BILANZ 04/10 | 03.03.2010 | Unternehmen

Twitter: «Mitbekommen, was passiert»

Twitter-Mitgründer Biz Stone erklärt den Sinn ­von Kurznachrichten, wie man damit Geld verdient und warum Twitter die Konzentration fördert.

Text: Patrick Bernau
Bild: Corbis

BILANZ: Biz Stone, über Twitter kann ­jeder im Internet 140 Zeichen lange Nachrichten verschicken. Wozu ist das gut?

Biz Stone:
Das ist gut, damit andere Leute schnell erfahren, was jetzt gerade um sie herum passiert. Via Twitter bekommen Sie Informationen innerhalb von Sekunden, wenn Sie beispielsweise wissen wollen, was das eben für ein Lärm gewesen ist.

Diese Antwort hätte aber die 140 Zeichen überschritten, die Sie erlauben.
In 140 Zeichen hätte ich gesagt: Twitter ist ein Informationsnetzwerk, über das man herausfinden kann, was jetzt gerade passiert.

Was kann man denn in 140 Zeichen überhaupt lernen?
Da gibt es viel mehr, als Sie denken. Es ist schon zu einer Kunstform geworden, ­einen sehr guten Tweet zu dichten.

Also eine Twitter-Nachricht.
Sie können aber auch einen Link zu einer Internetseite verschicken. Aber das ist gar nicht immer nötig. Denken Sie an eine Fernsehshow oder ein Naturereignis. Die Menschen wollen sich darüber austauschen. Denken Sie an eine Konferenz: Auf Twitter sehen Sie etwa, ob Sie in einen anderen Vortrag wechseln sollten.

Der Chef des Computerkonzerns Sun hat kürzlich seinen Rücktritt auf Twitter verkündet, in Form eines Haikus.
An so etwas dachten wir früh. Wir dachten, dass die Beschränkung auf 140 Zeichen die Kreativität aus den Leuten hervorbringt. Einer schlug mal vor, dass wir die Leute tatsächlich zu Haikus zwingen sollten. Das haben wir dann doch nicht gemacht.

Hätten Sie nicht auch 160 Zeichen ­nehmen können, die wir von der SMS gewohnt sind?
Unsere Wahl hing sogar mit der SMS zusammen. Als wir anfingen, kümmerten wir uns nämlich nur um SMS. Twitter sollte dazu dienen, dass man unterwegs Informationen verschicken konnte. Wir nahmen dann eine Obergrenze von 140 Zeichen, um in der SMS genügend Platz für den Namen des Absenders zu haben.

Den Durchbruch hatte Twitter bei einem Filmfestival.
Ja, das Film- und Musikfestival South by Southwest war 2007 unser Durchbruch. Dieses Festival hatte auch einen Technologie-Teil. Während einer Sitzung standen plötzlich viele Leute auf, weil sie per Twitter mitbekommen hatten, dass eine Sitzung am anderen Ende des Ganges interessanter war.

Für die Konferenz ist das störend, wenn plötzlich alle Leute abhauen.
Wir beschleunigen nur das, was in der Welt sowieso per Mundpropaganda passiert. Bei Kinofilmen zeigt sich das schon jetzt: Wenn freitags viele Leute ins Kino gehen und den Film schlecht finden, dann berichten sie das auf Twitter. Das kann sich bereits auf die Besucherzahlen vom Samstag auswirken. Für die Konferenz lässt sich sagen: Vielleicht sollte einfach der Redner besser sein. Wir üben also Druck aus, damit man besser wird.

Die Leute werden jedoch abgelenkt.
Bei solchen Technikkonferenzen haben die Leute sowieso ständig den Laptop ­offen. Twitter hilft, dass die Leute der ­Diskussion folgen und ihre eigenen ­Gespräche darüber führen.

Niemand kann alle Informationen ­verarbeiten, die auf einen einströmen.
Stimmt. Ich habe auch das Gefühl, dass ich den Informationen nicht mehr beikomme. Zum Beispiel habe ich drei E-Mail-Postfächer. Da kommen jeden Tag Hunderte Mails an, und jeder erwartet, dass ich ihm zurückschreibe. Auch deshalb entwickelten wir Twitter.

Bitte?
Ja, auf Twitter sind die Erwartungen anders. Keiner muss sofort zurückschreiben, jeder kann so oft angekoppelt sein, wie er will. Während eines grossen Ereignisses will man mitbekommen, was passiert, während des Oktoberfests etwa. Dann kann man wieder ein paar Tage weg sein, und niemand wird deshalb sauer.

