BILANZ 16/09 | 11.09.2009 | Unternehmen

Telekom-Rating 2009: Ein Markt wie Zement

Das zehnte BILANZ-Telekom-Rating zeigt: Der Markt ist stabil, die Positionen sind bezogen. Doch nur auf den ersten Blick.

Text: Marc Kowalsky

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Zehnjahresentwicklung


«Was nur tun mit dem Telefonanschluss? Die Antwort wird immer schwieriger. Denn laufend kommen neue Anbieter auf den Markt, wird das Leistungsspektrum unübersichtlicher und der Tarifdschungel undurchdringlicher.» – So schrieben wir im Jahr 2000, beim ersten Telekom-­Rating der BILANZ, zwei Jahre nach der Liberalisierung des Schweizer Telekommarktes. Es waren die wilden Jahre einer stürmisch wachsenden Industrie. Heute, zum Jubiläum des zehnten BILANZ-­Telekom-Ratings, präsentiert sich ein ganz anderes Bild: «Der Markt ist langweilig», sagt Jörg Halter von der Telekom­beratung Ocha, der damals wie heute die Umfrage durchführte. Doch das gilt nur auf den ersten Blick.

Es fehlen, so scheint es, schlicht die Impulse. «Es hat auch keine Persönlichkeiten mehr, die den Markt pushen», sagt Branchenkenner Halter. Walter Heutschi (Swisscom), Roman Schwarz (Tele2), Hans Ivanovitch (Sunrise), die im letzten Jahrzehnt den Markt aufgemischt haben: seit langem abgetreten. Andreas Wetter (Orange): seit kurzem im Halb­ruhestand. Christoph Brand (Sunrise): deutlich zahmer geworden, nicht zu vergleichen mit seinem Aggressivitätslevel noch vor einem Jahr. Guido Honegger (Green.ch): von der Bildfläche verschwunden. Die Unternehmertypen fehlen, statt­dessen ­regieren Manager die Schweizer Telekombranche – und mit ­ihnen die Unauf­geregtheit.

Ein Neuer Gewinner. So zeigen sich die Ergebnisse im zehnten Jahr des ­BILANZ-Telekom-Ratings auf den ersten Blick kaum anders als im neunten. Die Veränderungen sind subtil. Der neue Gewinner im Fixnetz etwa, E-Fon, steht für den Technologiesprung zur VoIP-­Telefonie (Voice over Internet Protocol). Damit stösst er den Dauersieger Colt nach sechs Jahren vom Thron. Colt setzt den Abwärtstrend fort, der im letzten Jahr mit dem Verlust der Spitzenposi­tionen als Internetprovider und Datenlieferant begann.

Etwas erholt vom letztjährigen Absturz hat sich Sunrise. Im Fixnetz hat sich das zweitgrösste Schweizer Telekom­unternehmen vom 8. auf den 5.  Platz verbessert, und im Mobilfunk ist man wenigstens näher an Swisscom und Orange herangerückt. Die ­verstärkte Kundenorientierung unter Christoph Brand beginnt sich also auszuzahlen. Zudem wurde die heikle Aufgabe der Integration von Tele2 erfolgreich ­gelöst – «ein super Job, Hut ab!», sagt Halter. Obwohl Tele2-Kunden als «chronische Motzer» (Studien-Co-Autor Martin Steinmann) bekannt sind, hat sich Sunrise in den Zufriedenheitswerten nicht­ verschlechtert.

Beim Hauptkonkurrenten Swisscom ist die Verbesserung der Kundenpflege messbar. Im Fixnetz ist Swisscom einen Platz nach oben geklettert, weil der Drittplatzierte des Vorjahres, VTX, heuer zu wenig Nennungen für ein statistisch relevantes Ergebnis bekam und deshalb aus der Wertung genommen werden musste. Im Mobilfunk liegt die Swisscom unverändert auf Platz 1. Im Bereich Corporate Networks teilt sie sich nun den Spitzenplatz mit Cablecom, nachdem sie letztes Jahr noch knapp dahinter gelegen ist. Als Internet Service Provider (ISP) hat die Swisscom einen Rang verloren. Als «grosse, stille Maschine, die den Markt schluckt», bezeichnet sie Steinmann.

