BILANZ 15/08 | 12.09.2008 | Unternehmen

Telekom-Rating 08: Die Kleinen kommen

Swisscom legt zu, Sunrise stürzt ab – vor allem aber werden die Nischenanbieter immer besser. Im BILANZ-Telekom-Rating 2008 gibt es einige Überraschungen.

Text: Marc Kowalsky
Bild: Andrea Caprez

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BILANZ-Telekom-Rating 2008

Nach längerer Ruhephase ist der Schweizer Telekommarkt die letzten zwei Jahre wieder heftig in Bewegung gekommen. Eine Sunrise, die in der politischen Diskussion ordentlich Rabatz macht; ein ComCom-Chef, der öffentlich die Zusammenlegung konkurrenzierender Handynetze vorschlägt und vom Parlament mehr Macht fordert; eine Tele2, die alle Investitionen gestoppt hat; ein Run auf Glasfasernetze, die mit Milliardenaufwand durch die Schweiz gezogen werden sollen. Dazu technologische Umwälzungen und über alldem ein gnadenloser Preiskampf.

So ist denn auch das BILANZ-Telekom-Rating 2008 geprägt vom Kampf um die Marktanteile. Dabei legen besonders die Nischenanbieter zu: «Alle grossen Anbieter ausser der Cablecom verlieren Umsatz», sagt Studienautor Jörg Halter, der die Untersuchung heuer bereits zum neunten Mal durchführte. Auch bei den Spitzenplätzen wird klar: Es sind die kleinen, feinen Spezialisten, welche die grossen Allroundanbieter ärgern, wo sie nur können.

SUNRISE AUSSER FORM. Das wird besonders im Fixnetz deutlich: Hier hat die Telefonie mittels Internettechnologie, Voice over IP (VoIP), den Durchbruch geschafft. Unter den sechs Bestplatzierten finden sich gleich vier Anbieter (E-Fon, Sipcall, VTX und Cablecom), die gar keine traditionelle leitungsvermittelte Technologie mehr im Programm haben. «VoIP hat sich vom Bastlerimage gelöst und wird auch nicht mehr nur mit Skype in Verbindung gebracht», sagt Halter. «Diese Lösungen sind überraschend schnell im Bu­sinessmarkt angekommen.» Mit dem Ergebnis, dass die Margen massiv sinken. Zum ­einen, weil diese Anbieter nur noch den Internetanschluss verrechnen ohne die Telefongrundgebühr. Zum anderen, weil bei den heutigen Bandbreiten IP-Telefonate kaum Kosten verursachen. «In Zukunft wird man nur noch mit dem Access Geld verdienen», folgert Martin Steinmann, Co-Autor der Studie.

Auf den ersten beiden Plätzen liegen wie im Vorjahr Colt und E-Fon. Regelrecht abgestürzt von Platz vier auf acht ist Sunrise. Das Unternehmen in dänischem Besitz ist der grosse Verlierer des diesjährigen BILANZ-Telekom-Ratings: Im Fix-netz und im Mobilfunk belegt es jeweils den letzten, unter den Internetanbietern den vorletzten, als Datenprovider den drittletzten Platz.

«Wir haben im Geschäftskunden­bereich viele interne Veränderungen vorgenommen. Da haben wir auf Kundendienstseite sicher Fehler begangen», sagt Sunrise-Chef Christoph Brand. Das dürfte nicht der einzige Grund sein. Auch die Kommunikation spielt eine wichtige Rolle: Während Swisscom und Orange mit Marketingkampagnen gezielt den Businessuser angehen, wirbt Sunrise hauptsächlich um den Privatkunden und kommuniziert diesem günstige Preise und Einfachheit. Doch anspruchsvolle Geschäftskunden glauben schon lange nicht mehr an Einfachheit in der Telekommunikation, entscheidend für sie sind stattdessen Qualität und Innovation.

Vor allem aber sieht sich Sunrise seit zwei Jahren in der Rolle des Liberalisierungsopfers und schiesst gezielt gegen die Swisscom. «Das aggressive Auftreten von Sunrise-Chef Brand gegenüber der Swisscom ist nicht Schweiz-like. Das hat Sunrise nicht positioniert, sondern eher den Markt verunsichert», sagt Halter. Dazu gehört auch die ständige Forderung nach tieferen Wholesalepreisen für ADSL, weil Sunrise mit dem Wiederverkauf sonst Geld verliere – sprich: sich das Angebot langfristig nicht lohnt. Doch ein Angebot mit ungewisser Zukunft ist für einen Businesskunden uninteressant. «Dort will man Sicherheit», sagt Halter. Mit der bevorstehenden Entbündelung gibt es laut Brand mehr Freiheiten in der Produktgestaltung – und dadurch auch wieder Hoffnung auf ein besseres Abschneiden von Sunrise.