Oft braucht man Live-Informationen, die Twitter uns gibt, nicht so dringend. Manchmal erfahre ich nur, was es bei anderen Leuten zum Mittagessen gibt.
So stimmt das nicht. Es gibt auf Twitter ­jederzeit etwas Interessantes. Da ist nicht nur das Mittagessen, sondern es gibt auch Menschen, die sich erzählen, welches Restaurant gut ist. Oder welche Züge Verspätung haben. Darin stecken Informationen, die für Sie relevant sind. Das merken Sie am schnellsten, wenn Sie auf Twitter nach einem Produkt suchen, das Sie interessiert. Oder nach einer Firma. In Zukunft müssen wir besser herausfiltern, welche Nachrichten relevant sind.

Bisher suchte man sich vor allem Leute aus und abonnierte deren Nachrichten.
Künftig geht es nicht mehr so sehr darum, wie viele Leute die Nachrichten eines Einzelnen bekommen, sondern vielmehr darum, dass immer die entscheidenden Informationen oben stehen. In einiger Zeit werden wir Ihnen auch Informationen geben können, von denen Sie gar nicht wussten, dass Sie sie brauchen würden.

Wie soll denn das gehen?
Das kann zum Beispiel abhängig davon sein, wo Sie sich gerade befinden. Vor kurzem erfuhr ich über Twitter, dass bei uns in San Francisco die Bay Bridge gesperrt war. Und jeder, der auf seinem Heimweg über die Bay Bridge muss, will das so früh wie möglich wissen.

Das funktioniert nur, wenn ich Ihnen auch immer sage, wo ich gerade bin.
Ja, seit kurzem können uns Menschen ­ihren Aufenthaltsort nennen, wenn sie das wollen. Aber das möchte nicht jeder. Deshalb sammeln wir diese Daten nur, wenn Leute sich dafür ausdrücklich anmelden.

Seit kurzem hat auch Google einen neuen Dienst namens Buzz, über den man auch Kurznachrichten verschicken kann und der bereits Informationen filtert.
Das ist keine direkte Konkurrenz für uns. Dort schickt man Nachrichten an seine Kontakte, auf Twitter an viele Leute. Aber Buzz ist ausgesprochen innovativ und zeigt, dass wir uns stetig verbessern müssen.

Google ist ausserdem einer Ihrer wichtigsten Geldgeber. Sie stellen Ihre Tweets Google und Microsoft für deren Suchmaschinen zur Verfügung. Das bringt Ihnen so viel Geld, dass Sie schwarze Zahlen schreiben.
Über die Verträge erzählen wir keine Einzelheiten. Wir sind auch für andere Firmen offen, auch für Leute, die in einer Garage an einem Start-up arbeiten. Heute gibt es mehr als 50  000 Programme und Websites, die mit Twitter zusammenarbeiten.

Google hat schon viele junge Internetfirmen finanziert. Viele haben Schwierigkeiten, andere Geldquellen zu finden, und bleiben von Google abhängig. Da ist es ungünstig, wenn Google einen Konkurrenzdienst aufmacht.
Uns geht es in dieser Kooperation hauptsächlich darum, unsere Informationen weiterzugeben. Das wird nicht unser langfristiges Geschäftsmodell. Dieses haben wir noch gar nicht vorgestellt.

Gerüchte besagen, Sie würden Geld von Firmen, die Twitter nutzen, verlangen?
Das ist ein Teil. Wir wollen Firmen helfen, ihren Kunden einen besseren Service zu bieten. Es gibt schon einige kleine Cafés, Fluglinien und Läden, die über Twitter mit ihren Kunden kommunizieren. Das ist zum Teil Marketing, zum Teil Kundenservice. Die Kunden können via Twitter zum Beispiel eine Frage stellen, und sie bekommen Antwort. Eines Tages wird es spezielle Firmenaccounts geben.


Zwitscherer:
Twitter-Creative-Director Biz Stone (35) hat mehrere Internetseiten v­orangetrieben, auf denen Menschen sich ausdrücken konnten: erst die Blog-Seite Xanga, dann bei Google deren Blog-Dienst Blogger. Beim Werkeln an einer Seite für Podcasts, einer Art Internetradio, entstand der Kurznachrichtendienst Twitter (deutsch: Gezwitscher). Twitter wurde bald zum Hauptgeschäft, das von Biz Stone gemeinsam mit seinen Kollegen Jack Dorsey und Evan Williams gegründet wurde.

 

 

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