Interner Konflikt. Zwei Problemfelder hat die Swisscom aber nach wie vor nicht gelöst: Zum einen leidet sie unter dem Image des Preistreibers. Obwohl die Tarife im Marktmittelfeld liegen, wird die Swisscom als teuer wahrgenommen, ­besonders im Mobilfunk. Weil der Ex-Monopolist hier auch ungeschickt defensiv argumentiert – etwa bei den Roaminggebühren –, gilt er nach wie vor als Marktverhinderer. Die zweite Baustelle ist das Fixnetz: Hier hat Swisscom-Chef Carsten Schloter in den letzten Jahren keine Antwort gefunden auf die stetig an Bedeutung gewinnende IP-Telefonie, die sein Geschäftsmodell – für jedes ­Gespräch wird einzeln kassiert – mit Flat ­Rates massiv bedroht. Aus Angst, sich selbst zu kannibalisieren, verzichtet die Swisscom auf VoIP-Angebote, wie sie E-Fon oder Sipcall bieten. «Diesen internen Konflikt zwischen traditioneller und IP-basierter Telefonie muss die Swisscom endlich lösen», sagt Halter.

Weiterhin ein zwiespältiges Bild gibt die Cablecom ab: Als Datenlieferant im Bereich Corporate Networks ist sie nach wie vor spitze, auch wenn sie sich heuer den ersten Platz mit Swisscom teilen muss. Der Geschäftskundenbereich ist weiterhin vom Rest der Cablecom-Organisation getrennt und zeigt, wie das Unternehmen eigentlich funktionieren müsste. Denn in den anderen Bereichen, im Fixnetz und als ISP, schneidet die Cablecom, die demnächst UPC heissen wird, nur mässig ab. Hier leidet sie unter ihrem schlechten Image im Consumerbereich. Dieses zu verbessern, wird die Hauptaufgabe des neuen CEO Eric Tveter sein, der im Mai sein Amt angetreten hat. Erste organisatorische Veränderungen gehen denn auch stark in Richtung Verbesserung des Kundendienstes.

Einziger Newcomer im diesjährigen Rating ist der Internetprovider Solnet, der dafür gleich auf Platz 2 einsteigt. Der Solothurner Anbieter hat sein Einzugsgebiet in den letzten Jahren kontinuierlich erweitert und bedient nun Kunden bis nach Graubünden; heuer bekam er erstmals genug Nennungen, um in die Wertung einzufliessen. Die Fokussierung auf Internetdienste zahlt sich für SolNet aus: Nur ein Zehntelpunkt fehlt zum Spitzenrang.

Es wäre nicht der erste Wechsel an der Spitze. Ein Blick auf die Zehnjahresentwicklung (siehe im Anhang) zeigt: Internetproviding ist der Markt, in dem am meisten Bewegung herrscht. Beinahe jedes Jahr belegt ein anderer Anbieter die Führungsposition. Es gibt eine grosse Anzahl Marktteilnehmer («ein Jekami», Halter), wobei die Nischenanbieter dominieren, nachdem – mit Ausnahme von Colt – alle internationalen Player früher oder später verschwunden sind. «ISP scheint ein sehr lokales Business zu sein», sagt Co-Autor Steinmann.

Oligopol. Auch im Fixnetz sind die internationalen Anbieter wie Global One, WorldCom, Multilink wieder verschwunden. Dies, nachdem die Liberalisierung zunächst eine wahre Welle an neuen Marktteilnehmern hervorgebracht hatte. Nach der Konsolidierung folgte vor zwei Jahren eine neue Welle dank dem Technologiewechsel zur IP-Telefonie.

Am wenigsten los war in den letzten zehn Jahren im Mobilfunk: Es waren immer die gleichen drei Anbieter, die es ins Ranking schafften; ihre Reihenfolge ist seit drei Jahren unverändert. Die Kundenzufriedenheit mit den Anbietern ist konstant am geringsten im Vergleich zu den anderen drei Märkten. Das sind typische Zeichen eines Marktes, der es vom Monopol nicht weiter als bis zum Oligopol gebracht hat.

Hoffnung auf mehr Bewegung gibt es. Die neuen Handyanwendungen – wie Google Maps auf dem iPhone – dürften den Mobilfunkmarkt wieder aufmischen. Im Fixnetz ist Ähnliches zu erwarten dank dem Ausbau der Glasfaserverkabelung: Sie erlaubt neue Anwendungen wie Fernsehen in High Definition (HDTV) und Application Service Providing (ASP) und bietet damit neuen Anbietern eine Chance, sich zu profilieren. Das zweite Jahrzehnt der Telekom-Ratings dürfte bewegter beginnen, als das erste aufhört.

 

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