«Ready for Wall Street?» oder «Wie man sich erfolgreich bei Investmentbanken bewirbt». Kein Witz, das waren noch am 18.  September Themen im Rahmen des Karriere-Entwicklungs-Programms des Career Services Center der Uni St.  Gallen. Mitten in der Finanzmarktkrise führte die HSG ihre «Investment Banking Days» durch, Studenten und Banken konnten sich beschnuppern. Das Interesse war ungebrochen. 355 Studenten nahmen teil, mehr als 2007, damals waren es 343.

Auch alle angemeldeten Investmenthäuser waren vertreten, mit Ausnahme der beiden, die bereits pleite oder in neuen Händen waren: Lehman Brothers und Dresdner Kleinwort. Vielleicht sei es angesichts der aktuellen Finanzmarkt-Turbulenzen nicht gerade der «ideale Zeitpunkt» für ein solches Get-Together gewesen, räumt der Leiter des Career Services Center, Thorsten Thiel, ein. Dafür hätten aber beide Seiten die Krise in ihren Gesprächen auch gleich aufnehmen können: «Insofern ­lagen wir richtig», so Thiel. Seit vier Jahren veranstaltet er die Investment-Banking-Schnuppertage, jedes Jahr ist das Interesse gestiegen. Jetzt aber müsse man das Format überdenken.

GLEICHE PRÄFERENZEN. Das Interesse der Studierenden an Jobs in der Finanzindustrie sei zwar nach wie vor ungebrochen. Nur dürften die Firmen künftig weniger rekrutieren. Auf der Online-Karriereplattform HSGtalents gehen die Jobangebote aus der kriselnden Finanzbranche bereits seit einem halben Jahr zurück. Bisher wurde die Entwicklung wettgemacht durch einen stetigen Anstieg der Angebote aus Beratungsfirmen, Konsumgüter- und Pharmaindustrie sowie KMU. «Wie stark sich die Krise auf die Nachfrage aus der Realwirtschaft auswirkt, muss sich erst zeigen», so Thiel.
Die Banken werden künftig eher im Bereich Kundenbeziehungen, Vermögensverwaltung oder Risikomanagement ausbauen: «Die Entwicklung zeichnet sich im Gespräch mit Personalberatern klar ab», sagt Thiel. Allein bei der UBS hat seit Ausbruch der Krise jeder dritte Investment Banker den Job verloren. In Studentenaugen waren sie die «Starklasse», sagt Ursula Knorr, Dozentin am Institut für Führung und Personalmanagement der HSG. «Sie galten als die Unantastbaren, die Königsklasse.» Mit der Finanzkrise sei dieser «Nimbus der Unfehlbarkeit angeschlagen». Wie die Oberschicht im Klassiker «Metropolis» stand die Gilde für ein paradisisch elitäres Leben im Luxus. Fritz Lang verfilmte seine Vision der über­dimensionierten, technisch entfesselten Stadt 1927, nur zwei Jahre vor der Weltwirtschaftskrise.

In einer Absolventenbefragung der Uni St.  Gallen gaben Anfang 2007 fast 50 Prozent die Finanz­industrie als interessanteste Branche an (siehe Grafik unten). An dieser Beliebtheitsskala ändert sich vorerst nichts. Dozentin Knorr hat am 10.  Oktober – mitten im Crash – eine Umfrage unter den Studierenden gemacht. «Interessanterweise bewerten sie einen Berufseinstieg im ­Finanzsektor als gleich attraktiv wie vorher, nur ganz wenige überlegen, ob sie ihre Präferenz ändern sollen.»

Gut so, findet Knorrs Fachkollege von der Uni Bern, Professor Norbert Thom: «Wer ein Flair für die Finanzwelt hat, soll auch dorthin.» Trotz dem brutalen Absturz sieht er keinen Grund für einen radikalen Wechsel der Präferenzen. Auch wenn die Banken in einzelnen Bereichen abbauen werden und die Saläre für Einsteiger bereits jetzt um bis zu zwanzig Prozent tiefer liegen: «Insgesamt wird der Finanzbereich in der Schweiz grosse Bedeutung behalten und weiterwachsen.»

STIEFKIND KMU. Doch Thom erinnert daran, dass die Schweiz in vielen anderen Bereichen ebenfalls in der «Champions League» mitspiele: Pharma, Medizinaltechnik, Maschinenbau oder Nahrungsmittel. Das wurde im Bankenboom gern vergessen. Dabei fristen laut Thom gerade die «KMU ein Stiefkinderdasein, die Studenten kennen oft nur die grossen Multis und denken zu wenig an die super Arbeitsplätze bei mittelgrossen Firmen wie Phonak, Straumann oder Ipsomed».

«Es ist durchaus denkbar, dass Industriefirmen als Arbeitgeber von der Finanzkrise profitieren», sagt Pius Baschera, Präsident des Baumaschinenmultis Hilti und Professor für Unternehmensführung am Departement für Management, Technologie und Ökonomie der ETH. So ganz glaubt er aber noch nicht daran: «Der Mensch vergisst schnell.»

Gerade Absolventen der technischen Hochschule zogen in den vergangenen Jahren statt in angestammte Bereiche lieber zu Banken oder Versicherungen. Dort waren Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure gesucht, etwa im Risikomanagement oder im Derivatebereich.

Das führte dazu, dass die Schere zwischen Nachfrage und Angebot immer weiter aufging. Das Nachsehen hatten die Industriefirmen: «Nicht zuletzt weil bei den Finanzdienstleistern höhere Löhne bezahlt wurden», sagt ETH-Dozent Baschera. Er meint, zumindest in diesem Punkt «könnte sich künftig vielleicht etwas ändern». Auch Pascal Forster, Partner beim Headhunter Russell Reynolds Associates, sagt: «Quer durch die Branchen klagen CEO, dass sie nicht genügend Ingenieure einstellen können.» Forster glaubt, dass die Kompensationsmodelle im Banking künftig «weniger aggressiv» gestaltet werden: «Damit könnte die Industrie wieder mit der Finanzwelt konkurrieren.»

Neue Studienrichtungen wie Nanotechnologie oder Medizinaltechnik geben technischen Berufen zusätzlich Sexappeal. Auch Bereiche wie Energie- oder Verkehrstechnik boomen. Ein veritables Revival erlebt die Studienrichtung Maschineningenieur: «Mit 350 neuen Zugängern ist 2008 einer der besten Jahrgänge überhaupt», sagt Dieter Wüest vom ETH-Rektorat, Experte für die verschiedenen Studiengänge. Ob der neue Trend stabil sei, müsse sich erst zeigen. «Gut möglich, dass die Ingenieure wieder in traditionelle Branchen gehen, falls sich die Situation in der Finanzindustrie dauerhaft ändert.»

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