11.01.2012 | 08:00
Von:
Stefan Barmettler
 

Schweizer Wirtschaft: Die Mächtigsten

Wer hat in den Konzernen das Sagen? Wer setzt die Themen? Wer hat die Macht? BILANZ kürt die einflussreichsten Frauen und Männer aus Wirtschaft, Wissenschaft, Public Relations und aus den Anwaltskanzleien.

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Das Donnergrollen aus der Finanzkrise hallt nach im Mächtigsten-Ranking der BILANZ. Seit 2008, dem Jahr der Lehman-Insolvenz, ist die Unruhe in den Chefetagen der Schweizer Wirtschaft gross. Diese Hektik wird 2011 in der Volatilität von Manager-Karrieren reflektiert. Oswald Grübel (2010: Rang 4) reichte nach dem UBS-Milliardenverlust in London die Kündigung ein und fällt aus den Rängen. Josef Ackermann, Noch-CEO der Deutschen Bank, muss seine persönliche Rückstufung hinnehmen. Der mächtigste Wirtschaftsführer im Jahr 2010 rutschte auf Platz 4 ab. «In den oberen Rängen ist viel in Bewegung geraten», resümiert Markus  Neuhaus, ­Jurymitglied und CEO von PricewaterhouseCoopers AG, Schweiz.

Neuhaus und 14 weitere Fachjuroren haben in den letzten Wochen die Chefs von Corporate Switzerland ­geprüft und bewertet – 2011 bereits zum zehnten Mal.

In vier Fachjurys wurde der Einfluss von Wirtschaftsgrössen nach einem dreiteiligen Raster bewertet (siehe «So wurde gerechnet» unter 'Nebenartikel'). Ausser der Kategorie Wirtschaftsführer nahmen die Juroren die Kategorien Wirtschaftsanwälte, PR-Berater und Ökonomieprofessoren unter die Lupe. 180 Wirtschaftsakteure standen auf dem Prüfstand, darunter 20 Frauen.

In der Königsdisziplin, bei den Wirtschaftsführern, wurde Vorjahressieger Josef Ackermann 2011 durch Nestlé-Präsident Peter Brabeck abgelöst. Ihm gebührt der Titel «mächtigster Wirtschaftsführer des Jahres 2011». Der Mann aus dem österreichischen Villach ist Mehrfachsieger: Bereits in den Jahren 2008 und 2009 holte er sich den Titel.

Eine würdige und plausible Wahl: Peter Brabeck ist der einzige Manager, der seit dem ersten BILANZ-Ranking (2002) konstant in den Top Ten figurierte. Dies basiert auf der Konstanz der Leistung, die der grösste Schweizer Konzern Jahr für Jahr abliefert.

Alte und neue Stars. Doch Brabeck wirkt über die Firma hinaus. Er ist ein weltweit gefragter Gesprächspartner in Sachen natürliche Ressourcen («Wasser geht der Menschheit schneller aus als das Erdöl») und führt in der Globalisierungsdiskussion, etwa am WEF, ein gewichtiges Wort.

Neben Brabeck küren die BILANZ-­Juroren weitere Sieger:
Bei den Wirtschaftsanwälten obsiegt Urs Schenker. Er ist Managing Partner und Aushängeschild der Grosskanzlei Baker & McKenzie. Wer es in dieser Branche an die Spitze schaffen wolle, verbinde Praxis mit Theorie, meint Juror Bjørn ­Johansson, Executive Search Johansson Associates. In der Tat: Schenker ist Privatdozent an der Universität St. Gallen und fleis­siger Verfasser von Fachaufsätzen.

Bei den Ökonomen ist 2011 eine Frau der Star: Beatrice Weder di Mauro. Die Baslerin, Expertin für internationale Volkswirtschaften, lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Als Mitglied des deutschen Sachverständigenrats berät die 46-Jährige Kanzlerin Angela Merkel in Eurofragen. Weder di Mauro hat 2011 bereits zum zweiten Mal die (männliche) Konkurrenz hinter sich gelassen.

