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Fussball: Versteckte Fouls

Im vergangenen Jahr dürften Spielervermittler rund eine halbe Milliarde Franken eingestrichen haben. Sie gelten als Buhmänner im Transfermarkt. Doch auch die Clubs sind keine Waisenknaben. Nun handelt die Fifa.

VonUeli Kneubühler
19.08.2013
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In Florenz goss es wie aus Kübeln. Steve von Bergens rosa Trikot klebte an seinem Körper, Tropfen kullerten an diesem 12. Mai über das Gesicht des Schweizer Nationalspielers. Tropfen der Trauer. Fiorentina schickte von Bergens Palermo mit einem 1:0 in die Serie B. Mitte Juli stand er wieder auf dem Platz, im Berner Stade de ­Suisse. Einen Monat nach dem Spiel in Florenz unterschrieb er bei YB für fünf Jahre und dürfte jährlich gegen 900 000 Franken verdienen. Palermo zahlte offenbar 1,6 Millionen Euro. In den letzten zwölf Monaten wechselte er dreimal den Club. Alessandro Beltrami rieb sich die Hände. Er ist von Bergens Agent. Wechselt sein Schützling den Club, verdient er mit. Bewegung ist gut. Es ist das System Investmentbank: Je volatiler der Markt, desto grösser die Gewinne. Nun fliessen über die nächsten fünf Jahre geschätzte 500 000 Franken auf Beltramis Konto.

Die Geldmaschine Fussball übt eine gewaltige Anziehungskraft aus. Fussball kann jeder, schneller Reichtum winkt, die Qualifikation zum Spielervermittler ist gering. «Ich habe noch nie gute Erfahrungen mit Spielervermittlern gemacht», sagt ein Super-League-Sportchef. Doch ohne Vermittler läuft heute nichts mehr. Sie sind die Headhunter im globalisierten Fussballgeschäft. Ohne Spielervermittler wäre Xherdan Shaqiri nicht bei Bayern, Edinson Cavani nicht bei der AS Monaco und Neymar nicht beim FC Barcelona. Will der Club den Spieler, stellt er sich mit dem Agenten gut – gegen entsprechende Bezahlung – und zieht damit Kapital aus dem Fussballkreislauf, schallt es vom ­Zürichberg. Dort residiert die Fifa. Und ihr stinkt enorm, dass sich Vermittler an den oft klammen Clubs bereichern.

Üppige Provisionen. Tatsächlich haben Agenten 2012 gemäss Fifa von den 2,53 Milliarden Dollar Transferzahlungen 163 Millionen Dollar an Vermittlungsgebühren eingestrichen. Allerdings werden nur knapp ein Drittel der Transfers über Fifa-lizenzierte Agenten abgewickelt und erfasst. Faktisch dürften die Vermittlungsgebühren bei über einer halben Milliarde Dollar liegen. Besonders üppige Honorare schütten die englischen Vereine aus. 114 Millionen Franken waren es 2012. In der Schweiz liegen die Provisionen jährlich im einstelligen Millionenbereich, bei einem Transfervolumen von 64 Millionen Franken (siehe «Schlichtweg die Ressourcen nicht»).

Auf dem Zahlenparkett jongliert nicht der Spieler, dort führt der Agent den Ball. Paradox: Der Spieler schliesst zwar einen Vertrag mit dem Agenten, die Provision zahlt aber der Club. Agenten verdienen in der Regel nicht an der Transfersumme, sondern am Bruttojahreslohn ihrer Schützlinge. Je höher deren Gehalt, desto besser. Das stört die Clubs, sie reden von Kickbacks, überrissenen Forderungen, Spielerbeteiligungen und Interessen­konflikten. Die Branche untersteht zwar dem Arbeitsvermittlungsgesetz. Dieses schreibt eine Bewilligung und eine Provision von fünf Prozent des ersten Jahresbruttolohns des Spielers vor. Doch das Gesetz ist ein Feigenblatt. Bei Transfers schliessen die Vermittler Verträge statt mit dem Spieler mit den Clubs ab und hebeln damit die Fünf-Prozent-Grenze aus.

Unumgängliches Übel. So kämpfen in der Schweiz 69 Fifa-lizenzierte Vermittler in einem limitierten Markt. Und nicht nur sie. Immer mehr Anwälte mischen mit. Sie sind kraft ihres Amtes befugt zu vermitteln. Ebenso Familienmitglieder: Das Blut ist Qualifikation genug (siehe «So werden Sie Agent»). Ganz zu schweigen von jenen ohne Bewilligung. Die legalisieren ihr Tun damit, dass sie zum Vertragsabschluss einen Anwalt oder einen lizenzierten Kollegen mitbringen. In der Schweiz tummeln sich mindestens 100 Vermittler, Anwälte, Blutsverwandte und Möchtegerne. «Das sind einfach zu viele. Der Job ist so nicht seriös zu machen», sagt Fredy Bickel. Der YB-Sportchef sitzt im Bauch des Stade de Suisse und zuckt mit den Schultern. Er weiss: «Ohne Spielervermittler kein Spieler. Das ist Part of the Game.» Den Schweizer Clubs fehlen die Ressourcen, um den internationalen Spielermarkt abzugrasen. Topvermittler, oft ehemalige Fussballer oder Clubfunktionäre, sind hingegen bestens vernetzt, knüpfen entscheidende Kontakte und treiben nicht zuletzt die Transfersummen in die Höhe.

Der St. Jakob Turm glitzert in der Julisonne. Draussen läuft der Schweiss, in der Geschäftsstelle des FC Basel touren die Klimaanlagen. Es ist Hochsaison in der Branche, das Transferfenster schliesst für internationale Wechsel Ende August, für nationale Ende September. Im Tagesrhythmus landet ein Dossier des nächsten Messi bei Sportdirektor Georg Heitz. 3000 Spielerangebote flattern pro Jahr auf seinen Schreibtisch, der FCB transferiert pro Saison aber bloss sechs bis zehn Spieler. Heitz, trotz Hitze mindestens so cool unterwegs wie das Thermometer im Glasturm, sagt: «Agenten sind unumgänglich. Wir haben die Power nun mal nicht, den kompletten Markt zu beobachten.»

Sieben Spielerscouts hat der FCB auf der Payroll, die meisten im Teilzeitpensum. Das ist wenig und doch so viel wie bei keinem anderen Verein in der Schweiz. So zahlt auch der FCB, meistens in Form einer Pauschale. 5 bis 10 Prozent des Bruttojahreslohns des Spielers gehen in der Schweiz an den Vermittler, 7 bis 14 Prozent sind es in Deutschland. Heitz: «Vermittler sind wie Headhunter. Dass die Clubs sie bezahlen, ist indessen nicht logisch, aber systemimmanent.» Das Bild des Goldkettchen-behangenen, mit dubiosen Methoden operierenden Beraters gehört für Heitz aber in die Mottenkiste. «Wer vom Verband und von der Fifa lizenziert ist, kann sich ein unsauberes Auftreten nicht leisten. Wir machen nur Transfers mit lizenzierten Spielervermittlern.» Und doch: Das Geschwür der Kickbacks wuchert auch im Fussball. «Kickbacks werden uns ganz unverhohlen angeboten. Auch von Schweizer Agenten. Wer da mitmacht, ist weg vom Fenster.»

Wahnsinnsforderungen. Es ist ein Kampf auf Biegen und Brechen. Bei durchschnittlichen Spielergehältern von 250 000 Franken in der Super League kommen Agenten auf keinen grünen Zweig. Entweder man versucht es über die Masse, oder man schafft den Durchbruch zum Global Player wie IFM, Onegoal, Fairplay Agency oder Sportfront. Oder aber man versucht es mit abstrusen Forderungen, wie folgendes Beispiel zeigt: Ein ­Junior, kaum der Pubertät entwachsen, gerade mal eine knappe Saison bei einem Super-League-Club, erhält einen Vertrag über monatlich 6000 Franken, plus ­Spesen, Auto und Sonderzahlungen bei einem Natiaufgebot. Ein an­stän­diges Angebot. Nicht aber für den Vermittler: Er fordert das Doppelte. Bis ins dritte Vertragsjahr soll der Lohn auf fast 20 000 Franken ansteigen, zuzüglich Einsatzprämien. Der Vermittler selbst will für sich rund 13 Prozent Provision und eine Transferbeteiligung von 10 Prozent. Die Ablösesumme legt er selbst fest. Sie liegt bei über einer Million Franken.

Solche Geschichten sind es, welche die Halsschlagadern gewisser Sportdirektoren anschwellen lassen. Und nicht nur das. Die Spieler wirken nicht selten selbst als Multiplikator. Sie können ihren Agenten täglich vor die Tür stellen oder andere Vermittler mandatieren. Die Verträge sind jederzeit kündbar. Heitz: «Für uns ist es manchmal schwierig, überhaupt noch den Durchblick zu behalten, wer der eigentliche Ansprechpartner ist.»

Seriosität dank Kontinuität. Ein schmuckloses Sitzungszimmer in der Luzerner Swissporarena. Die Tür springt auf, der jüngste Sportdirektor der Super League, rotes Poloshirt, Jeans, Sneakers, platzt herein. «Wie lange brauchen Sie? Reichen 30 Minuten?», fragt Alex Frei (34) energisch. Mitte April wechselte der Rekordtorschütze der Nati in Luzerns Chefetage. Frei ist kompromisslos. «Wenn auf einmal mehrere Berater Ansprüche an­melden, ist das für mich ein Zeichen fehlender Loyalität. Dann wird es sehr schwierig.» Frei hat seine Prinzipien, wie sein ehemaliger Nationalmannschaftskollege Tranquillo Barnetta. «Es macht keinen guten Eindruck, wenn plötzlich vier Vermittler in deinem Auftrag verhandeln», sagt der Schalke-Spieler.

