BILANZ 06/07 | 30.03.2007 | Unternehmen

Energie: Die neuen Saubermänner

Ob Geothermie, Wind- oder Solarenergie: Immer mehr Multimillionäre bringen Umweltbewusstsein und Geschäftssinn in Einklang – und investieren in erneuerbare Energien. Ohne Subventionen.

Text: Walter Pellinghausen
Bild: Keystone

Während die westliche Welt einschliesslich des Schweizer Nationalrates derzeit über das Thema Kernenergie heisse Debatten führt und Wege sucht, um die drohende Klimakatastrophe zu verhindern, haben prominente Unternehmer schon vor Jahren diskret den Grundstein zur Gewinnung erneuerbarer Energien gelegt. Ob Wella-Erbe Immo Ströher, Schweiz-Liebhaber und Schraubenmilliardär Reinhold Würth oder die Rehau-Kunststofffabrikanten Jobst und Veit Wagner – sie alle haben zig Millionen investiert in eine hoffentlich bald CO2-ärmere Umwelt.

Die Nase besonders weit vorn haben zurzeit allerdings Investoren, deren Kompetenz bis anhin ausschliesslich im Bekleidungsbusiness zu liegen schien: die Nachkommen der Textildynastie C&A Brenninkmeijer. Seit vielen Jahren bündelt der vielköpfige Clan sämtliche Interessen in Zug bei der dort angesiedelten Cofra Holding. Unter deren Dach prosperieren Firmentöchter, deren Namen zwar schön klingen, die jedoch bisher allenfalls Insidern geläufig waren.

Beispiel: Good Energies Inc. (GEI), seit der Jahrtausendwende mit dem plakativen Versprechen «Power for a Better World» und inzwischen extrem profitablen Beteiligungen im Solar- und Windkraftgewerbe am Start. An der Spitze der GEI gibt Marcel Egmond Brenninkmeijer, Jahrgang 1958 und bekennender Katholik, kräftig Gas. Als temporärer Chef der schweizerischen C&A-Filialen hatte er in den neunziger Jahren kaum überdurchschnittliche Ergebnisse abgeliefert. 1998 verabschiedete er sich in ein Sabbatical Year, absolvierte Zusatzstudien am IMD und in Harvard und kehrte offensichtlich mit nachhaltigen und – mindestens ebenso wichtig – geldwerten Visionen zurück.

Von den (Buch-)Gewinnen, die Good Energies unter Marcel Egmond Brenninkmeijers Regie derzeit scheffelt, können seine Cousins im klassischen Kleiderhandel nur träumen. Mehr als 1,7 Milliarden Franken Profit innerhalb von nur neun Monaten kann GEI allein aus dem Verkauf einer Beteiligung an der norwegischen Renewable Energy Corporation (REC) bilanzieren. Dafür müsste jemand fürwahr lange stricken – im angestammten C&A-Konzern mit weltweit mehr als 1000 Filialen jedenfalls schafft der Milliardärsclan der Brenninkmeijers nicht annähernd solche Traumrenditen.

Die Börsenkapitalisierung aller Beteiligungen von Good Energies betrug per ultimo 2006 drei Milliarden Euro. Die Investments in die Solarenergie, von Concentrix im deutschen Freiburg über Norsun in Norwegen und Konarka Technologies in den USA bis hin zur chinesischen Trina Solar, glänzen. Das gleichermassen aussichtsreiche Geschäftsfeld der Windkraft kurbelt GEI bevorzugt in Nordamerika an mit Beteiligungen zum Beispiel an Eolectric und Ventus in Kanada oder Second Wind Systems, Tier 3 und Mag-Wind in den USA.

Rund die Hälfte der bei GEI ausgewiesenen Börsenkapitalisierung des Portfolios findet sich gegenwärtig freilich bei der Q-Cells, mit 3,5 Milliarden Euro Wert derzeit der Highflyer im deutschen TecDAX.

