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Privatschulen: Die Startrampe für Weltbürger

Sie kosten bis zu 130'000 Franken pro Jahr und bieten eine ­Rundum-Erziehung auf höchstem Niveau. Schweizer Privatschulen ­gehören zu den besten der Welt – doch der Konkurrenzdruck nimmt zu.

Von Iris Kuhn-Spogat
2015-07-21

Derzeit könnte er sein Internat mit Chinesen füllen. Balz Müller, Leiter des Lyceum Alpinum in Zuoz, selbst Vater, versteht das sehr gut, seit er vor einem Jahr erstmals in Shanghai und Beijing gewesen ist: «Die Luft ist stickig und verschmutzt, es ist lärmig, das Wasser kann man nicht trinken.» Würde er dort leben, würde auch er versuchen, seine Kinder in die Schweiz zu evakuieren. In Süd- und Mittelamerika wünschen sich Eltern und ihre Kinder wegen Attributen wie «sicher» und «stabil», in die Schweiz gehen zu können.

So gut der Internatschef den Ansturm aus Fernost und -west nachvollziehen kann, so entschlossen hält er dagegen – mit Quoten: Keine Nation darf mehr als zehn Prozent der Schüler stellen. Auf dass die Kinder nicht darum herumkommen, sich mit andern auszutauschen, sich zusammenzuraufen, zu «echten Weltbürgern» (Müller) heranzuwachsen.

Die derzeit 200 internen 12- bis 18-jährigen Jugendlichen im Lyceum Alpinum stammen aus 35 Ländern. Der Kulturenmix gilt als Asset und wird als solcher auch gemanagt. Etwa mit einem strikten Diskriminierungsverbot, der Berücksichtigung verschiedener Geschmäcker bei der Menugestaltung oder dem Verbot von Army-Hosen und Hotpants. Zudem werden die Kids eng geführt: Ihre Tage sind voll mit Unterricht, gecoachtem Lernen und Sportprogramm. Leistung wird belohnt, Misserfolg sanktioniert: Am Wochenende darf nur nach Hause, wer einen Notendurchschnitt von 4,75 oder mehr erreicht hat.

Lehrerwahl

Die Lehrerschaft spielt da natürlich eine wichtige Rolle. Sie zu rekrutieren, bezeichnet Müller als eine seiner grossen Herausforderungen. «Man muss den Winter hier mögen und vor allem die Übergangszeit.» Im CV von ­Bewerbern sucht er daher nebst den fachlichen Qualifikationen als Erstes die Hobbys. Outdoorfreaks haben bei der ­Selektion klar einen Vorteil.

Als noch grössere Herausforderung nennt Müller die «Rekrutierung motivierter Schüler mit Potenzial». Heisst: Die Eleven müssen zwar nicht von Anfang an brillieren, aber das Zeug haben, dereinst brillant abzuschliessen. Der Effekt: Im International Baccalau­reate (IB) schafft das Lyceum im Schnitt 32 Punkte. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 28. Beim Werben um neue Schüler kommen solche Überfliegerwerte gut an.

Klare Positionierung auf dem Rosenberg

So stolz Müller das Lyceum Alpinum als akademisches Spitzeninternat mit extensivem Sportprogramm – 25 Disziplinen von Cricket bis Yoga – anpreist, so klar positioniert Bernhard Gademann das Institut auf dem Rosenberg in St. Gallen als Internat, in dem Kinder ab sechs Jahren nicht nur den Knigge verinnerlichen, sondern ein jedes findet, was zu ihm passt: «Wir fördern jedes Kind individuell.»

Auf dem Rosenberg kann die Schweizer Matur gemacht werden, das deutsche Abitur, auch der britische GCE A Level, ein amerikanisches High School Diploma mit Advanced Placement Courses oder das italienische Esame di Stato. Mit dieser Palette steht Gademann in der Schweiz konkurrenzlos da.

Das Shareholder-Diktat

«Jeder Unternehmensberater würde sagen: Gohts no!», sagt Gademann, «aber wir leisten uns diese Vielfalt, sie macht uns aus.» Das Institut auf dem Rosenberg ist eigentümergeführt, jahrzehntelange Tradition und Gewohnheit haben im Geschäftsmodell des St. Galler Instituts viel Gewicht.

Vom Selbstbestimmungsgrad Gademanns können andere Internatsdirektoren nur träumen: Thomas Schädler vom Collège du Léman in Versoix GE etwa oder Frances King vom Internat Beau Soleil in Villars-sur-Ollon VD. Die einstigen Betreiber dieser Internate haben 2010 an die Nord Anglia Education Group (NAEG), einen in New York kotierten Bildungskonzern, verkauft. Schädler und King sind heute zwar nach wie vor klassische Internatsleiter, ihre Internate aber sind Profitcenter: NAEG mit Hauptsitz in Hongkong besitzt 41 Premium Schools in den USA, in Europa, im Nahen Osten und in Südostasien, beschäftigt 6600 Lehrer für 32'000 Schüler. Allen gemeinsam: das Shareholder-Diktat.

Zu wenig Schüler

«Inzwischen hört man ab und zu Sätze wie: ‹Ich muss bis Herbst das Internat voll haben›», berichtet Gerhard Pfister, Nachkomme der Gründer des Instituts Dr. Pfister in Oberägeri. Er hat den Traditionsbetrieb vor einem Jahr geschlossen. Erstens, weil er keinen Nachfolger hatte. Zweitens, weil das Internat zwar schwarze Zahlen schrieb, aber zu wenig Gewinn abwarf für die Modernisierung der Infrastruktur. Und drittens schmolzen die Schülerzahlen.

«Die öffentlichen Gymnasien in der Schweiz sind sehr gut», erklärt der CVP-Nationalrat, «und es gibt inzwischen auch noch die Berufsmatur.» Und es gibt eine zunehmende Anzahl privater Tagesschulen, die von immer mehr Eltern den öffentlichen Schulen und auch den weitaus teureren Internaten vorgezogen werden.

Neuer Player

Ein neuer solcher Player im Schweizer Markt ist die Gems World Academy in Etoy am Genfersee. Die Privatschule für Kinder zwischen 2 und 17 Jahren eröffnete 2013 – und beeindruckt mit einem Campus, der die öffentlichen Schulen alt aussehen lässt: modernst eingerichtete Unterrichtsräume, top ausgerüstetetes Ton- und Filmstudio und ein Sportcenter mit allem, was der Nachwuchs begehrt, inklusive Hallen- und Outdoor-Schwimmbecken. Kosten pro Schuljahr: um die 30'000 Franken.

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