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Rallylegend 
Als Beifahrer von Latvala: Ein himmlischer Albtraum

Als Beifahrer von Latvala: Ein himmlischer Albtraum
Abflug: Auf der Kuppe hebt der VW Polo R WRC effektvoll ab.Kräling Bildagentur, Löwisch

Die Rallylegend ist ein toller Event in 
San Marino. Für den Beifahrer von Vizeweltmeister Jari-Matti Latvala allerdings verschwimmt dabei die Grenze zum Wahnsinn, nicht nur wegen 
des Dauerregens.

Von Roland Löwisch
2016-10-04

Die einen sagen, das ganze Leben ziehe an einem vorbei, wenn man sich nah an der Grenze zum Jenseits fühlt. Die anderen behaupten, man würde in grelles Licht treten. Mit Verlaub: alles Blödsinn. Lassen Sie sich sagen: Man guckt in ein schwarzes Loch und fragt sich, wie man nur in diese ­Situation geraten konnte. Jedenfalls dann, wenn man Beifahrer von Jari-Matti Latvala ist.

Dabei ist der Moment höchst irdisch: Der Mann ist aktuell Vize-Rallyeweltmeister, und wir sind in San Marino, Gewerbegebiet, es ist gegen 19.30 Uhr. Allerdings beschleunigt Latvala dank Allradantrieb und 315 PS unseren VW Polo R WRC heftig, und die Strasse hört einfach auf. Tatsächlich ist es eine Kuppe, und als wir abheben, sehen wir es, das schwarze Loch: den Nachthimmel, erblickt vom Beifahrerplatz. Der ist aus Schwerpunktgründen noch etwas tiefer angebracht als die Sitzschale des Piloten. Ich kann nur beten, dass der Mann am Steuer weiss, was er da tut. Und wo er landet. Was für ein Albtraum!

Aber selber schuld. Schliesslich habe ich freudig das Angebot angenommen, bei der Rallylegend während dreier Sonderprüfungen als Co-Pilot Latvalas Arbeit am Volant beobachten zu dürfen. An diesem jährlichen Event in den engen Grenzen der ältesten Republik der Welt fahren normalerweise historische Rallyefahrzeuge der siebziger bis neunziger Jahre, aber die heisseste Show liefern aktuelle Profis in fast aktuellen Autos – wie Hayden Paddon im Hyundai i20 WRC von 2014 und eben Latvala im WRC-Polo aus dem gleichen Jahr, der sich fast nur in der Schalt­arbeit vom neusten Racer unterscheidet: 2014 gab es noch keine Schaltwippen am Lenkrad.

Nur Full Speed oder Full Brake

Was mir niemand sagte: Latvala kennt nur Full Speed oder Full Brake – auch bei Events, die den Fahrern und den etwa 50'000 Zuschauern nur Spass machen sollen. Und dass der Finne so etwas wie kleine Privatwetten mit seinen Idolen Juha Kankkunen im Toyota Celica ST205 oder Markku Alén im Lancia Delta S4 laufen hat, wer in welcher Sonderprüfung schneller ist, erfahre ich auch erst im Auto. Dabei ist Latvala eigentlich einer der umgänglichsten, freundlichsten und verbindlichsten Typen im ganzen Rallyezirkus. Wenn er nicht am Steuer sitzt.

Die Vorbereitungen waren zunächst recht locker. «Einfach geniessen», hat mir Luis Moya geraten, der Profi-Co-Pilot, der einst beim zweifachen Rallyeweltmeister Carlos Sainz die Strecke ansagte. «Jari-Matti kennt die Strecke, die ist er im vergangenen Jahr schon mal gefahren.» Tatsächlich ist Latvala bekannt dafür, sich neue Pistenkombinationen schnell zu merken, das beruhigt. Moya erklärt trotzdem das Roadbook, aber den Aufschrieb in den Sonderprüfungen aufzusagen, hält er für sinnlos: «So schnell kannst du gar nicht folgen.»

Das hätte mich stutzig machen sollen. Aber spätestens mit der Präsentation der feuerfesten Unterwäsche und dem Anpassen des H.A.N.S.-Systems, das bei einem Unfall den Nacken schützt, hätte ich erkennen müssen, dass ein Latvala im Rennwagen nicht scherzt. Niemals.

Handbremswende im Feierabendverkehr

Nicht mal auf dem Weg zur ersten Sonderprüfung durch den Feierabendverkehr der Kleinstrepublik, als er «das Auto und seine Komponenten aufwärmt», wie er mir über Bordfunk erklärt. Das sieht folgendermassen aus: Mitten auf der (nur teilweise) zweispurigen Hauptstrasse, die sich den Berg hinaufwindet, bremst und beschleunigt der wilde Finne sein Sportgerät im Stossverkehr bei Wolkenbrüchen, sodass es nur noch hin und her driftet (ähnlich wie die F1-Fahrer am Ende ihrer Einführungsrunde, nur ohne Platz). Und als wir einen Kreisverkehr eine Strasse zu früh verlassen, wartet Latvala, bis im dichten Gegenverkehr eine winzige Lücke frei ist, und fädelt sich dort zwischen so braven wie perplexen Autofahrern mittels Handbremswende ein.

Die erste Sonderprüfung des frühen Abends, ­Piandavello, ist 6,6 Kilometer lang und besteht aus extrem engen Strassen und Gassen. Nur ein paar markante Stellen wie Bäume oder Häuserecken sind notdürftig mit fetten Strohballen gesichert. Der Dauerregen hat die Strassenränder aufgeweicht, mächtige Pfützen garantieren Aquaplaning. Die Marshalls zählen nach alter Manier an den Fingern die Sekunden bis zum Start ab, und bei null scheint Latvala seinen Glauben an die Physik auszuschalten.

Latvala schüttelt uns durch

Mit unglaublicher Präzision stellt er das Auto an, driftet um Kurven, und gefühlt hinterlässt er an jeder Ecke ein paar Anbauteile. Bei Bremse und Gaspedal kennt er mit seinen schnellen Füssen nur Null und Eins, jeweils schön im Wechsel. Seine unteren Gliedmassen tanzen in einem Tempo, das manche Menschen nicht mal mit den Armen hinbekommen. Latvala schüttelt uns durch, weil Rennwagen so hart wie ihre Piloten sind (oder andersherum), und es knallt, scheppert und rappelt. Mein Helm verrutscht – entweder ist er zu gross, oder mein Kopf schrumpft in gleichem Masse, wie der Rest meines Körpers ­zusammengestaucht wird.

Auch wenn ich nicht wirklich damit rechne: Wir sehen tatsächlich die Zielflagge. Latvala ärgert sich: Die Marshalls tragen keine Daten in die Zeitkarte ein – der Vergleich mit den Heroen seines Sports fällt aus. Das macht ihn nur noch heisser auf Le Tane. Diese nächste Prüfung ist 8,34 Kilometer lang und besteht aus vergleichsweise breiten Pisten. Leider.

Sich seinem Schicksal ergeben

Denn die verleiten den Racer dazu, noch einen Gang zuzulegen. Kennen Sie das Gefühl, wenn man sich seinem Schicksal ergibt, weil man das Geschehen mit keiner Tat und keiner Idee mehr beeinflussen kann? Ich bin in diesem Stadium angekommen, lasse locker, ziehe die Hosenträgergurte fester und entdecke tatsächlich Zuschauer am Wegesrand, die mir bislang völlig entgangen waren. Zwar bilden sie nicht mehr eine wogende Gasse, wie es bei den Rallyeläufen einst war, aber manche haben doch die ­Absperrungen missachtet – oder es sind keine da.

Plötzlich entdecke ich eine geschwenkte rote Flagge, die eigentlich den Rennabbruch signalisiert. Doch der Finne zuckt nicht mal mit einer Wimper und knallt am Streckenposten vorbei. Aus dem ­Augenwinkel sehe ich: Von wegen Streckenposten – es war ein Zuschauer, der euphorisch ein rotes ­T-Shirt schwenkt. «Manchmal irritiert so etwas wirklich», sagt Latvala, «aber hier war mir klar, dass nichts Schlimmes los ist. Sonst hätten zusätzlich ein paar Zuschauer auf der Strasse gestanden und Zeichen zum Verlangsamen gegeben.» Wie beruhigend.

Die letzte Verbindungsetappe: San Marinos wenige Strassenunterführungen sind total abgesoffen, der Feierabendverkehr staut sich überall. Latvala knipst die im Polo R WRC eingebaute Vorfahrt ein – Warten ist ihm zuwider. Er nutzt Fussgängerwege, Bankette und Parkplätze oder macht eine dritte Spur auf der zweispurigen Strasse auf. Die Autofahrer ­machen den Weg frei, so gut es geht. Vielleicht sind sie auch auf dem Weg zu The Legends.

Rein ins schwarze Loch!

Die Sonderprüfung The Legends ist das Highlight des Rallyes. «Das ist wie eine kleine Rundstrecke», freut sich Latvala. Die Hatz durch San Marinos betoniertes Gewerbegebiet ist nur gut 1,5 Kilometer lang, wird aber dreimal durchfahren, normalerweise mit vielen anderen Rallyeautos gleichzeitig. Jetzt nicht – wegen eines Unfalles lässt die Rennleitung die modernen Autos nur einzeln auf den Asphalt.

Latvala schlägt sich vor dem Start auf Arme und Brust – zum Wachmachen, Aufwärmen, Anfeuern. In Millimeterabstand jagt er dann an Betonmauern vorbei, auf denen Tausende nasse Zuschauer stehen und jubeln. Und dann beschert er mir jenen Schreckensmoment, als wir in dieses schwarze Loch fliegen.

Jederzeit wieder

Aber anstatt wie befürchtet ins Nirwana abzuheben, landet der Polo sanfter als gedacht auf irdischem Asphalt. Als alle vier Räder wieder Grip unter den Pneus haben, bremst Latvala voll ab, um die folgende Strohschikane zu meistern. Ein paar Mal links, ein paar Mal rechts, und vorbei ist mein Beifahrer-Job.

Latvala setzt den Helm ab und entschuldigt sich: «Sorry, dass ich etwas Gas heraus­genommen habe bei diesen Wetterbedingungen. Wenns trocken ist, gehts noch schneller.» Dabei lacht er, offen und entspannt. Mir dagegen klebt die feuerfeste Balaclava am Kopf, mein Lächeln wirkt gekünstelt. Was für ein Albtraum! Aber jederzeit wieder ...

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