Am Q-Cells-Kapital partizipiert Brenninkmeijers GEI mit knapp der Hälfte. Als Partner dort agiert Immo Ströher, Nachkomme und Erbe des Wella-Gründers Franz Ströher. Nach dem Verkauf des Haarpflege- und Kosmetikkonzerns an Procter & Gamble stand der Wella-Clan vor der schwierigen Aufgabe, gegen fünf Milliarden Euro reinvestieren zu müssen. Immo Ströher liess an der Poststrasse in Zug die Ströher Finanzholding registrieren und setzt einen Teil seiner Zuflüsse auf erneuerbare Energien. Bei Q-Cells reduzierte er im Vorjahr – vielleicht zu früh – seinen Anteil, gehört jedoch weiterhin neben Marcel Brenninkmeijer dem Kontrollgremium an.

Während Ströhers Zuger Beteiligungsvehikel Wertpapiere des nach eigenen Angaben «grössten unabhängigen Solarzellenherstellers der Welt», Q-Cells, massiv abstiess, hat Brenninkmeijers GEI mit einem cleveren Schachzug vor wenigen Wochen seine Position auf «49,55 Prozent der Gesamtanteile» hochgeschraubt und parallel dazu eine noch rosigere Zukunft programmiert. Q-Cells nämlich durfte von GEI 17,9 Prozent an der norwegischen REC übernehmen, dem «weltweit grössten Hersteller von multikristallinem Silizium sowie von Siliziumwafern für die Solarzellenproduktion». Die norwegisch-deutsche Partnerschaft, zu der zusätzlich Elkem Solar in Oslo gehört, «sichert die langfristige Versorgung mit metallurgischem Silizium».

Schraubenkönig Reinhold Würth (7,74 Milliarden Euro Umsatz, knapp 55 000 Mitarbeitende) präsentierte im vergangenen Herbst die «weltweit erste Grossserienproduktion von siliziumfreien CIS-Solarmodulen». CIS steht dabei für eine chemische Verbindung aus Kupfer (C), Indium (I) und Selen (S) und ersetzt bei diesem neuen Verfahren den «bisher zur Umwandlung von Sonnenlicht in Strom üblicherweise verwendeten und derzeit knappen Halbleiter Silizium».

Wie sehr der Patriarch vom durchschlagenden Erfolg seiner Würth Solar überzeugt ist, dokumentiert sein Verzicht auf Subventionen. Hätte er das hochtechnologische Werk im kriselnden Ostdeutschland aus dem Boden gestampft, hätte er bis zu 35 Millionen Euro Zuschüsse einsacken können. Der ausgewiesene Mann der Tat soll solche Gedanken enger Mitarbeiter brüsk vom Tisch gefegt haben: «Wenn wir Subventionen brauchten, dann vergessen wir den Plan besser gleich.»

In diesem Jahr sollen rund 175 Beschäftigte in der neuen Fabrik in Schwäbisch-Hall bereits gegen 200 000 Solarmodule fertigen. In den Bau der Produktionsstätte investierte die Würth-Gruppe 55 Millionen Euro, «die höchste Einzelinvestition in der Unternehmenshistorie». Geldgeber Reinhold Würth erläutert seine Motive: «Ich war immer ein neugieriger Mensch, und die Fotovoltaik fasziniert mich.»

Auf Fotovoltaik und Solarthermie baut auch der Kunststoffgigant Rehau aus dem bernischen Muri (3,5 Milliarden Franken Umsatz, 14 000 Mitarbeitende). Die Brüder Jobst und Veit Wagner, Söhne des Rehau-Gründers Helmut Wagner, lassen jedoch zusätzlich Mutter Erde anzapfen. Geothermie heisst das Zauberwort, und Rehau verspricht, «mit der Erde zu heizen und zu kühlen».

Während Wettbewerber vollmundig das Drei-Liter-Haus propagieren, also mit einem Verbrauch von drei Litern fossiler Brennstoffe pro Quadratmeter Wohnfläche kalkulieren, sind die Rehau-Tüftler bereits weiter. «Bei Rehau sind wir auch dieses Jahr wieder gut unterwegs», berichtet Verwaltungsratspräsident Jobst Wagner und deutet eine Konzentration an «auf das Thema der regenerativen Energien». Spannend klingt, was der visionäre Konzernlenker verschämt in Anführungszeichen setzt: «Null-Liter-Haus».

Wohl dem, der einen Wissensvorsprung hat wie Wagner. Denn auch er ahnt: «Der Markt kommt jetzt stark in Bewegung.»

 

 

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