Der Mobilfunk bleibt das Sorgenkind des Schweizer Telekommarktes: Der Wettbewerb spielt auch zehn Jahre nach der Liberalisierung nicht, stattdessen herrscht ein sauberes Oligopol: In all den Jahren fanden sich im Telekom-Rating immer nur dieselben drei Anbieter: Orange, Sunrise und Swisscom. Alternative Carrier kamen auf keinen grünen Zweig: Tele2, Inhaber der vierten GSM-Lizenz, hat alle Investitionen in der Schweiz von einem Tag auf den anderen gestoppt und wird sich wohl aus dem Markt zurückziehen; In & Phone, der fünfte GSM-Lizenzinhaber, ging letztes Jahr in Nachlassstundung und versucht jetzt mit frischem Geld einen Neustart; virtuelle Anbieter wie The Phone House spielten nie eine Rolle. Die Folge heute: Der Mobilfunk zeigt im Rating die niedrigste Kundenzufriedenheit; speziell die Preise werden als Zumutung empfunden. «Der Wettbewerb ist eine Katastrophe», sagt Halter. So hat sich auch die Reihenfolge nicht verändert, im Gegenteil: Swisscom liegt noch deutlicher vorne, Sunrise noch weiter zurück als im Vorjahr. Kein Wunder, denn Sunrise führt kein konkurrenzfähiges Businessangebot zu den Blackberry-Services, die heute Branchenstandard sind. Dass Sunrise als Einzige zudem nicht das iPhone im Programm hat, schadet der Positionierung weiter. Stichwort iPhone: Noch kaum eine Rolle spielt die Datenkommunikation; die Wahrscheinlichkeit ist aber gross, dass sich dies im nächsten Jahr eben wegen des iPhone ändert.

CABLECOM IM STEIGFLUG. Deutlich mehr los ist im Bereich Corporate Networks, Datendienste für Unternehmen: Hier wurde die Ordnung der letzten Jahre kräftig durchgeschüttelt. Wie stark dieser Markt professionalisiert ist, zeigt sich in der Kundenzufriedenheit: Sie ist im Schnitt höher als in jedem anderen Bereich. Und dieser Markt wird den Standard setzen für den Rest des Telekommarktes: «Die Erwartungshaltung steigt», sagt Halter. Auch hier sind Anbieter mit einem eigenen Netz im Vorteil: Sie können die Qualität der Dienstleistung von Anfang bis Ende kon­trollieren. So stehen gleich drei Anbieter mit einer eigenen Last Mile an der Spitze dieser Kategorie.

Wieder auf Platz eins kommt die Cablecom. Der Kabelnetzanbieter hat sich aus seiner schweren Imagekrise, in die er vor zwei Jahren geraten war, langsam herausgearbeitet – das ist positiv für das Geschäftskundenergebnis, sowohl bei den Datendiensten wie auch als Internet Service Provider (ISP). «Cablecom wird der Swisscom noch zu schaffen machen», glaubt Martin Steinmann.

Aber auch die Swisscom kann zufrieden sein, setzt sie doch ihren Aufwärtstrend der letzten Jahre fort und liegt nun schon auf Platz zwei der Netzwerkdienstleister. Auch im Bereich der Internetdienste, als ISP also, hat sie ordentlich vorwärtsgemacht und sich von Platz sieben auf vier verbessert. «Es gibt eine Tendenz zurück zur Swisscom, quer durch alle Bereiche», sagt Halter. In der Qualität war der Ex-Monopolist schon immer gut, jetzt hat er sich auch bei weichen Faktoren wie der Kundenbetreuung verbessert. «Inzwischen stellt Swisscom nicht nur die Multis,
sondern auch die KMU zufrieden», hat Halter festgestellt.

RÜCKSCHLÄGE FÜR COLT. Unter den ISP ist die Konkurrenz am grössten. Über 400 Anbieter sind beim Bakom gemeldet, nicht weniger als 119 (!) erhielten in der BILANZ-Umfrage Bewertungen – ins Ranking schafften es aber nur acht Anbieter. Ihre Führungsposition verloren hat Colt. Letztes Jahr belegte die Londoner Firma mit dem eigenen, weltumspannen­den Glasfasernetz gleich in drei Kategorien den Spitzenplatz, heuer musste sie nicht nur als ISP, sondern auch bei den Datendienstleistungen spürbare Rückschläge einstecken. Die deutlich erweiterte Produktpalette und das starke Wachstum – mit entsprechenden Auswirkungen auf den Support – dürften der Grund sein für die gesunkene Kundenzufriedenheit. Im Fixnetz bleibt Colt immerhin unangefochten an der Spitze.

Erstmals bester Internetprovider ist Cyberlink. Das Unternehmen, 1995 gegründet, betätigt sich als Wiederverkäufer von Swisscom-Diensten und hat dazu eine eigene Infrastruktur in 50 Swisscom-Telefonzentralen installiert. «Unsere typische Stammkundschaft sind die, die es nicht mit der Swisscom können und auch nicht mit der Cablecom. Von denen leben wir ganz gut», sagt Geschäftsführer Ramon Amat. Tätig ist Cyberlink ausschliesslich in der Deutschschweiz. Fixtelefonie führt Amat nicht im Angebot und verweist die Kunden dafür lieber auf E-Fon, an der Cyberlink zu 20 Prozent beteiligt ist. «Wir versuchen, weniger zu machen, das aber dann richtig», sagt Amat.

Schon viel länger, nämlich seit 1986, gibt es die Firma VTX. Dennoch bezeichnet sie Halter als «heimlichen Newcomer». Zu Recht, denn in den letzten Jahren hat VTX still und leise eine Reihe von Konkurrenten geschluckt – etwa Tiscali, die Genfer Deckpoint sowie die Schweizer Aktivitäten von Cable & Wireless. So hat man sich langsam, aber sicher im Ranking nach oben gearbeitet. Heuer liegt VTX (der Name geht auf den in den achtziger Jahren populären Videotext-Dienst zurück) als ISP auf Platz zwei und im Fixnetz auf Platz drei. Mit 200 Mitarbeitern und 65 Millionen Franken Umsatz ist VTX «der kleine Anbieter unter den grossen oder der grosse unter den kleinen», wie es Marketingchef Bertrand Carcel ausdrückt. Als diesen Winter endlich die ersten Telefonzentralen der Swisscom entbündelt wurden, stellte VTX als Erste daraus ein kommerzielles Angebot zusammen.

VORTEIL WENDIGKEIT. Dieses Unbundling dürfte den Schweizer Telekommarkt in den nächsten Jahren noch einmal markant bewegen. Und nicht nur das: Dass die im Internet verfügbare Bandbreite in den letzten Jahren auf zehn MBit gestiegen ist, hat VoIP ins Rollen gebracht und damit die Fixnetztelefonie durchgeschüttelt. Mit der nun anstehenden Erhöhung auf 25 MBit steht der nächste Technologiesprung bevor, und dieses Mal trifft es einen anderen Markt: Der Bereich Corporate Networks dürfte umgekrempelt werden durch das Application Software Providing (ASP), auch bekannt als Software as a Service. Dank den hohen verfügbaren Bandbreiten laufen die Programme nicht mehr verteilt auf die einzelnen Rechner der Benutzer oder einen zentralen Unternehmensserver, sondern werden in grossen Rechenzentren beherbergt. Der Benutzer arbeitet über Internet damit, als würde das Programm auf seinem eigenen PC laufen.

Seit dem IT-Hype um die Jahrtausendwende wird diese Vision von den IT-Dienstleistern wie HP, IBM oder T-Systems gepusht. Nun wird sie langsam Realität. Und hier sind nicht die grossen etablierten Player stark, sondern es trumpfen wiederum die kleinen, wendigen Herausforderer wie Cyberlink, VTX, Green.ch oder Netstream. Im Fixnetz werden die Kleinen den Grossen ebenfalls weiter zusetzen. Und die Konsolidierung wird sich beschleunigen, besonders bei den Corporate Networks und im Bereich ISP. Nächstes Jahr, wenn das BILANZ-Telekom-Rating sein Zehn-Jahr-Jubiläum feiert, ist weiterhin Action angesagt.

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