauf tat sich Micro mit dem italienischen Elektroauto-Hersteller Tazzari zusammen, der im Joint Venture für die technische Umsetzung zuständig ist.

Den Prototypen hatten die Ouboters noch in China herstellen lassen. Doch die technische Umsetzung liess zu wünschen übrig. Das ist nun anders: «Mit Tazzari haben wir einen Partner gefunden, der sich auf die Entwicklung von Elektroautos spezialisiert hat», sagt Ouboter. «Sie können uns sagen, was möglich ist.» Auch die Produktion soll bei Tazzari in Imola stattfinden.

Schweiz und Deutschland

Bisher sind 3100 Reservierungen eingegangen. Alleine in der vergangenen Woche hätten rund 200 Kunden eine Vorbestellung gemacht, so Ouboter. Bis zum Produktionsbeginn sollen es 5000 werden. Und dies ist erst der Anfang. Viele weitere Interessenten würden noch zögern, solange sie keine Testfahrten machen können, sagt Ouboter. Dies dürfte sich im nächsten Jahr ändern.

Bisher wird ein Preis von 12'000 Euro (etwa 13'000 Franken) angestrebt. Dabei wird man laut Ouboter stark auf den Direktverkauf in der Schweiz und in Deutschland setzen. Hier gibt es die meisten Vorbestellungen. 1000 Reservierungen stammen aus der Schweiz und sogar 1500 aus Deutschland. Das sind auch die Länder, wo Micro auf Messen präsent war und in denen Medien über den Microlino berichteten. Etwas überraschend seien dagegen die 200 Bestellungen aus den USA, so Ouboter.

Vier Stunden Ladezeit

Der Microlino ist ein Quadricycle, eine Mischung aus Auto und Motorrad, wie der Renault Twizy. An einer normalen Steckdose kann das kleine Auto in vier Stunden aufgeladen werden, an einem Schnelllader dauert es weniger als eine Stunde. Die Reichweite im Stadtverkehr soll 100 bis 120 Kilometer betragen – das ist ausreichend für die meisten Pendler und viele andere Fahrten im Alltag.

Ohne Akku wiegt der Microlino 450 Kilogramm. Die Batterie ist im Boden des Fahrzeugs verbaut und wiegt nochmals zwischen 70 und 80 Kilogramm. Der Vorteil: Durch den tiefen Schwerpunkt wird die Bodenhaftung gegenüber der kippfreudigen Isetta stark verbessert, bestätigt Ouboter. Zudem sind der vordere und hintere Radstand breiter als beim Original. «Der Microlino wird gut Kurven fahren.»

«Jöö-Effekt»

Die ersten Auslieferungen sind Anfang 2018 geplant. Zu den Erstkunden dürften auch viele Frauen gehören. Etwa die Hälfte der Bestellungen dürfte von oder für Frauen sein, schätzt Oliver Ouboter. Vater Wim Ouboter sagte schon 2016: «Wir kommen wahnsinnig gut an bei Frauen.» Der Grund? Frauen seien einfach vernünftiger als Männer. Sohn Oliver hat eine weitere Erklärung: «Hier spielt sicherlich der Jöö-Effekt».

Das Interview mit Wim Ouboter am Autosalon 2016: