Von:
Pascal Vuistener
Foto:
Bertrand Cottet / Strates
 

Nespresso-Chef Richard Girardot: «Wir werden uns bewegen»

Richard Girardot, CEO von Nespresso, fürchtet sich nicht vor neuen Konkurrenten. Auf einen Preiskrieg werde sich Nestlé gar nicht erst einlassen.

BILANZ: Wie erlebt Nespresso den Markteintritt von Konkurrenten,
die Ihnen Marktanteile streitig zu machen versuchen?

Richard Girardot: Das beunruhigt uns natürlich, aber es ist ein positiver Stress. Der Portionenkaffee stellt lediglich sieben Prozent des gesam­ten Kaffeemarktes dar, weist jedoch eine zweistellige Wachstumsrate auf. Wir wussten, dass andere sich ein Stück vom Erfolgskuchen abschneiden wollen. Wir haben uns seit einem Jahr darauf vorbereitet.

Wie beurteilen Sie Ihre Konkurrenten, das heisst Sara Lee mit Maison du Café, aber auch die Ethical Coffee Company, die von einem ehemaligen Nespresso-Direktor gegründet wurde?

Das sind zwei ganz unterschiedliche Fälle. Einerseits haben wir mit Sara Lee einen Riesen, der erheblich grösser ist als Nespresso. Andererseits haben wir jemanden, der versucht, die Schwachstellen unseres Systems zu entdecken. Das sind zwei ganz verschiedene Vorgehensweisen.

Hinzu kommt, dass im Fall der Ethical Coffee Company Jean-Paul Gaillard sozusagen ein Mann aus dem eigenen Hause ist?

Oh nein! Wenn er aus dem eigenen Hause wäre, hätte er das, was er getan hat, nicht gemacht. Das ist jemand, der potenzielle Schwachstellen gesucht hat, der bestrebt ist, die angeblichen Schwächen unserer Patentpolitik aufzudecken, und der sein Geschäftsmodell darauf aufbaut.

Fürchten Sie sich vor den Kapseln Ihrer Konkurrenten?

Nein. Im Fall von Sara Lee handelt es sich nicht um eine Kapsel, sondern um einen Kaffeefilter. Eine Kapsel ist hermetisch verschlossen.

Welches ist Ihrer Meinung nach der glaubwürdigste Angriff?

Ich habe noch nicht alle Produkte der Mitbewerber gesehen. Ich sehe vieles, ich lese vieles, ich höre vieles …

Hat Nestlé Druck auf die Coop-Gruppe ausgeübt, um ihr zu verbieten, diese Produkte zu vertreiben?

Nein. Wir verfügen nicht über eine solche Macht. Wie kommen Sie überhaupt auf die Idee, Nestlé könne Coop die Geschäftspolitik diktieren, wo doch der Grossverteiler letztes Jahr ein Konkurrenzprodukt zu Nespresso eingeführt und unseren Werbeslogan verfälscht hat?

Durch wie viele Patente ist Ihre Kapsel geschützt?

Wir besitzen über 1700 Patente, die nicht nur die Kapsel schützen, sondern auch unsere Maschinen und den dazugehörigen Extraktionskopf. Dieser sowie die Kapsel gehören zusammen.

Welche Patente werden auslaufen und es Ihren Konkurrenten erlauben, in die Bresche zu springen?

Die Kapsel von Sara Lee ist keine Kapsel, sondern ein Filter. Und was den anderen Mitbewerber betrifft, müssen wir das Produkt abwarten.

Aber Sie werden die Angriffe nicht tatenlos hinnehmen?

Wir müssen uns gezwungenermassen bewegen. Die Patente gehören dem Nestlé-Konzern. Wir haben keinen Grund, solche Angriffe einfach hinzunehmen. Das ist auch eine Frage des Respekts gegen­über der Arbeit unserer Teams. Die Patente stehen im Dienst der Innovation. Wir haben nicht Patente um der Patente willen, sondern um unsere Innovationen zu schützen. Wir haben 25 Jahre gebraucht, um unsere Marke aufzubauen. Wir werden sie verteidigen.

Und die Preise werden Sie senken?

Nein, das ist ausgeschlossen. Wenn ich sehe, dass unser stärkster Konkurrent zehn Prozent tiefere Preise anbietet, entspricht dies einer Einsparung von 1,5 Euro pro Monat oder 18 Euro pro Jahr. Unserer Meinung nach ist unser besonderes Angebot sehr wohl 18 Euro pro Jahr mehr wert.

Der Umsatz von Nespresso wird 2010 die Drei-Milliarden-Marke übersteigen. Sie besitzen 190 Boutiquen in 50 Ländern und werden dieses Jahr über 30 neue eröffnen. Welche Strategie verfolgen Sie?

Das Ziel der Boutiquen besteht darin, etwas Leben reinzubringen, das Nespresso-Erlebnis zu teilen. Das war das vorrangige Marketingziel. Mit der Zeit haben sich ­diese Boutiquen auch zu einem eigentlichen Verkaufsnetz entwickelt.

Haben Sie neue Projekte, die Ihren Kunden vor allem in den Städten das Leben zusätzlich erleichtern?

Ja. Seit Anfang Jahr testen wir in Paris ­eine Lieferung innerhalb zweier Stunden. Der Lieferant, der mit dem Velo oder dem Elektromobil unterwegs ist, bringt die ­Bestellung und nimmt die leeren Kapseln fürs Recycling mit.

Dann kann man also die Strategie, Nespresso-Kapseln in Supermärkten zu verkaufen, vergessen?

Genau. Unser Modell erlaubt es uns, mit den Konsumenten einen direkten Kontakt zu pflegen. Weshalb sollen wir unter dem Druck von zwei neu auf dem Markt auftretenden Konkurrenten ein erfolgreiches Geschäftsmodell ändern?

Eine weitere Erfolgsgeschichte sind die mittlerweile legendären Werbekampa­gnen mit George Clooney. Werden Sie weiterhin mit ihm zusammenarbeiten?

Ja. Wir arbeiten gerade an der nächsten Kampagne, für die er erneut als Botschafter auftreten wird. George verkörpert die verführerische, glamouröse Seite der Marke. Er gehört sozusagen zur DNA, obwohl er nicht von Beginn weg dabei war.

Sie planen, weitere 100 Millionen Franken in die Erweiterung ihrer Produktionsstätte in Avenches zu investieren.Sind Sie schon an die Kapazitätsgrenze gestossen?

Nein. Wir haben noch etwas Reserve, aber wir denken mittelfristig. 2009 lag unsere Produktionskapazität bei ungefähr 5 Milliarden Kapseln. Nach der Erweiterung werden wir in Avenches 9 Milliarden und in Orbe ungefähr 4 Milliarden herstellen.

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