Barnetta wird seit seinem Karriere­beginn von Wolfgang Vöge und Franco ­Moretti von der Agentur IFM betreut. Frei hatte in seiner Karriere nur zwei ­Berater. Sein Onkel und ein der Familie nahestehender Anwalt vertraten ihn zu ­Beginn. Das änderte sich nach dem Transfer von Servette zu Rennes. «Ich sass irgendwo in einem Sitzungszimmer in Paris mit zwölf Personen am Tisch. Zehn davon kannte ich nicht. Das wollte ich nicht mehr.» Ein Jahr später hatte Frei den Berner Anwalt André Gross (Jürgen Klinsmann, Jens Lehmann) an seiner Seite.

Frei macht den Vermittlern keinen Vorwurf. Er nimmt aber die Clubs in die Pflicht. «Würden sich alle an die Spiel­regeln halten, würde es schwieriger für Spielervermittler.» Klar ist aber auch: Viele Spieler brauchen einen Babysitter. Nicht alle suchen ihre Wohnung in Dortmund oder Leverkusen selbst und eröffnen das Konto persönlich wie Frei oder Barnetta. Nati-Captain Gökhan Inler ist froh über die Betreuung seines Agenten. «Der Berater verhandelt, nicht ich. Der Spieler muss sich zu 100 Prozent auf den Fussball konzentrieren.» Der Napoli-Stratege ist seit mehr als zehn Jahren Klient bei der Fairplay Agency von Dino Lamberti – eine ungewöhnlich lange Liaison. Martin Müller, 1989 Schweizer Meister mit dem FC Luzern, und Lamberti führen ein Team von sechs Mitarbeitern. Der Umsatz liegt nach eigenen Angaben bei mindestens 1,5 Millionen Franken.

Inler erhält von der Zürcher Agentur das Komplettpaket. Dazu gehörte auch die Suche der neuen Wohnung in Zürich, die er jüngst kaufte. Das ist längst nicht alles. Inler: «Eigene Ernährungsberater, italienische Konditionstrainer, Mentaltrainer, Videoanalyse, Vitaminchecks, Blutkontrollen, die Betreuung der Website und des Facebook-Portals gehören zum Paket.» Genau deshalb sei er nicht bloss ein Vermittler, «der den schnellen Transfer im Kopf hat», sagt Lamberti. «Wir sind Berater.» Das ist besonders für ausländische Spieler in der Schweiz wichtig.

eBay für Spieler. Für brasilianische Spieler ist Lambertis Team der Babysitter. Versicherung, Wohnung, die Zahlung sämtlicher Rechnungen: Das Finanzielle übernimmt Martin Müller. Seinen heutigen Job gab es zu seiner Aktivzeit noch nicht. «Oft spielten damals bei den Clubs Spieler aus derselben Region. Verträge wurden in der Beiz ausgehandelt. Heute ist das System viel komplexer, Spieler haben oft gar nicht das Wissen, ihren Marktwert zu beziffern. Das macht der Agent.» Nicht selten laufen heute elf Ausländer auf, der Fussball ist globalisiert. Im Schlepptau gedeiht die Industrie der Spielervermittler.

Deren Zukunft ist indes ungewisser denn je. Die Fifa verschärft die Gangart. Die Vermittlerlizenz soll im Mai 2014 ­abgeschafft werden. Solange Clubs mit nicht-lizenzierten Vermittlern verhandeln, sei die Lizenz nutzlos, heisst es. An deren Stelle tritt ein Registrierungssystem, in dem die Vermittler transparent gemacht werden und gewisse Minimalstandards zu befolgen haben. Ob die Fifa damit das Problem der unseriösen Berater ent- oder verschärft, ist offen.

Weitreichendere Konsequenzen dürfte das Global Player Concept der Fifa haben. Eine Art eBay für Spieler auf dem Transfermarkt. Sucht ein Club einen Spieler, kann er diverse Faktoren selektieren und einen Club direkt angehen oder gar einen von der Fifa gestellten Scout engagieren. Das Ziel: Die Vermittler sollen ausgeschaltet werden. Die Fifa spricht von einer «Revolution» des Transfersystems. 2014 startet der Pilotversuch. Doch nicht nur die Clubs müssen mitmachen, sondern auch die Spieler. Sie kennen ihren Marktwert nicht, die Berater hingegen schon. Und auf diese verzichten sie ungern. Denn Spieler sind sich selbst am nächsten. Je höher das Gehaltspaket, desto besser. Wetten, Steve von Bergen würde dann noch in Italien kicken?


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