Bei den PR-Beratern gewinnt 2011 ein alter Bekannter: Aloys Hirzel, Doyen in der strategischen Kommunikation und Gründungsmitglied der PR-Agentur ­Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten. Seine jüngste (und wohl lukrativste) Herausforderung ist ein Mandat beim weltgrössten Fussballverband, der Fifa in Zürich.

Viele Ausländer, wenig Einfluss. Bei den mächtigsten Wirtschaftsführern gab es 2011 weitere Verschiebungen: Hinter ­Brabeck rückte Notenbanker ­Philipp Hildebrand auf Rang 2 vor. Ein Novum, denn noch nie in den letzten zehn Jahren war ein Repräsentant, der nicht aus der Privatwirtschaft stammt, so weit vorne platziert. «In Zeiten der Unsicherheit wächst die Macht von ­Institutionen», resümiert Jurorin Sita ­Mazumder. ­Banken, Finanz- und Eurokrise haben die Notenbanker auf den Plan gerufen.

Hinter Hildebrand hat Shell-Chef Peter Voser einen Schritt nach vorne gemacht. Zu den Aufsteigern 2011 gehören auch UBS-CEO Sergio Ermotti, der neu auf dem 11. Platz rangiert, sowie Urs Rohner, seit diesem Frühling VR-Präsident der Credit Suisse. Er ist 2011 von Rang 37 auf Rang 5 vorgerückt. Sein Aufstieg in die Top Ten geht einher mit dem Abstieg seines CEO Brady Dougan. Der Amerikaner hat in den letzten Monaten gegen innen und gegen aussen an Strahlkraft eingebüsst. Ganz nach vorne schaffte er es ­ohnehin nie. Der Anteil der Ausländer in Verwaltungsräten und Konzernleitungen erreicht mit 19,4 Prozent zwar ein Allzeithoch, doch bei den Einflussreichen des Landes sind die Schweizer fast unter sich. Gerade mal ein Ausländer rangiert unter den ersten 15, zumindest ein halber – Brabeck, ein Österreicher, lebt seit Jahrzehnten am Genfersee. Juror Johansson: «Ausländer kommen und gehen – die Swissness bleibt.»

Irgendwann ist es allerdings auch für die Schweizer Zeit für einen Abgang, wie das Beispiel von UBS-Präsident Kaspar Villiger zeigt. Mit der umständlichen Grübel-Nachfolgeregelung hat er sich wenig Beifall geholt. Villiger sackte im letzten Jahr als VR-Präsident der grössten Schweizer Bank vom 40. auf den 81. Rang ab. Noch stärker ­getaucht ist nur Andy Rihs. Jahrelang ­bewegte sich der Sonova-Grossaktionär zwischen den Rängen 35 und 42. Nach einem Insider-Vorwurf und der Aufgabe des VR-Präsidiums bei Sonova fiel er auf Rang 104 zurück.

Frauen unter «ferner liefen». Dabei ist Hör­geräte- und Fahrradhersteller Rihs ein Antizykliker. Im Vormarsch ist eigentlich die Industrie. Während die Banker vor der Finanzkrise die Mehrheit in den Top Ten stellten (Ospel, Wuffli, Ackermann, Grübel, Kielholz, Hummler), dominieren nun die Industriellen: Brabeck, Voser, Roche-Präsident Franz Humer, Novartis-Präsident Daniel Vasella und Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler.

Frauen in Führungsfunktionen sind weiterhin dünn gesät. Im Mächtigsten-Ranking sind sie nur im Mittelfeld zu finden, obwohl sie dieses Jahr im Schnitt zehn Ränge zugelegt haben. Als einflussreichste Wirtschaftsfrau gilt Panalpina-Chefin Monika Ribar (Rang 49). Ihr folgt Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher. Sie hat sich von ihrem Vater Christoph Blocher emanzipiert. 2011 hat auch sie sich nach vorne bewegt – von Rang 71 auf Rang 54. Einen Schritt vorwärts machte Jasmin Staiblin, ABB-Schweiz-Chefin, die vom 62. auf den 55. Rang ­aufrückte. «Wo aber bleibt der Managerinnen-Nachwuchs?», fragt Jurorin Sita Mazumder. Vielleicht ist es ja Susanne Ruoff, die ab September 2012 Chefin der Schweizer Post sein wird.

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